Beispiel Schorndorf Was macht eigentlich ein Oberbürgermeister?

Wenn er, wie beim Neujahrsempfang, seine Amtskette anlegt, dann wird’s ernst. Und dann genießt es der Oberbürgermeister auch, die uneingeschränkte Meinungshoheit zu haben. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Schorndorf. Wenn ihn Grundschüler fragen, was er als Oberbürgermeister eigentlich so macht, dann sagt Matthias Klopfer der Einfachheit halber immer, er sei Bundespräsident, Bundeskanzler und Bundesratspräsident in einem. Präsident, weil er viel repräsentiert und Hände schüttelt, Kanzler, weil er Chef der Regierung, Pardon: der Verwaltung ist, und Bundesratspräsident, weil er die Sitzungen des Gemeinderats und der Ausschüsse leitet.

Und Letzteres, sagt Klopfer, macht ihm eigentlich am meisten Spaß – obwohl er da formal am wenigsten zu sagen hat, weil er – neben den 32 Stadträtinnen und Stadträten – nur einer von 33 ist und er genauso nur eine Stimme hat wie jede(r) andere auch. „Wenn etwas beschlossen wird, dann nicht, weil ich das will, sondern weil der Gemeinderat das will“, macht der Oberbürgermeister deutlich, der außerhalb dessen, was im vom Gemeinderat abgesegneten Haushaltsplan hinterlegt ist, gerade mal über 2500 Euro frei verfügen kann.

Was natürlich nicht heißt, dass eine starke Verwaltung – „Wir haben eine sensationelle Mannschaft“, sagt Klopfer – bestimmte Entscheidungen nicht in die von ihr gewünschte Richtung lenken kann oder dass es innerhalb des Rahmens, den der Haushalt vor- und hergibt, keine Spielräume gibt: „Natürlich muss ich nicht den Gemeinderat fragen, wie ich mit dem Personal jongliere“, so Klopfer, der aber den Fahrplan für die Sitzungen – die der Ausschüsse müsste er gar nicht selber leiten, macht’s aber gerne – in aller Regel mit dem Ältestenrat abstimmt.

Ein Gemeinderat, wie er sich ihn jederzeit wieder wünschen würde

Aber wenn er sich jetzt, da die Gemeinderatswahlen vor der Tür stehen, einen Gemeinderat wünschen könnte – welchen würde er dann nehmen? „Ich würde mir einen wie den jetzigen in Schorndorf wünschen“, sagt der Oberbürgermeister, ohne dass er das ganz genau an den aktuell noch gewählten 32 Personen festmacht. Es geht Matthias Klopfer mehr ums große Ganze: „Immer wenn es kritisch wird, ist sich der Gemeinderat seiner Verantwortung bewusst“, ist die Erfahrung, die der Oberbürgermeister in den letzten 13 Jahren gemacht hat – und zwar unabhängig von wechselnden Mehrheitsverhältnissen.

Und umgekehrt hat Matthias Klopfer den Eindruck, dass der Gemeinderat auch weiß, dass er sich auf die Verwaltung und speziell auf den Chef der Verwaltung verlassen kann. „Wir stehen bei der Gartenschau so gut da, weil der Gemeinderat die Chance für die Stadt erkannt und weil er akzeptiert hat, dass der Oberbürgermeister und sein Bürgermeister eine Zeit lang in einer Doppelfunktion unterwegs sein müssen“, sagt er mit Blick auf seinen Gartenschauvorsitz und die Gartenschaugeschäftsführung durch Thorsten Englert. Dass es ungeachtet dieses Vertrauensverhältnisses immer wieder zu kleineren Scharmützeln im und mit dem Gemeinderat kommt und dass das Gremium oder einzelne Fraktionen der Verwaltung und dem OB zwischendurch auch mal zeigen wollen, wer hier eigentlich das Sagen hat – wie etwa jüngst bei der Diskussion um den Grafenbergkreisel –, das versteht Klopfer nur allzu gut.

Auch wenn er sich vielleicht mal schnell ärgert. Wichtig sei, dass man danach wieder zusammenstehen, ein Bier trinken und über den VfB reden könne, sagt er und gibt mit Blick etwa auf die aktuelle Tempo-30-Diskussion zu bedenken, dass eine Verwaltung und ein Oberbürgermeister manchmal auch nur ausführendes und bei europäischem Recht, das in diesem Fall Umsetzung des Lärmaktionsplans heißt, befolgendes Organ sind. „Das müsste manchmal stärker nach außen vermittelt werden“, meint Klopfer.

Zehn Termine pro Tag und dabei „komplett fremdgesteuert“

Wie sieht eigentlich so ein typischer Arbeitstag eines Oberbürgermeisters aus – oder auch mal ein nicht ganz so typischer. Nehmen wir den Dienstag dieser Woche: Morgens um 8 ein wichtiger Termin in Sachen Stadtwerke, deren Aufsichtsratsvorsitzender Matthias Klopfer auch ist, von 9 bis 10 und von 10 bis 11 zwei wöchentlich wiederkehrende Jour-Fix-Termine innerhalb der Verwaltung, von 11 bis 15 Uhr Kochen in der Schauküche auf dem Gartenschau-Gelände – unterbrochen von Telefonaten mit seiner Sekretärin zur Abstimmung von Terminen und mit der Bild-Zeitung wegen des nackten Einhorns bei der Gartenschau-Eröffnung –, dann ein längeres Gespräch mit einem Redakteur über das, was ein Oberbürgermeister eigentlich so macht, und danach – ein freier Abend, was zumal in diesen Zeiten so gut wie gar nie vorkommt.

