Bangkok Im 59. Stock klärt sich das Chaos

„Touristen strömen in die Stadt, die im Thai ihre eigene Vergangenheit bewundern und agieren, als wollten sie sagen: Wir waren auch mal klein und unterwürfig und ineffektiv. Dann sehen sie die Speisen überall und sagen: Wer soll das alles essen? Dann die Massagesalons: Wer soll so viele Verspannungen haben? Dann die Frauen: Wer soll das alles lieben?“ – Roger Willemsen, Bangkok Noir.

Ganz oben, auf der Dachterrasse des Banyan Tree Hotel (Übersetzungshilfe: Google-Translator) steht der Gast mitten in der Stadt plötzlich weit über den Dingen. 59 Stockwerke hoch trägt einen der Aufzug weg aus dem Gewühl und Gelärm der Straßen Bangkoks, kaum ein Laut davon dringt noch in die Höhe. Unten liegt die Stadt der Engel, Krung Thep,  fast ruhig, eine bunte Landschaft aus Licht und Dunkel, die Straßen fließen gemächlich als Ströme aus gelben Scheinwerferketten dahin. Die Beleuchtung der Dachterrasse des Banyan ist dezent, im Halbdunkel unter dem wolkenverhangenen Nachthimmel schlürft der Gast seinen süßen Bangkok Sunrise und knabbert an den Snacks, die die Kellner immer wieder in kleine Schälchen auf dem Tisch nachfüllen. Einer davon ist der Deutsche Benjamin Scheiter. Nach einer Reihe von Thai-Kellnern, die uns auf dem Weg zu einem freien Tisch alle mit einem Wai, dem landesüblichen Gruß, einer Verbeugung mit gefalteten Händen, begrüßen, fällt er sofort auf mit seinen blonden Haaren und der hellen Haut. Er ist jetzt seit einer Woche in Bangkok und wird neun Monate bleiben. Der 23-Jährige arbeitet in Deutschland in einem Hotel in Freudenstadt, das einen Austausch mit dem Banyan Tree Hotel pflegt. „Über Bangkok kann ich noch nicht so viel sagen“, meint er, „ich konnte neben der Arbeit noch nicht so viel sehen.“ Und sein Arbeitsplatz liegt ja nun mal weit über den Dingen.

Viele Deutsche leben und arbeiten in Bangkok

Man muss nicht lange nach ihnen suchen, es gibt viele Deutsche, die in Bangkok leben und arbeiten, manche vorübergehend, viele bleiben aber auch dauerhaft. Bemerkenswert viele davon sind sogar aus Baden-Württemberg wie Benjamin Scheiter, der aus der Nähe von Baden-Baden stammt. Ebenfalls gerade frisch in Bangkok gelandet ist Miriam Velasco. Sie studiert in Freiburg Wald- und Forstwirtschaft und macht ein neunmonatiges Praktikum bei der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (Food and Agricultural Organisation) der Vereinten Nationen. Miriam hat mit ihren Eltern 15 Jahre in La Paz in Bolivien gelebt und sie kennt Lima, die Hauptstadt Perus, wo ihre Eltern jetzt leben. Beide, vor allem aber Lima seien auch riesige, lebendige, laute Städte, aber nichts im Vergleich zu Bangkok, sagt sie. Langsam nur beginne sie klarzukommen hier. Am Anfang war sie nur erschlagen. „Ich reise sehr gerne und es macht mir Spaß, mich auf andere Kulturen und Städte einzulassen“, sagt sie. „Aber Bangkok ist unglaublich.“

Unglaublich laut, unglaublich chaotisch, anstrengend, hart ausgedrückt: menschenfeindlich. Ich als Mitteleuropäer vom Lande, der mit einem Jetlag von fast 17 Stunden Flug und fünf Stunden Zeitverschiebung hier ankommt, fühle mich erdrückt von der Hitze und dem chaotischen, dröhnenden Leben auf den Straßen, eine brodelnde Mischung, die einen kaum einmal zu Atem kommen lässt.

Hinter der n ächsten Ecke geht es weiter...

