Bildungserfolg Migrantenkinder haben es schwerer

Brennpunkt Klassenzimmer: Bereits in den allgemeinbildenden Schulen ist ein geringer Schulerfolg von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu beobachten. Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Trotz aller Bemühungen und viel gutem Willen hat sich in Deutschland kaum etwas verändert. Immer noch gibt es gravierende Unterschiede beim Bildungserfolg. 14,1 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund haben keinen Schulabschluss. 40,6 Prozent haben sogar keinen Berufsabschluss. Zum Vergleich: Bei Bürgern ohne Migrationshintergrund sind es nur 1,8 Prozent ohne Schulabschluss, 15,9 Prozent ohne abgeschlossene Ausbildung. Das geht aus einem neuen Bericht des Statistischen Bundesamts hervor.

Wohlgemerkt: Es sind Zahlen für das ­ganze Land. Aber auch in Stuttgart gilt: Kinder von Zuwanderern haben es in der Schule schwerer. Auch wenn das nicht alle so sehen wollen. Für Karin Korn spiegelt sich in der Statistik zu den Übertrittsquoten aus Klasse 4 in weiterführende Schulen eine Erfolgsgeschichte wider. Vor allem die Zahlen, die den Weg von der Grundschule aufs Gymnasium im Spiegel der Zeit zeigen, haben es der Amtsleiterin angetan. „Seit 1980 ist die Quote von 18 auf 30 Prozent gestiegen“, berichtete Karin Korn jüngst den Mitgliedern des Internationalen Ausschusses, der den Gemeinderat in allen Fragen zur Integration von Migranten berät.

Doch nicht alle Mitglieder dieses ­Gremiums wollten die Freude der Schulverwaltungsamtsleiterin teilen. Auch der Integrationsbeauftragte der Stadt, Gari Pavkovic, rümpfte die Nase: „Die Übergangsquoten werden in Zukunft durch den Wegfall der Grundschulempfehlung sowieso kein Maßstab mehr sein. Viel entscheidender sind die Abschlussquoten.“ Und die stellen Pavkovic überhaupt nicht zufrieden: „Nur zehn Prozent der Migrantenkinder haben am Ende ihrer Schullaufbahn auch das Abi in der Tasche. Das ist keine gute Entwicklung. Diese Zahlen müssen sich schnell verbessern.“

„Dieser geringere Schulerfolg setzt sich auf dem Ausbildungsmarkt nicht nur fort, er verstärkt sich sogar noch“

Ins gleiche Horn wie Gari Pavkovic stößt Ausschussmitglied Muammer Akin, der auch Schulleiter der privaten Bil-Schule ist: „Ich kann insgesamt keine wesentliche Verbesserung erkennen. Der Anteil von 13 Prozent an nichtdeutschen Kindern auf den Gymnasien ist kein Erfolg.“

Schützenhilfe bekamen alle Kritiker von Gunilla Fincke, der Geschäftsführerin des Sachverständigenrats für Integration und Migration (SVR): „Bildung ist und bleibt eine zentrale Baustelle“, sagte sie vor dem Ausschuss. Im SVR-Jahresgutachten heißt es: „Bereits in den allgemeinbildenden Schulen ist ein geringer Schulerfolg von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu beobachten.“ Diese Gruppe gehe im Vergleich zu Jugendlichen ohne Migrationshintergrund häufiger ohne Abschluss von der Schule. Konsequenz: „Dieser geringere Schulerfolg setzt sich auf dem Ausbildungsmarkt nicht nur fort, er verstärkt sich sogar noch. Und das, obwohl die zweite Generation höher qualifiziert ist als ihre Eltern.“ Wie gesagt: Im Bereich der Gymnasien wirkt sich dieses Phänomen gravierend aus. Auch Karin Korn muss einräumen: „In der Oberstufe sind Migrantenkinder tatsächlich unterrepräsentiert. Und viele verlassen die Schule vorzeitig. Ich hoffe, dass das besser wird.“ Für Susanne Eisenmann, die Schulbürgermeisterin der Stadt, ist die Hoffnung alleine zu wenig. Sie hält es für ihre Pflicht, Lösungen zu finden. „Trotz vieler Maßnahmen ist Bildungserfolg immer noch stark von sozialer Herkunft abhängig. Die Kluft ist eher noch größer geworden. Deshalb müssen wir dieses Problem als gesamtgesellschaftliche Herausforderung angehen.“

Karin Korn glaubt fest daran, dass sich Ausbildungschancen der Jugendlichen mit Migrationshintergrund durch die Ganztagsschule erhöhen. „Davon erhoffen wir uns mehr individuelle Förderung. Die Ganztagsschule ist die Basis für den Bildungserfolg“, sagt sie, „aus diesem Grund investiert die Stadt bis ins Jahr 2018 rund 3,5 Millionen Euro pro Grundschule.“ Bürgermeisterin Eisenmann nennt das „eine Investition in die Zukunft“ und verweist auf das Beispiel der Carl-Benz-Schule: „Dort sind die Übertrittszahlen seit der Einführung der Ganztagsschule deutlich höher.“

„Die Ganztagsschule bringt nur etwas, wenn sie gut gemacht wird“

Daran hat Gari Pavkovic grundsätzlich nichts auszusetzen. Dennoch meldet er leise Zweifel an: „ Die Ganztagsschule bringt nur etwas, wenn sie gut gemacht wird.“ Die Befürchtungen des Integrationsbeauftragten zielen in eine ganz andere Richtung. Er glaubt, dass die Quote der Migranten in der Oberstufe künftig sinkt und die Zahl der Schulabbrecher eher noch steigt: „Mit dem Wegfall der Grundschulempfehlung dürfte sich diese Entwicklung verschärfen.“ Sein Vorschlag lautet: „Wir brauchen eine Reihe von Maßnahmen.“ Dabei denkt er beispielsweise an Mentoren, die Gymnasiasten als Vorbilder für einen erfolgreichen Bildungsweg dienen. Gleichzeitig müsse die Wirtschaft als Partner gewonnen werden. Die Kommune müsse daher als Moderator auftreten, um alle möglichen Beteiligten und Betroffenen an einen Tisch zu bringen. Denn hier gehe es längst nicht nur um das Thema Bildungserfolg oder Integration, sagt Pavkovic: „Hier geht es um den Wirtschaftsstandort Stuttgart.“

Damit rennt Pavkovic bei Susanne Eisenmann offene Türen ein: „Wir können es uns als Wirtschafts- und Sozialstandort gar nicht erlauben, auf dieses Potenzial zu verzichten. Und am Ende ist es ein Frage, wie wir uns als Bildungsstandort positionieren.“

Diese Einschätzung teilt auch der ­Geschäftsführer der IHK Region Stuttgart, Andreas Richter: „Frau Eisenmann hat völlig recht.“ Doch generell führt die Diskussion aus seiner Warte in die falsche Richtung. Er misst dem Abitur eine geringere Bedeutung bei und wünscht sich eine Stärkung der Realschule sowie des dualen Ausbildungssystems – ganz unabhängig von der Herkunft der Schüler: „Wir halten es im Gegensatz zur Landesregierung für eine Horror­vision, dass künftig 50 Prozent eines Jahrgangs das Abitur machen sollen.“

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