„Normal sind zehn Termine am Tag, und da bin ich komplett fremdgesteuert“, sagt Matthias Klopfer mit Verweis darauf, dass sein Terminkalender für sein ganzes Dezernat ein offenes Buch ohne irgendwelche Geheimnisse ist – mit Lücken, wenn es noch welche gibt, die jederzeit gefüllt werden können. Auf zwischen 60 und 80 Stunden beziffert der Oberbürgermeister sein wöchentliches Pensum und weiß, dass er sich da „am Anschlag“ bewegt und dass er spätestens nach der Gartenschau Tempo rausnehmen muss.

Ober er 2022 erneut kandidiert, entscheidet er im September 2021

„Mein nächster freier Tag ist der 26. Oktober“, sagt Matthias Klopfer und freut sich heute schon auf ein paar Tage richtigen Urlaub, nachdem er bis dahin die Freizeit, die ihm bleibt, auf der Remstal-Gartenschau verbringt. „Ich lebe in einem Hochleistungskörper“, sagt der Oberbürgermeister, wohl wissend, dass er diese Schlagzahl und dieses Tempo nicht auf Dauer durchhalten kann – zumal ihm sein Körper 2018 das auch durchaus schon signalisiert hat. 23 Jahre macht Klopfer jetzt „Politik am Anschlag“, wie er selber sagt, und wie lange er sich das – mit Auswirkungen natürlich auch aufs Privatleben („Alle müssen sich immer nur nach mir richten“) – noch antun will, kann er heute noch nicht sagen.

Und schon gar nicht, betont er, ließen sich daraus Rückschlüsse ableiten, dass oder ob er 2022 für eine dritte Amtszeit kandidiert. Das werde er im September 2021 in aller Ruhe unter drei Gesichtspunkten entscheiden: Habe ich noch Lust und Energie für weitere acht Jahre? Ist es gut für die Stadt? Ist es gut für meine Mitarbeiter? Und auch das Klima im Gemeinderat spiele natürlich eine Rolle. „Ich hätte keine Lust auf ständige Machtspielchen“, sagt Klopfer, für den es zur Zeit nur eine Herausforderung gäbe, die ähnlich spannend wäre wie die des Oberbürgermeisters: VfB-Präsident zu werden oder sich sonst in irgendeiner Weise für den Spitzensport zu engagieren – gerne auch ehrenamtlich.

Nein zu sagen, wird ihm manchmal als Arroganz ausgelegt

Befragt nach seinem Selbstverständnis als Oberbürgermeister, sagt Matthias Klopfer: „Mich jeden Tag mit ganzer Leidenschaft und Energie für diese Stadt einzusetzen und zu zeigen, dass man mit Leidenschaft auch in einer Stadt, die nicht die finanzstärkste ist, ganz viel bewegen kann.“ Und dazu gehört für ihn auch, dorthin zu gehen, wo die Menschen sind, auch wenn er es von Berufs wegen nicht tun müsste. Dass es ihm nicht immer gelingt, alle Menschen dieser Stadt gleichermaßen mitzunehmen, das, sagt er selbstkritisch, habe möglicherweise auch mit dem Tempo – auch mit dem Sprechtempo – zu tun, dass er vorlege. „Da muss ich aufpassen, dass der Zug nicht abgehängt wird“, sagt der Oberbürgermeister, der gleichzeitig aber für sich in Anspruch nimmt, dass er sich um die Anliegen der Menschen, die wirklich auf seine Unterstützung angewiesen sind, mit vollem Einsatz kümmert.

Er habe aber, sagt er, im Lauf der Jahre auch gelernt, Nein zu sagen. Was ihm manche, zum Beispiel auch in seiner Bürgersprechstunde, als Arroganz und mangelnde Kritikfähigkeit auslegten. Ein Vorwurf, den Klopfer so nicht stehenlassen will: „Es ist nicht so, dass Kritik an mir abprallt, so lange sie sachlich und persönlich vorgetragen wird. Das gilt aber nicht für das, was auf Facebook läuft von Menschen, die oft keine Ahnung von den wirklichen Sachverhalten haben und dann auch noch meinen, sich einer Fäkalsprache bedienen zu müssen.“


Zur Umfrage

Dass er bei der ZVW-Umfrage nach dem besten beziehungsweise beliebtesten (Ober)bürgermeister mit der Note 2,75 (Durchschnitt: 2,54) schlechter abgeschnitten hat als viele seiner Amtskollegen, lässt Matthias Klopfer nicht kalt, haut ihn aber auch nicht um.

Seine Erklärung: „Wer viel macht, bekommt auch viel Gegenwind“ – teilweise im wahrsten Sinn des Wortes, wie sein Abschneiden bei der letzten OB-Wahl im potenziellen Windkraft-Stadtteil Oberberken gezeigt hat. Was im Umkehrschluss bedeutet: „Wenn ich so kurz im Amt wäre wie mein Kollege Ahrens, hätte ich wahrscheinlich auch noch eine 1 vor dem Komma.“

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