Berglen Ralf Özkara will AfD-Landeschef werden

Ralf Özkara aus den Berglen will am Wochenende in Sulz am Neckar AfD-Landessprecher werden. In Sachen Prominenz ist er zwar nicht konkurrenzfähig mit Alice Weidel, der baden-württembergischen Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl, und Marc Jongen, dem altgriechischkundigen Oberphilosophen der Partei – aber Özkara gilt als gut vernetzt mit der Parteibasis. Foto: Büttner / ZVW

Berglen. Ralf Özkara aus den Berglen will Landeschef der AfD werden. Am Wochenende stellt er sich beim Parteitag in Sulz am Neckar zur Wahl: Er wolle dafür sorgen, dass man in der schwer zerstrittenen Partei wieder „miteinander spricht und nicht übereinander“.

Werden sie sich an die Gurgel gehen in Sulz? Nicht mal Insider wagen da derzeit eine sichere Prognose. „Die Partei hat im Moment eine ziemlich starke Lagerbildung“, sagt Ralf Özkara, und das ist noch rührend schamhaft ausgedrückt. Es fängt ganz oben an – das Verhältnis der beiden Bundessprecher Jörg Meuthen (der auch baden-württembergischer Landtagsfraktionsvorsitzender ist) und Frauke Petry lässt sich am besten mit einem alten Filmtitel beschreiben: Zwei wie Hund und Katze.

Im Zweifel geht es zwischen Meuthen und Petry um die Macht

Als in Baden-Württemberg der Abgeordnete Wolfgang Gedeon mit schrill antisemitischen Zitaten auffiel, wollte Meuthen ihn aus der Fraktion werfen; Petry aber reiste aus der Ferne an, mischte sich ein und untergrub die Autorität des Lokalmatadoren. Neulich gab’s das gleiche Theäterle erneut, nur mit wunderlich vertauschten Rollen: Partei-Rechtsausleger Björn „Vaterland“ Höcke hielt in Dresden eine derart völkisch pompöse Rede, als wolle er sich für die Castingshow „Germany’s next Topgoebbels“ bewerben – worauf diesmal Petry einen Parteiausschluss forderte; und Meuthen bockte. Die beiden Fälle zeigen, dass die Frontverläufe sich mit inhaltlichen Differenzen nicht ernsthaft erklären lassen. Im Zweifel geht es um die Macht.

Zoff auch innerhalb der Landespartei

Auch innerhalb der baden-württembergischen Landespartei gab es schon so oft Zoff, dass man es als Beobachter längst aufgegeben hat, den Überblick behalten zu wollen. In der Affäre Gedeon zerbrach zwischenzeitlich die Fraktion in zwei Teile und konnte erst nach Monaten unter schwersten Schmerzen oberflächlich wieder zusammengetackert werden. Hartnäckig hält sich auch das Gerücht, zwischen zwei AfD-Landtagsparlamentariern sei es gar zu Handgreiflichkeiten gekommen. Angesichts derart vulkanischer Aktivitäten ist für Sulz mit einer Eruption zu rechnen. Einerseits.

Viele in der AfD haben die Nase voll vom internen Dauergezänk

Andererseits: „Die Sehnsucht der Mitglieder ist groß, jetzt erst mal Ruhe zu haben“, sagt Jürgen Braun, AfD-Bundestagskandidat im Wahlkreis Waiblingen. Ein bisschen Frieden, sang einst Nicole – der Wunsch treibt auch Braun persönlich um. Neulich bei einer Meuthen-Veranstaltung in Necklinsberg entfuhr ihm ein entwaffnend unverstellter Stoßseufzer: „Ich bin es leid“, dauernd an Infoständen darauf angesprochen zu werden, was Björn Höcke gerade wieder rausgeledert hat. Der „Herr aus Thüringen“ solle sich endlich mal „mäßigen“. Braun glaubt, vielen gehe es so: Wer in Sulz am Neckar zu laut röhrt, „wird ein Problem haben“ – wer es schaffe, „geschickt an die Einheit der Partei zu appellieren“, werde „sehr schnell Beifall“ ernten.

