Bewegung und Meditation Qigong: Entspannter, konzentrierter, belastbarer

Langsame, fließende Bewegungen machen Qigong aus. Heike Mirlieb zeigt die Übungen. Foto: Steinemann / ZVW

Die Sonne mit einer Hand heben, den Mond vom Meeresgrund holen – die Aktivitäten im Qigong sind eindrucksvoll. Hinter den bildreichen Bezeichnungen aber stecken harmonische Bewegungsfolgen, die den Körper gesund erhalten sollen. Nach Asien muss dazu mittlerweile niemand mehr gehen, Qigong-Kurse gibt es um die Ecke, beispielsweise in Urbach.

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Dort bietet Heike Mirlieb sogar eine besondere Variante an – das Idogo-Qigong.

Das Chi (auch Qi geschrieben) wecken, ist eines der Hauptziele von Qigong. Ohne diese Lebenskraft, die entlang der Meridiane den Körper durchströmt, kann, so die Philosophie aus dem Osten, niemand gesund sein. Der Weg jedoch ist allzu oft blockiert. Qigong löst die Blockaden, macht den Weg frei. Was für westliche Ohren nebulös klingt, bringt handfeste Vorteile.

„Verklebte Gewebe werden gelöst, Verspannungen zum Beispiel in Nacken, Rücken oder Schulter“, sagt Heike Mirlieb (48). In der Übungsstunde wird zudem „die Wirbelsäule immer wieder neu aufgebaut“. Ziel ist, dass alle Wirbel gerade übereinanderstehen.

Aber all das lässt sich doch genauso mit Funktionsgymnastik im Fitnessstudio erreichen? Nein, sagt Ferdinand Kalina. Der 66-Jährige aus Unterkirneck bei Lorch lebte jahrelang mit Schmerzen im Rücken. Ohne Medikamente waren sie nicht zu ertragen. Das Fitnessstudio half nicht, im Gegenteil. Also wurde Kalina Yogalehrer. „Das hat mir prima geholfen.“ Aber: „Qigong gefällt mir besser.“ Kalina ist zudem Morbus-Bechterew-Patient, das heißt, seine Gelenke drohen zu versteifen. Auch deshalb habe er sich für Qigong entschieden. „Mir tut das richtig gut.“

Kalina ist noch nicht lange dabei, hat aber schon festgestellt: „Man baut dabei schnell Kraft auf. Ich merke das deutlich.“ Dabei erwecken er und die drei Frauen, die an diesem Abend in Heike Mirliebs kleinem Übungsraum sind, nicht den Eindruck, als würden sie schwere sportliche Arbeit verrichten. Die Bewegungen sind langsam, fließend. Niemand keucht oder stöhnt unter der Last, und doch: „Die kleine Muskulatur wird trainiert“, sagt Mirlieb. „Der Körper wird fester, die Feinabstimmung der Muskeln wird besser. Man sieht im Alltag, dass die Leute sich koordinierter bewegen.“

Wenn die Übungen sitzen, kommt der Körper schnell zur Ruhe


Das geschieht auch deshalb, weil die Übungen Kraft- und Dehnungselemente kombinieren. Zwar dauere es etwas, bis die Übungen in Fleisch und Blut übergingen, dann jedoch komme der Körper jeweils schnell zur Ruhe, der meditative Aspekt von Qigong erst richtig zur Geltung. Heike Mirlieb übt zuweilen in völliger Stille. „Ich bin dann manchmal völlig weggetreten.“

So weit ist Brigitte Heim-Barysch (53) aus Urbach noch nicht. Sie kam nach einer Rückenoperation in der Reha zum Qigong und war sofort begeistert. Früher habe sie Pilates ausprobiert. „Aber da konzentriert man sich so auf die Atmung, dass ich die Übung dauernd falsch gemacht habe.“ Die Qigongübungen dagegen fordern und fördern automatisch den richtigen Atemfluss. So werde immer wieder der Brustkorb geweitet. Ganz automatisch müsse man dabei einatmen. Mirlieb: „Und mit der Zeit werden die Atemzüge intensiviert.“

Eine Sonderrolle bei Heike Mirlieb spielt der Idogo-Stab. Ein Holzstab, der die Teilnehmer begeistert. Er hilft bei den Bewegungen. Man weiß, wohin die Hände müssen. Der Stab führt. Zudem reizt er beständig die Handinnenflächen, und damit den „Tempel der Arbeit“. Mirlieb: „Die Meridianfläche in der Hand ist die wichtigste, sie treibt alle anderen Meridiane an.“

Der Stab scheint sogar magische Kräfte zu haben. Ferdinand Kalina nimmt ihn mit zum Joggen und schwört darauf, dass er mit dem Stab in der Hand viel schneller ist. Heike Mirlieb erzählt von einer 87-Jährigen mit Hüftlähmung, die sich nur mit Stock bewegen konnte. Mit dem Idogo-Stab in der Hand benötigte sie keine Gehhilfe. Was dahinter steckt, könnte sich selbst Entwickler Ping Liong Tjoa nicht erklären.

Die Auswirkungen allerdings seien sichtbar, wie die von Qigong allgemein. Sie sind belastbarer, können sich besser konzentrieren, fühlen sich wohler. Eine Teilnehmerin an diesem Abend ist 74 Jahre alt. Ab und zu muss sie sich bei den Übungen setzen, weil ein Mittelfußknochen gebrochen ist. Die Qigongstunde verpasst sie dennoch nicht.

Alles also nur bestens? Nicht ganz. Das Training „puscht“, sagt Heike Mirlieb. Und so mancher sei danach schon heimgekommen, ins Bett gegangen und konnte vor lauter Energie nicht einschlafen.

Qigong-Effekte
  • Fördert allgemeines Wohlbefinden und aktiviert die Selbstheilungskräfte,
  • steigert psychische und körperliche Leistungsfähigkeit,
  • korrigiert Fehlbelastungen des Bewegungsapparates,
  • lockert muskuläre Verspannungen und Verkrampfungen,
  • verbessert die Koordination, fördert Geschmeidigkeit und Elastizität,
  • senkt den Schmerz,
  • baut Stress ab, mildert depressive Symptome,  steigert Lebensqualität und Stimmung,
  • steigert die Konzentrationsfähigkeit,
  • strafft Bindegewebe und Tiefenmuskulatur,
  • verbessert die Körperwahrnehmung, stärkt die Zufriedenheit,
  • optimiert Atemvolumen und die Atemausdauer.

Info: www.qigong-gesellschaft.de
Idogo-Stab

Durch den Idogo-Stab können, so heißt es auf der Internetseite www.idogo.de, können „die positiven Effekte östlicher Bewegungskünste wie Taiji, Qi Gong oder Yoga auf westliche Trainingsmethoden übertragen werden.“ Der Stab beseitige Energieblockaden, harmonisiere den Energiefluss und helfe die körpereigenen Vitalkräfte zu pflegen und zu vermehren. Entwickelt wurde der Stab von Ping Liong Tjoa, Stuttgart.

Heike Mirlieb zeigt ein Beispiel aus ihrer Kinesiologiepraxis. Sie schubst einen Partner leicht vom Fleck. Als der den Stab in der Hand hält, schafft sie es nicht mehr, ihn zu bewegen.
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