Und trotzdem ist auch genau das der Reiz Bangkoks. Hier kann der Besucher nicht nach ein paar Tagen sagen: Jetzt hab ich das Wichtigste gesehen und weiß wie die Stadt tickt. In Bangkok gibt es hinter der nächsten Ecke immer wieder etwas Neues, das man noch nicht gesehen hat. Und das scheint kaum aufzuhören: zwischen dem Wahnsinn des sündigen Herzens der Sukhumvit Road mit seinen Bargirls und Sexclubs und der Khao San Road, einst Mekka der Backpacker, heute eine Art fröhlich-ausgelassener Ballermann mit Wodka-Eimern und Biertürmen; von den zahllosen großen und kleinen Tempeln und Klostern, eines bunter und goldener als das andere, bis zu den den gigantischen Malls wie dem Siam Paragon oder dem Man Boon Krong Center, in denen es ALLES zu kaufen gibt, was man sich vorstellen und nicht vorstellen kann. Aber auch eigentlich keine einzelne, auf den ersten Blick noch so unscheinbare Straße ist gleich wie die andere, außer, dass scheinbar überall am Straßenrand mindestens eine kleine Garküche steht. Überall beströmen die mobilen Küchen die Passanten bei jedem Schritt mit ihren Gerüchen, mal wohlriechend verlockend, oft übelriechend, für die verwöhnte Westler-Nase abstoßend... das alles hört nie auf und macht, bis auf ein paar wenige Stunden nach Sonnenaufgang, keine Pause, wird nie uninteressant, sondern höchstens ganz einfach: zu viel.

Ungewohnte Bewegungsfreiheit

Dabei gehört es auch zum Besonderen an Bangkok, dass man sich überall und überallhin gefahrlos frei bewegen kann. Gewalt oder Kriminalität sind keine Bedrohung. „Es gibt eigentlich nur Taschendiebe“, sagt Karl-Ludwig Günsche, der seit einem Jahr in Bangkok lebt und für deutsche Medien wie die Stuttgarter Nachrichten aber auch Spiegel Online schreibt. Sein 16-jähriger Sohn Benjamin sagt: „Man kann in Bangkok super weggehen, weil man überall ohne Probleme frei hin kann.“ Mit seinen Freunden ist Benjamin auch hin und wieder noch spät nachts in der Stadt unterwegs. Wenn es zu spät wird und die Skytrain, mit der Metro das wichtigste öffentliche Verkehrsmittel, nicht mehr fährt, nimmt er ein Taxi. Eine halbe Stunde braucht er so aus der Innenstadt nach Hause. Bangkok ist nicht Benjamins erste Großstadt, er hat mit seinen Eltern vorher fünf Jahre in Kapstadt gelebt. Die Unterschiede gerade in der Bewegungsfreiheit sind frappierend. „In Kapstadt kann man zum Beispiel nachts nicht mehr Taxi fahren“, sagt er. Zu gefährlich.

Nicht so in Bangkok. Und so kommt es, dass wir die Ruhe und Erhabenheit der Dachterrasse des Banyan Tree nach einem Drink wieder verlassen. Obwohl wir wissen, in welchen Moloch wir da gerade wieder absteigen. Doch es zieht einen hinab: Es gibt darin einfach noch zu viel zu entdecken, zu viel zu sehen, zu viel zu erleben.

Über diesen Blog

Unser Volontär Reinhold Manz wird in den folgenden zwei Wochen in diesem Blog täglich aus Bangkok berichten (wenn er nicht von der Flut weggespült wird, die in den nächsten Tagen als die schlimmste seit 50 Jahren erwartet wird). Er wird von seinen Begegnungen mit Deutschen erzählen, die in Bangkok leben und überleben, von Benjamin Scheiter, dem jungen Hotelkellner im Banyan Tree Hotel, Miriam Velasco, der Praktikantin bei der FAO, Karl-Ludwig Günsche, dem Auslands-Journalisten und seiner Familie, von Otto Duffner, der mitten in Bangkok ein Restaurant mit Deutschen Spezialitäten führt, aber auch von einem ganz besonderen Hotel, The Atlanta, das einst in den 50er-Jahren ein Chemiker aus Berlin gegründet hat, dessen Interieur seitdem fast unverändert erhalten ist und das direkt im Zentrum der Bars und Bordelle, als eines der ganz wenigen Hotels eine offensive No-Sextourists-Politik vertritt. Einer der nächsten Berichte in diesem Blog wird die Aktivitäten von Bosch in Thailand zum Thema haben. Reinhold Manz hat dazu den Bosch-Thailand-Chef, den Deutschen Peter Vandlik, getroffen.

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