Berglen übernimmt Vorreiter-Rolle Verordnung: Wildlebende Katzen schneller kastrieren

Wenn dem Verein wildlebende Katzen oder Stellen, wo sie immer wieder hinkommen, gemeldet werden, rückt er mit einer Falle aus und legt darin Köder aus. Ist die Katze drin, schnappt die Falle zu und ab geht’s zum Tierarzt zum Kastrieren. Die Falle wird zu jeder Zeit beaufsichtigt. Foto: Tierschutzverein Berglen

Berglen. Die Gemeinde und der Tierschutzverein wollen das Problem wildlebender beziehungsweise streunender Katzen angehen. Dazu erlässt Berglen als erste Kommune in Baden-Württemberg eine Verordnung als Handhabe, Rechtsgrundlage für die Kastration.

Zwei Millionen Katzen deutschlandweit leben laut Schätzungen auf der Straße, oft nicht geimpft, häufig krank, abgemagert, vermehren sich aber nichtsdestoweniger ungehemmt. Die Verordnung ermöglicht künftig grundsätzlich, dass, wenn eine freilaufende, unkastrierte Katze ohne Registrierung entdeckt und der Halter nicht innerhalb von zwei Tagen ermittelt wird, die Katze von einem Tierarzt kastriert werden kann. Wobei bei einem Kater dafür jeweils rund 90 Euro Kosten anfallen, bei einer Kätzin etwa 120 Euro. Diese übernimmt vorerst der Tierschutzverein. Der deutsche Tierschutzbund gibt eine pauschale Beihilfe von bis zu 1500 Euro im Jahr.

Übertragung von Parasiten gefährdet auch Menschen und Haustiere

Die Vorsitzende Bettina Trento-Drescher unterstützt den Erlass der Verordnung, die der Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung einstimmig befürwortet hat. Der Verein hatte laut seiner Statistik in den vergangenen Jahren zwischen zehn und 25 eingefangene Katzen, alle krank (Schnupfen, Unterernährung, Durchfall, Entzündungen, Verletzungen, von Würmern, Milben, Zecken, Flöhen oder Pilzen befallen) und damit zu behandeln und alle unkastriert, was der Verein aber nachholte. Dazu kam noch eine etwa gleich hohe Zahl gefundener toter Katzen, alle ebenfalls nicht kastriert und nicht registriert. Unabhängig vom Leid der Katzen selbst geht es beim Kastrierenlasssen, dem Eindämmen der Vermehrung, auch darum, Seuchen zu verhindern, die Übertragung von Infektionen und Parasiten auf Menschen und Haustiere. Ohne die Verordnung braucht es bislang ein halbes Jahr für den Versuch, den Halter zu ermitteln, ehe eine freilaufende Katze in der Verantwortung der Gemeinde kastriert werden darf, mit der Verordnung verkürzt sich diese Frist auf 48 Stunden.

Tierschutzverein verweist auf das Leiden vieler dieser Katzen

Der Verein hat in der Sitzung des Gemeinderats erschreckende Bilder kranker Katzen gezeigt, die er eingefangen hatte oder die ihm gebracht wurden, die er aber zum Großteil retten, wieder aufpäppeln und vermitteln konnte. Gleichwohl verweisen Bettina Trento-Drescher und der Vereinsschriftführer Tom Schmidt auch auf den nicht mehr zu rettenden Anteil, das Leiden der Tiere, darauf, dass diese Katzen „geboren wurden, nur um zu sterben“. Dies zu verhindern, dem vorzubeugen, liege im Wohl der Tiere, sei damit Aufgabe des Tierschutzvereins. Bürgermeister Maximilian Friedrich betont, Kastrationen packten das Übel an der Wurzel, der Vermehrung wildlebender Katzen. Die Verordnung schaffe hier Rechtssicherheit. Er gehe aber nicht davon aus, dass die Zahl der Kastrationen durch die Verordnung regelrecht in die Höhe schnellen werde, so der Bürgermeister weiter. Die beiden Tierschutzvertreter berichten, dass es durchaus „Schwerpunkte“ gebe, wo Streuner anzutreffen sind, weil sie dort eben Futter wittern. Sie wollen aber niemanden an den Pranger stellen, weil die meisten der Betreffenden durchaus einsichtig und zur Kooperation bereit seien.

Verordnung gilt ausdrücklich nicht bei Wohnungskatzen

Schmidt betont zudem, es gehe nur um wildlebende Katzen, nicht um Hauskatzen. „Deren Besitzer brauchen also keine Angst zu haben, dass wir jetzt plötzlich losziehen und die wegfangen.“ Man werde sicher auch nicht binnen der künftig möglichen 48-Stunden-Frist kastrieren lassen. Ob Hauskatze oder Streuner, das lasse sich sehr wohl am Erscheinungsbild und am Verhalten unterscheiden, außerdem lebten streunende Katzen in der Regel nicht in den Orten, ergänzt Bettina Trento-Drescher: Die Verordnung gelte ausdrücklich nicht bei Wohnungskatzen. Man wolle aber sensibilisieren und appellieren an die Eigentümer, ihre Tiere registrieren, chippen zu lassen, so Schmidt. Außerdem werde die Verordnung nicht sofort, sondern erst zu Jahresbeginn 2020 in Kraft treten, um vorher zu informieren, aufzuklären, so Friedrich.


In 270 Kommunen in elf Bundesländern

Zum Sinn, Katzen chippen zu lassen, erzählen die Tierschutzvereinsvertreter ein Beispiel: In Steinach wurde eine Katze aufgefunden, deren Besitzer vor sechs Jahren nach Welzheim gezogen waren. Die fand also nach so langer Zeit den Weg zurück in die alte Heimat, und konnte, weil sie registriert war, wieder ihren darüber überglücklichen Besitzern übergeben werden.

Der Verein verlangt von neuen Besitzern, an die er Katzen vermittelt, dass diese sie kastrieren lassen und dies nachweisen. Der Verein arbeitet mit zwei Tierärzten seines Vertrauens in Höfen und in Schorndorf zusammen.

Schmidt hat recherchiert, dass es eine Katzenschutzverordnung mittlerweile in rund 270 Kommunen gibt, verteilt auf elf Bundesländer.

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