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Bayern NSU-Prozess: Plädoyers gehen weiter

Die Angeklagte Beate Zschäpe sitzt neben ihrem Anwalt Mathias Grasel. Foto: Peter Kneffel/Archiv Foto: dpa

München.
Mit Frontalangriffen auf die Hauptangeklagte Beate Zschäpe, aber auch auf die Bundesanwaltschaft haben im NSU-Prozess die Plädoyers der Nebenkläger begonnen.

Nach zwei Monaten Stillstand wegen vieler Befangenheitsanträge und wochenlanger Unterbrechungen läuteten die Rechtsanwälte Edith Lunnebach und Mehmet Daimagüler damit eine neue Phase in dem Mammutverfahren ein.

Lunnebach griff Zschäpe, die sich als Mittäterin an allen Morden und Anschlägen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" vor dem Münchner Oberlandesgericht (OLG) verantworten muss, frontal an. Sie warf der mutmaßlichen Rechtsterroristin Menschenverachtung und Lügen vor und sprach sie direkt an: Man könne "nur hoffen, dass Sie, Frau Zschäpe, eines Tages das Ausmaß der Verbrechen, an denen Sie beteiligt waren, begreifen werden und Ihre tatsächliche Schuld spüren".

Lunnebach kritisierte, mit ihren schriftlichen Einlassungen habe Zschäpe ein "menschenverachtendes Rührstück" aufgeführt. Sie warf ihr "selbstbespiegelnde Weinerlichkeit" vor und bescheinigte ihr die Fähigkeit, situationsbedingt zu lügen - und die dreiste Erwartung, damit durchzukommen. Zschäpe müsse als Mittäterin verurteilt werden, forderte Lunnebach, stellte aber selbst keinen konkreten Strafantrag.

Bundesanwalt Herbert Diemer hatte in seinem Plädoyer die Höchststrafe gefordert: lebenslange Haft und anschließende Sicherungsverwahrung. Zschäpe soll von allen Verbrechen des NSU, darunter zehn vorwiegend rassistisch motivierte Morde, gewusst und diese unterstützt haben.

Lunnebach griff aber auch Diemer massiv an: Sie warf den Anklägern unzureichenden Ermittlungseifer, eine Diskreditierung von NSU-Opfern und deren Angehörigen, Selbstgerechtigkeit und Unverschämtheiten gegenüber den Nebenklage-Anwälten vor. Insbesondere kritisierte sie, dass die Bundesanwaltschaft weiter davon ausgehe, dass es sich beim NSU um eine Terrorzelle aus lediglich drei Personen gehandelt habe.

"Ich weiß nicht, warum sich die Bundesanwaltschaft mit der einfachen Antwort und der Zuschreibung der Taten in die Isoliertheit des Trios zufriedengibt", sagte die Anwältin, die eine iranischstämmige Familie vertritt, auf deren Geschäft der NSU einen Sprengstoffanschlag verübt haben soll. Lunnebach vertrat die Auffassung, dass an diesem Anschlag ein unbekannter Mittäter beteiligt gewesen sein müsse. Sie warf den Anklägern vor, weitergehende Aufklärungsbemühungen der Nebenklage diskreditiert oder behindert zu haben. "Große Strafprozesse schreiben doch immer ein Stück Geschichte", sagte sie. "In der Rückbetrachtung werden Sie sich in der Rolle des Bremsers wiederfinden."

Auch Daimagüler, der unter anderem die Tochter eines NSU-Mordopfers vertritt, betonte, seine Mandanten hätten sehr wohl Zweifel an der These der Bundesanwaltschaft von einer "isolierten Zelle". Derlei Zweifel seien aber von Diemer als "Fliegengesumme" diskreditiert worden. "Ich würde mir wünschen, dass Sie diesen Menschen mit Respekt und nicht mit Hochmut begegnen", sagte Daimagüler zu Diemer. Die Bundesanwaltschaft aber suggeriere "die Scheinsicherheit, alles ermittelt zu haben und alles zu wissen". Daimagüler argumentierte dagegen, das NSU-Trio sei "der Kern eines deutschlandweiten Netzwerks von Nationalsozialisten und Rassisten" gewesen.

Zschäpe ist das einzige noch lebende Mitglied des NSU - ihre Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt haben sich den Ermittlungen zufolge nach einem fehlgeschlagenen Banküberfall im November 2011 getötet.

Das Verfahren gegen sie und vier Mitangeklagte läuft seit Mai 2013. Die Plädoyers der rund 50 Nebenklage-Anwälte dürften insgesamt viele Wochen dauern. Anschließend sind dann die Verteidiger am Zug.

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