Berthold Leibinger „Viele Probleme könnten vermieden werden, wenn Techniker zum Beispiel in der Lage wären, sich besser zu artikulieren“

Sie fördern ja auch zehn Jahre lang einen Lehrstuhl für die Wirkungsgeschichte der Technik an der Universität Stuttgart. Welche Idee steckt dahinter?
Die Universität Stuttgart hat starke Wurzeln im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich. Und Ingenieure, Chemiker, Physiker, Elektrotechniker und Maschinenbauer neigen manchmal dazu, Geisteswissenschaftler, die es dort ja auch gibt, nicht ganz so wichtig zu nehmen. Ich sehe das anders. Viele Probleme könnten vermieden werden, wenn Techniker zum Beispiel in der Lage wären, sich besser zu artikulieren. Wenn sie besser erklären könnten, warum sie tun, was sie tun. Und wenn sie klarmachen könnten, was man sich von ihrer Arbeit versprechen kann – und was nicht. Der Streit um Stuttgart 21 hängt sehr mit versäumtem Dialog und auch versäumtem Erklären des eigenen Tuns und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft zusammen. Der Lehrstuhl soll dieses gesamtgesellschaftliche Denken voranbringen.

Sowohl Forschung als auch Kultur und Soziales gehören ja auch zu den Aufgaben des Staates. Stoßen Sie mit Ihrer Stiftung in ein Verantwortungsvakuum, das der Staat mit seiner Sparpolitik hinterlässt?
Das tun wir ganz gewiss. So wäre der Lehrstuhl ohne die Stiftung nie zustande gekommen. In anderen Fällen sind die Gelder der Stiftung zumindest hilfreich, um eine ergänzende staatliche Förderung zu erreichen.

Sie zeichnen bahnbrechende Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Lasertechnik aus. Riskieren Sie nicht, damit auch Ihre Konkurrenten zu fördern?
Mitarbeiter von Trumpf sind von der Teilnahme sogar ausgeschlossen. Es kann durchaus passieren, und das hatten wir auch bereits, dass wir Arbeiten auszeichnen, die letztlich Unternehmen zugutekommen, mit denen sich Trumpf im Wettbewerb befindet. So haben wir einmal eine Biophysikerin für eine Erfindung ausgezeichnet, die es erlaubt, eine einzelne Zelle aus einem Gewebe herauszulösen, um diese besser analysieren zu können. Diese Erfindung wurde später von Zeiss umgesetzt. Es geht darum, die Lasertechnik insgesamt voranzubringen.

Gerade der Maschinenbau sieht sich derzeit ja heftigen Herausforderungen aus China ausgesetzt. China verfolgt derzeit einen ehrgeizigen Fünfjahresplan und ist inzwischen zum Weltmarktführer der Branche aufgestiegen. Hat Deutschland dieser Offensive etwas entgegenzusetzen?
China hat einen riesigen Markt und eine große Zahl von Menschen, die für wenig Geld viel arbeiten. Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Doch wir sollten uns auch nicht selbst unterschätzen. In den achtziger Jahren war man in Deutschland überzeugt, dass Japan mit seiner leistungsfähigen Industrie uns niederwalzt. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Auch der Konkurrenz aus China haben wir einiges entgegenzusetzen. Zu unseren Wettbewerbsvorteilen gehört auch unser demokratisches System. Manche Debatten in diesem Land mögen ärgerlich sein, doch unsere Staatsform mit all ihren Widersprüchlichkeiten schafft für die Menschen ein lebendiges Umfeld. Hier gedeihen Selbstständigkeit und Kreativität viel stärker als in einer formierten, in Diktatur lebenden Gesellschaft. Wir haben also keinen Grund, uns vor diesem Wettbewerber zu verstecken.

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