Bestseller-Autorin Nicola Schmidt "Geschwister müssen sich nicht lieben"

Nicola Schmidt zählt zu den prominentesten Elternratgeber-Autorinnen im Land. Foto: Malina Ebert

Waiblingen. Erziehung ist kein Kinderspiel. Und wenn zum ersten noch ein zweites oder drittes Kind kommt, wachsen die Herausforderungen an die Familien um ein Vielfaches. Bestseller-Autorin Nicola Schmidt kommt am 22. März nach Waiblingen und gibt praktische Tipps für gestresste Eltern. Ein Interview im Vorfeld des Abends im Schlosskeller.

Geschwister streiten ums Spielzeug und um die Zuwendung der Eltern. Haben es Einzelkinder leichter oder schwerer?

Einzelkinder haben es leichter in dem Sinne, dass sie ihre Eltern nicht teilen müssen wie Geschwister - also diese ganzen Konflikte gar nicht haben. Aber sie haben den Nachteil, dass sie das ganze Konfliktbewältigungstraining, das Geschwister ein Leben lang untereinander ausmachen, gar nicht mitbekommen. Also: Auf jeden Fall ist es für Einzelkinder anders.

Ist das ein Nachteil fürs spätere Leben?

Das kann man so pauschal gar nicht sagen, weil es darauf ankommt, wo sie sich in ihrem späteren Leben befinden. Wenn sie zum Beispiel Verhandlungsführer werden wollen oder Chef, oder wenn sie viel mit Menschen zu tun haben und viele Konflikte austragen müssen – dann ist es sicher ein Vorteil, wenn sie schon als Kind gutes Konfliktbewältigungstraining hatten. Dann müssen sie keine Seminare besuchen.

Natürlich lässt sich nicht ohne weiteres planen, wann ein Kind geboren wird. Aber gibt es so etwas wie den idealen Altersabstand?

Rein statistisch gesehen sehen wir in Studien, dass Geschwister deutlich weniger streiten, wenn sie mehr als drei Jahre auseinander sind. Rein inhaltlich schreibe ich in meinem Buch, dass Eltern weniger aufs Alter gucken sollten, sondern mehr auf die Frage: Ist mein jüngstes Kind in der Lage, seine Bedürfnisse so lange aufzuschieben, bis ich die Bedürfnisse eines Säuglings erfüllt habe und Zeit für die des älteren Kindes habe? Ist also die Frustrationstoleranz, sind Bedürfnis -und Belohnungsaufschub ausgeprägt? Es gibt Kinder, die mit zweieinhalb Jahren mega entspannt sind und super warten können. Und es gibt Kinder, die mit dreieinhalb große Probleme haben, sich selbst zu regulieren, wenn es um Bedürfnisaufschub geht, und für die ein Geschwisterkind eine fast unfassbare Aufgabe ist. Der natürliche Abstand bei Jäger- und Sammlervölkern liegt bei vier oder fünf Jahren – einfach aufgrund der Nahrungssituation. Schon während der Stillzeit wieder schwanger zu werden, ist von der Biologie her eigentlich gar nicht vorgesehen.

Wie können Eltern einem Erstgeborenen helfen, der sich vom Thron gestoßen fühlt?

Das Erste ist: Wenn man das zweite Kind ankündigt, sollte man die Dinge aus Sicht des Kindes erklären. Du wirst große Schwester oder Bruder! Wenn die Kinder nicht in Begeisterungsstürme ausbrechen oder erst begeistert sind und dann anfangen, nachdenklicher zu werden, ist das Allerwichtigste, dies gut abzufangen. Also nicht zu sagen: „Guck nicht so sauer, ist doch schön, dass noch ein Baby kommt, freue dich doch mal!“ Wenn das Baby da ist und die Kinder anfangen zu fragen, ob man das Baby zurückgeben oder gegen ein Dreirad umtauschen könnte, dann sollte man nicht antworten: „Wie kannst du so etwas sagen?“, sondern den Kindern empathisch entgegenkommen: „Na ja, manchmal ist so ein Baby wirklich schwierig, ich kann mir vorstellen, dass es für dich nicht immer leicht ist. Komm’ mal in meinen Arm, du bekommst eine extra Umarmung.“ Dann können wir diese Emotionen zulassen und auffangen. Auch später, wenn die Erstgeborenen größer sind. Damit sie das Gefühl haben: Ich bin was Besonderes und bleibe es.

In Ihrem Buch erklären Sie, wie Brüder und Schwester aus Konkurrenten zu starken Teams werden. Kann man Geschwisterliebe herbeierziehen?