Wieder "miteinander und nicht übereinander" sprechen

Was das angeht, trifft Ralf Özkara schon mal den richtigen Ton: Falls er zum Landesvorsitzenden gewählt werde, wolle er sich dafür einsetzen, dass die verschiedenen Flügel wieder „miteinander und nicht übereinander“ sprechen. Er selbst rechnet sich keinem Lager zu – mit Meuthen, der Galionsfigur der eher Moderaten, verbinde ihn eine „persönliche Freundschaft“, er könne sich aber auch „sehr gut unterhalten mit Christina Baum“. Sie profilierte sich als Drama-Queen, indem sie die grüne Flüchtlingspolitik als „schleichenden Genozid“ am deutschen Volk bezeichnete. Fassen wir zusammen, was zwischen den Zeilen steht: Leute, ich wäre ein prima Mediator.

Nicht nur Delegierte, sondern alle Mitglieder sind eingeladen

Dass dieser Parteitag so unberechenbar ist, hat neben den seismischen Beben der vergangenen Monate auch mehrere organisatorische Gründe. Erstens: Nicht nur Delegierte sind eingeladen, sondern ausnahmslos alle Mitglieder. Vorab eine zähmende Veranstaltungsregie aufzuziehen, ist unmöglich, wenn nicht mal klar ist, ob 300, 500 oder 700 Leute kommen. Weshalb hinter den Kulissen manche seufzen: Ein klitzekleines bisschen weniger Basisdemokratie wäre womöglich auch nicht schlecht.

Wahrscheinlichste Lösung: Doppelspitze

Zweitens: Es ist offen, ob „einer, zwei oder drei Chefs“ gewählt werden, sagt Jürgen Braun. Laut Satzung ist alles möglich, das Fußvolk entscheidet vor Ort. Als wahrscheinlichste Lösung gilt eine Doppelspitze.

Auch die Konkurrenz will "persönliche Machtkämpfe" beenden

Drittens: Wer kandidiert überhaupt? Neben Özkara haben bislang Alice Weidel, baden-württembergische AfD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl, und der Karlsruher Philosoph und Peter-Sloterdijk-Schüler Marc Jongen den Hut in den Ring geworfen; er gilt als intellektuelles Superhirn der Partei und redet statt von Durchsetzungswillen gerne altgriechisch imposant von „thymos“. Sein Bewerbungs-O-Ton indes klingt vertraut özkaresk: Auch er will den „elenden Streit“ und die „persönlichen Machtkämpfe“ beenden. Allerdings, es munkelt, dass kurz vor knapp noch kantigere Bewerber aus der Deckung kommen könnten. Ein Name, der immer wieder fällt: Bernd Gögel aus Pforzheim, der sich im Antisemitismus-Streit an die Seite Gedeons stellte.

Abstimmung über die Rennung von Amt und Mandat

Viertens: Es gibt eine Strömung in der AfD, die für eine Trennung von Amt und Mandat kämpft. Sprich: Darf, wer im Land- oder Bundestag sitzt, gleichzeitig einen hohen Parteiposten bekleiden? Zu dieser Frage wird es am Samstag zunächst eine Abstimmung geben. Sollte sich die Trennungsfraktion durchsetzen, trieben Marc Jongens und Alice Weidels Ambitionen den Neckar runter (sie wollen auch in den Bundestag), Landtagsmann Gögel wäre ebenfalls ausgebremst. Ralf Özkaras Chancen hingegen würden dramatisch steigen. Es ist denn auch nicht ganz verwunderlich, dass er sagt: „Ich bin deutlich für eine Trennung von Amt und Mandat. Ganz deutlich.“

Wie die Grünen

Doppelspitze, Basisdemokratie, erbitterte Flügelkämpfe zwischen ideologisch schrillen Fundis und eher bürgerlichen Realos, Trennung von Amt und Mandat: Das kommt Ihnen bekannt vor? Kein Wunder. Die AfD in diesen Tagen gleicht in vieler Hinsicht aufs Haar jener „linksversifften“ Bande, für die man sonst bei der Alternative für Deutschland nur Hohn und Verachtung übrig hat: Genau so vogelwild ging es einst zu bei den Grünen.

Falls in Sulz neben Özkara oder Jongen auch noch Alice Weidel gewählt werden sollte, wäre die AfD obendrein nicht nur auf Bundesebene (wo Herr Meuthen und Frau Petry im Duett regieren), sondern auch an der Landesspitze vorbildlich durchgegendert.

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