Berglen Warum eine Familie ehrenamtlich Müll einsammelt

Was sie binnen kurzer Zeit im Straßengraben aufsammeln, ist unglaublich. Foto: ZVW/Uwe Speiser

Berglen.
Immer wieder fassungslos sind Heike und Florian Klinger. Das Streicher Ehepaar zieht mit seinen drei Buben regelmäßig an den Wochenenden los und sammelt Müll ein, den sie im Wald, an Feldwegen und den Straßen rund um ihr Dorf finden. Es ist tatsächlich kaum zu glauben, was an einem Samstagvormittag binnen kurzer Zeit an allen Arten von Unrat zusammenkommt, wenn die Familie mit Gummistiefeln, Handschuhen, Mülltüten und Leiterwagen losmarschiert und den Straßengraben Richtung Vorderweißbuch säubert. Und das bei einem Flecken wie Streich. In der Hinsicht ist also auch dort die Welt schon längst nicht mehr heil.

Sogar auf die Lauer gelegt und in flagranti erwischt

Klingers selbst haben mittlerweile eine gewisse Routine entwickelt, sie bringt so schnell nichts mehr aus der Fassung. Ein „Fall“ regt sie aber auf. Es gibt offenbar jemanden, der regelmäßig den Parkplatz an der Straße nach Buhlbronn heimsucht. Derjenige schmeißt offenbar im Auto gerauchte Kippen raus, aber vor allem auch seine Bierflaschen und Schnapsfläschchen, es sind immer wieder die gleichen Sorten, und zwar fast täglich. Dabei hat die Gemeinde auf Klingers Anregung hin eigens einen Abfalleimer an dem Parkplatz installiert. Was aber die "Umweltsau" offenkundig schlicht einen Dreck interessiert. Sie (er) macht immer weiter. Florian Klinger hat sich deswegen mal auf die Lauer gelegt und nach zweieinhalb Stunden Warten den Übeltäter tatsächlich in flagranti erwischt, die direkte Konfrontation allerdings gescheut: „Die Frage war, was passiert, wie reagiert er, wenn ich ihn konfrontiere?“ Er notierte sich aber das Autokennzeichen und erstattete Anzeige bei der Polizei.

Wie die Geschichte von der aus weiterging, was mit dem Mann geschah, weiß er nicht. Nur, dass der dann seinen „Standort“ wechselte, also seine Sauerei nach Buhlbronn verlagerte. Inzwischen finden sich die Schnapsflaschen aber wieder auf dem Streicher Parkplatz. Klingers gehen davon aus, dass, wenn es überhaupt zu Sanktionen für den Übeltäter kam, die nicht ausreichen, um ihn dauerhaft abzuhalten. Sie glauben, dass der Parkplatz eben auf dem Weg zum Arbeitsplatz oder von ihm zurück liegt, weil an den Wochenenden Pause ist. Diese Geschichte sei mit der Auslöser für sie gewesen, wilden Müll einzusammeln.

Was haben sie denn so alles schon gefunden? Na, unter anderem eine Teichwanne und ein Rasenmäher wurden einfach in die freie Landschaft „entsorgt“. Abgefahrene Autoreifen „natürlich“ auch, ein Autounterboden, eine halb vergrabene Autobatterie, unzählige Flaschen „selbstverständlich“, eingepackte Lebensmittel wie Brot, Gurken, Tomaten, volle Müllsäcke, Farbkübel, massenhaft Einwegverpackungen einschlägiger Fast-Food-Ketten „ohnehin“, die nach dem großen Fressen einfach aus dem Auto geworfen wurden. Vor allem die Straße durch den Wald hinunter nach Schornbach sei bei Müllsündern „beliebt“. Einmal lag dort eine zerdepperte Weinflasche, mit großen Scherben, kurz darauf kam ein Motorradfahrer durch: „Was da hätte passieren können!“ Selbst ausgewachsene Kackhaufen wurden auf dem Rastplatz bei Streich schon „hinterlassen“. Heike Klinger schüttelt sich: „Einfach nur widerlich, was geht in denen nur vor?“

Der Unrat ist für Feld und Flur keineswegs harmlos

Was sie finden und einsammeln, bringen sie heim. Mit der Gemeindeverwaltung ist ausgemacht, dass der Bauhof bei ihnen den Dreck abholt und entsorgt, ordnungsgemäß, versteht sich. Am Anfang sind sie noch mit Einkaufstüten losgezogen, „aber die waren so schnell voll und damit schwer, dass sie durchbrachen“. Seitdem nehmen sie den Leiterwagen mit auf ihre Putzede-Runden. Heike Klinger nennt das Verhalten der betreffenden Zeitgenossen, „einfach eine große Schweinerei“. Ihr Mann, der demnächst eine Ausbildung zum Jäger beginnt, weist darauf hin, der Unrat sei für Feld und Flur keineswegs harmlos. „Das Zeug verrottet ja nicht.“

Beide verweisen auf Österreich, wo die Familie Urlaub macht. Der Unterschied: Dort gebe es so gut wie keinen wilden Müll. Warum nehmen sie ihre Buben mit, Zwillinge, sieben Jahre alt, und einen Zehnjährigen, für die das mehr ein Abenteuer, ein Spaß ist? „Wir versuchen auch damit, ihnen Respekt vor der Natur zu vermitteln.“ Was Klingers etwas tröstet: Sie sind nicht alleine, kennen zum Beispiel einen Jogger im Ort, der immer eine Tüte zum Mülleinsammeln dabeihat, wenn er seine Runde dreht.

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