Nein, das wäre falsch. Sie können keine Liebe erzwingen. Aber mit der richtigen Kommunikation, mit der richtigen Begleitung der Kinder, können wir Respekt anerziehen. Geschwister müssen sich nicht lieben, sie müssen sich respektieren. Dann können sie auch im Team arbeiten. Das ist wie im Büro: Ich liebe nicht alle meine Co-Worker, aber ich respektiere sie alle als Menschen – und so kann man sehr gut als Team zusammen funktionieren. Man kann also Respekt anerziehen und gute Kooperationsfähigkeit – aber keine Liebe. Das ist gar nicht notwendig. In der Regel kommt sie von selber, wenn wir die Geschwister nicht mehr zwingen: „Jetzt spielt doch mal zusammen, wie kannst du zu deinem Bruder immer so garstig sein“. Wenn wir diesen Druck von den Kindern nehmen, kann Liebe erst entstehen. Und oft entsteht sie dann auch.

Wann sollten wir Eltern uns aus Streit unter Geschwisterkindern raushalten und wann uns einmischen?

Es gibt verschiedene Formen von Streit. Im Buch erwähne ich verschiedene Marker, an denen Eltern erkennen, um welche Art von Streit es sich handelt. Sind es einfach nur Neckereien? Da schreiten wir nicht ein. Es gibt Streit, den die Kinder selber gut lösen können: Wenn sie sich zum Beispiel in der Wolle haben, wer zuerst auf den Baum klettern darf. Wenn wir merken, dass sie eine Lösung finden, warten wir ab und halten uns raus. Bei allem Streit jedoch, den die Kinder nicht selber lösen können oder bei dem jemand verbal oder körperlich verletzt wird, sollten wir einschreiten, Wir können nicht immer pünktlich zur Stelle sein, aber wenn wir zur Stelle sind, stoppen wir die Verletzung. Kein Schubsen, kein „Du blöde Zimtzicke!“ Da heißt es „Stopp“: Was ist hier los? Wo kommt die Spannung her? Wenn ich Geschrei bei meinen großen Kindern höre, gehe ich ins Kinderzimmer und sage auch schon mal: „Ich weiß nicht, was hier los ist, aber ich muss kochen. Findet bitte eine Lösung!“ Das klappt – aber dem ging jahrelang ein kontinuierliches „Stopp, was ist hier los, wie setzen uns auf den Boden und suchen eine Lösung“ voraus. Für meine Familie kann ich sagen: Die Investition lohnt sich.

Viele Eltern leiden heute unter permanenter Überforderung. Unter dem Gefühl, den widerstrebenden Ansprüchen von Geschwisterkindern, Job, Haushalt und Partner nicht zu genügen. Was kann dagegen helfen?

Eine Strategie heißt: jeden Tag ein bisschen. Du musst nicht jeden Tag alles perfekt machen. Aber wenn ich mich um die Konflikte meiner Kinder nie kümmere, habe ich am Ende so viel Streit im Haus, dass ich viel mehr Arbeit habe. Wir investieren viel lieber am Anfang, sozusagen in die Konfliktmanagement-Ausbildung der Kinder, damit wir später weniger Arbeit haben. Und wir stressen uns nicht mit Perfektion. Ich muss nicht jeden Streit meiner Kinder perfekt moderieren – ich muss jeden Tag ein bisschen daran arbeiten. Und ich muss mich jeden Tag einmal hinsetzen und mir ein bisschen Ruhe gönnen. Ansonsten kann ich Eltern nur empfehlen, in dieser „Rushhour des Lebens“ Prioritäten zu setzen. Die Kinder sind jetzt klein und werden jetzt fürs Leben geprägt - also was ist wirklich wichtig? Müssen wir jetzt umziehen? Muss ich jetzt den Vollzeitjob machen oder kann das noch ein oder zwei Jahre warten? Und ansonsten: Unterstützung, Unterstützung, Unterstützung. Wir sind eine Gesellschaft von Selber-Schaffern. Doch Eltern können viel mehr Unterstützung bekommen, wenn sie konkret und kurz nachfragen. Freunde oder Nachbarn. Am besten klappt es, wenn ich die Hilfe auch zurückgeben kann.


Vortrag am 22. März in Waiblingen

Unter dem Motto „Artgerecht aufwachsen – wie Kleinkinder richtig begleitet werden“ hält Nicola Schmidt in Kooperation mit der Familien-Bildungsstätte Waiblingen und der Buchhandlung Taube einen Vortrag in Waiblingen. Termin: Freitag, 22. März, von 19.30 bis 21.30 Uhr im Schlosskeller unter dem Rathaus. Der Eintritt kostet an der Abendkasse zwölf Euro, im Vorverkauf zehn.

Nicola Schmidt ist Politikwissenschaftlerin, Wissenschaftsjournalistin, zweifache Mutter und Gründerin des „Artgerecht“-Projekts. Sie schreibt Elternratgeber für mehrere große deutsche Verlage und lehrt seit 2008, was „artgerecht“ für menschliche Babys und Kleinkinder sein könnte. Sie gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal, leitet die Aus- und Fortbildung sowie die diversen Campangebote des Projektes. „Geschwister als Team“, erschienen im Kösel-Verlag, ist ihr siebtes Buch.

  • Bewertung
    7

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!