Blutiger Schnee Krimis für den Winter

Symbolbild. Foto: pixabay (CC0 Creative Commons)

Schaut man zurzeit aufs Thermometer, könnte man meinen, der Winter sei Schnee von gestern. Wir meinen: Das muss nicht so sein. Wer nicht nur auf Schnee und Eis, sondern auch auf spannende Unterhaltung steht, kann mit dem Griff zum Krimi Abhilfe schaffen. Wir haben vier Bücher ausgewählt, mit der Sie sich den Winter zurück ins Wohnzimmer holen.

Gerhard Jäger: Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod

Herbst 1950: Der junge Wiener Historiker Max Schreiber will in der Abgeschiedenheit eines Tiroler Bergdorfs an seinem neusten Werk arbeiten. Zumindest erzählt er das. In Wahrheit ist er jedoch gekommen, um einen mysteriösen Vorfall zu untersuchen, über den sich die Bewohner hartnäckig ausschweigen. Als Lawinen den Weg zum Tal verschütten, bricht ein offener Konflikt aus. Erst wird sich geprügelt, dann brennt eine Scheune, und am Ende liegt eine Leiche im Schnee. Der Historiker flieht. Erst ein halbes Jahrhundert später versucht ein Verwandter Schreibers zu rekonstruieren, was sich damals hinter der Wand aus Schnee und Misstrauen zugetragen hat.
 

Die Geschichte um einen alten Mann, der in den Archiven der Stadt Wien versucht, seinen Cousin vom Vorwurf des Mordes reinzuwaschen, und dabei immer tiefer in dessen Leben eintaucht, ist nicht mehr als solide Erzählkunst. Die Sprache dagegen! Scheinbar mühelos zieht der Debütant Gerhard Jäger sein Publikum in den Schneesturm seiner Erzählung hinein. Mit wenigen Sätzen lässt er Räume voller Leute entstehen, nur um sie mit ein, zwei klug gesetzten Worten wieder verstummen zu lassen, als würde er lediglich eine Kerze ausblasen. Von Null auf Weltliteratur in 399 Seiten.

Val McDermid: Echo einer Winternacht

St. Andrews, Schottland. Vier Studenten sind nach einer alkoholreichen Partynacht Ende der 70er Jahre  auf dem Heimweg, als einer von ihnen buchstäblich über eine blutende junge Frau stolpert. Einer holt Hilfe, einer versucht sie zu retten, doch am Ende erliegt sie im Schnee ihren Verletzungen. Da sonst niemand vor Ort war, um diese Version der Geschichte zu bezeugen, geraten die Freunde unter Mordverdacht. Beweise? Fehlanzeige. Unschuldsvermutung? Dreimal dürfen Sie raten.
 

Das Besondere an diesem Krimi ist die Herangehensweise der Autorin. Statt die allseits beliebte Mörderhatz in den Vordergrund zu stellen, fragt Val McDermid, was der gewaltsame Tod eines Menschen mit denen macht, die zurückbleiben – mit der Familie, der Gemeinde, vor allem aber mit den Verdächtigen. Die wahre Tragik nimmt mit dem Mord erst ihren Anfang. Selten hat man Figuren so lange und intensiv begleitet, selten hatte man solche Angst um fiktive Personen wie bei der Lektüre dieses Buches. 

Olivier Truc: 40 Tage Nacht

Das Ende der Polarnacht in Lappland ist gekommen. Im Schutz des letzten dunklen Tages wird eine uralte Trommel aus dem Bestand eines Museums entwendet, die einst von den Sami, den Ureinwohnern Nordeuropas, angefertigt wurde. Es kommt zu Protesten und die Polizei wird von allen Seiten unter Druck gesetzt. Immerhin sind es nur noch ein paar Tage bis zu einer wichtigen UN-Konferenz zum Thema indigene Völker, auf der man sich auf keinen Fall blamieren möchte. Ergebnisse müssen her – und zwar schnell. Ein Fall für die Rentierpolizei.
 

Was als ungewöhnlicher Provinzkrimi à la Fargo beginnt wird gegen Ende immer mehr zu einem Politthriller der Extraklasse. Während die Tage immer länger werden, kommt auch immer mehr ans Licht. Dabei bleibt 40 Tage Nacht zu jeder Zeit ebenso atmosphärisch und spröde wie eine Winterlandschaft, was sicher nicht jedermanns Sache ist. Doch wenn man sich vor Augen führt, dass die Einwohner Zentrallapplands teilweise an die 200km für eine Packung Zigaretten zurücklegen, erträgt man auch ein paar Seiten Ereignislosigkeit. Belohnt wird die Hartnäckigkeit der Leser mit allerlei schrägen Figuren und einer spannenden Geschichte über Tradition, Moderne und die Grausamkeit unserer Zivilisation.

Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees

Finnland. Ein Mann holt seine elfjährige Tochter vom Eishockeytraining ab, wird von einem entgegenkommenden Fahrzeug in den Straßengraben gedrängt und verliert das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kommt, ist seine Tochter tot. Kommissar Kimmo Joentaa, der den Mann von früher kennt, nimmt sich des Falls an, und wird schnell vom Ermittler zum Trauerbegleiter. Währenddessen verliebt sich wenige Kilometer entfernt ein Fondsmanager in eine Prostituierte, die sein trauriges, geregeltes Leben auf den Kopf stellt. Und als wäre das nicht genug, schmiedet ein junger Mann in einem dubiosen Online-Forum auch noch Pläne für einen Amoklauf.
 

Tage des letzten Schnees sollte man nur dann zur Hand nehmen, wenn man genügend Taschentücher parat hat. Jan Costin Wagner lässt seinen Kommissar Joentaa in eine Tragödie schlittern, in der sich die klassischen Rollen des Kriminalromans in Wut, Hilflosigkeit und Trauer auflösen. Zurück bleiben verwirrte Menschen, die sich in schwierigen Zeiten gegenseitig Halt geben. Wagner fügt die Fragmente der Erzählung nicht nur geschickt zusammen, sondern beweist darüber hinaus auch ein erstaunliches Gespür für die Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen. Auch für Krimi-Muffel interessant.

Die Bücher im Überblick:

  • Gerhard Jäger: Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod. Gebundene Ausgabe. Blessing, 2016. 399 Seiten. 22,99 Euro.
  • Val McDermid: Echo einer Winternacht. Übersetzung aus dem Englischen von Doris Styron. Taschenbuch. Knaur, 2005. 554 Seiten. 10,99 Euro.
  • Olivier Truc: 40 Tage Nacht. Übersetzung aus dem Französischen von Elsbeth Ranke. Droemer, 2016. 496 Seiten. 9,99 Euro.
  • Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees. Goldmann, 2015. 320 Seiten, 9,99 Euro.
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