Bosch Wo die Innovationen wohnen

Ludwigsburg. In einer Fabrikhalle in der Ludwigsburger Weststadt züchtet Bosch Start-Ups heran, die neue Märkte besetzen sollen. Peter Guse, Chef der Bosch Start-Up GmbH, erklärt, warum Innovationen eine Heimat und gleichzeitig ganz viel Freiheit brauchen.

Junge Menschen stehen in kleinen Grüppchen herum, bunte Post-Its kleben an Fenstern. Die Gespräche sind angeregt, ab und an ertönt Gelächter. Es herrscht eine Atmosphäre wie bei einem Uni-Workshop, wo sich aber nur die wirklich interessierten Studenten getroffen haben und die Team-Schmarotzer gar nicht erst eingeladen wurden.

„Das sind unsere Discovery-Teilnehmer“ erklärt Peter Guse das Treiben. Keine Studenten, sondern Bosch-Mitarbeiter aus verschiedenen Geschäftsbereichen und Ländern tüfteln hier für drei Monate zusammen an disruptiven Lösungen für technische und gesellschaftliche Herausforderungen. Und an neuen Geschäftsfeldern für Bosch.

Die kreative Umgebung dafür ist gerade fertig geworden und wird am 14. Mai 2018 offiziell bezogen. Peter Guse, Chef der Bosch Start-Up GmbH, zeigt stolz die neue Heimat seines Inkubators: 5000 Quadratmeter Fabrikhalle, genug Platz für 250 Mitarbeiter, Werkstätten, Besprechungsräume und vor allem: Innovation.

Neue Heimat für neue Aufgaben

Loft-Charme, offene Küchen mit Vollautomaten, an denen stets auf Knopfdruck Kaffee getankt werden kann; alles, wie man es sich bei Start-Ups vorstellt. In der großen Empfangshalle direkt am Eingang soll vor allem kommuniziert werden. Sessel und Sofas stehen bereit, aber auch mobile Tribünen, die flugs zusammengeschoben werden für Events und Vorträge. Die Logik der Räumlichkeiten orientiert sich am Arbeiten, wie sie es im Silicon Valley seit Jahrzehnten vormachen: Erst wird gedacht, dann wird der Prototyp gebaut und anschließend getestet. Und dann heißt es wieder: denken, nachbessern, testen.

Die Innenarchitektur ist ungewöhnlich, eine Kollaboration mit Künstlern. Start-Up-Kultur vereint mit Bosch-Erbe. „Wir wollen eine Heimat bieten für unsere Start-Ups“ erläutert Peter Guse. „wir meinen die Umgebung und die Atmosphäre."

Kulturschock und Kollaboration

Wenn ein Weltkonzern auf Start-Ups trifft, klingt das nach Kulturschock. Junge Wilde gegen behäbige Riesen, Chaos gegen geregelte Arbeitszeit, schnelle Entscheidungen gegen Genehmigungsmarathon. Dass disruptive Ideen nicht unbedingt in der gewohnten Nine-to-Five-Umgebung gedeihen können, ist eine nicht allzu alte, aber wichtige Erkenntnis vieler großer Unternehmen.

Daimler betreibt unter dem Titel „Business Innovations“ eine Art Think Tank, der Software-Konzern SAP setzt auf weltweit verteilte „App-Häuser“, in den Produkte zusammen mit Kunden weiter entwickelt werden. Bosch hat im Dezember 2013 die Start-Up- GmbH gegründet, seit 2014 sitzt sie in Ludwigsburg. Hier sollen die eigenen Start-Ups mit ihren radikalen Ideen gedeihen, aber auch Bosch-Mitarbeiter aus anderen Geschäftsbereichen lernen, wie Unternehmer zu denken. 900 Quadratmeter waren angedacht für 50 Mitarbeiter mit drei Teams. Mittlerweile brauchen auch andere Start-ups und Innovationsteams von Bosch – in Summe neun - mit rund 200 Mitarbeitern Platz. Weitere Bosch Start-ups sitzen in den USA, in Österreich und im Allgäu.

Mehr Platz gab es glücklicherweise nur 50 Meter weiter. Die umgebaute Fabrikhalle wurde offiziell im März 2018 eröffnet, umgezogen wird am 14. Mai. Rund drei Millionen Euro wurden in den Um- und Ausbau investiert.

Feste Tische, mobile Schränke. Jeder kann arbeiten, wo er Lust hat.

Platz gibt es jetzt für 250 Mitarbeiter. Die Arbeitsplätze sind nicht fest, jeder kann arbeiten, wo er will. In abschließbaren Rollcontainern sind die persönlichen Habseligkeiten verstaut. Tische mit allen nötigen Schnittstellen, von der Netzwerkbuchse bis Stromanschluss, sind überall zu finden. Teams können bei Bedarf auch ihre eigenen kleinen Büros bauen. Mit stabilen, aber flugs umbaubaren Modulen aus Aluminium oder Holz ist schnell die eigene kleine Heimat geschaffen.

Dazu kommen Besprechungsräume, die so auch im Silicon Valley stehen könnten. Eine original norwegische Holzhütte mit fellüberzogenen Tischbeinen. Ein verspiegelter, kubistisch anmutender Raum. Ein an eine Sauna erinnernder Holztonne. Ein Zimmer ohne rechte Winkel, ein anderer mit dreieckigen Sitzgelegenheiten und Hängematten-Netzen. Und dazwischen einige „normale“ Meetingräume. 

„Wir haben die Leute gefragt, was inspiriert euch. Da gab es ganz unterschiedliche Dinge, aber im Grunde waren es: Gegensätze. Das haben wir, oder genauer, die Künstler, mit denen wir bei der Gestaltung der Halle zusammengearbeitet haben, umgesetzt“ sagt Peter Guse. 

Erbe und Zukunft

Dazwischen: Zündkerzen im Kronleuchter. Ein alter Schaltschrank, gerettet vor der Verschrottung, der jetzt als Spieluhr eine neue Karriere beginnt. Materialien aus anderen Bosch-Werken. Das Erbe des Mutterkonzerns Bosch spielte bei der Gestaltung der Heimat eine Rolle.

Der Mutterkonzern liefert den Zugriff auf Ressourcen, mit denen sich ein Start-Up üblicherweise schwer tut: Finanzen, Business-Plan, Rechtsfragen, Marketing. Dennoch haben die Start-Ups viel Selbstständigkeit, arbeiten eigenverantwortlich in Teams mit flachen Hierarchien. Sogar Einkäufe bis zu einem gewissen Budget sind ohne weiteren Genehmigungsmarathon einfach machbar. „Das alles beschleunigt die Abläufe und macht sie unkomplizierter“, meint Peter Guse. 

Geld verdienen steht an erster Stelle

Dieser Freiraum sei wichtig für das schnelle Denken. „Für Innovationen müssen Inseln geschaffen werden. Drei Arten von Freiheiten. Kulturelle, organisatorische und räumliche“ lautet die Empfehlung von Guse.

Die organisatorische, das seien Prozesse, eine gewisse Stabilität, Verträge, dann könnten sich die Mitarbeiter ohne Ablenkung auf ihre Aufgaben konzentrieren. Die räumliche, das wären Freiräume, zu arbeiten, wo und wann man wolle. Keine festen Arbeitszeiten, keine festen Plätze, sondern je nach Projektstand.

Die kulturelle Freiheit, die müsse vorgelebt werden. Fehlertoleranz zum Beispiel. Fehler dürfen gemacht werden, solange man aus ihnen lernt. „Natürlich gibt es Bereiche, da gibt es null Toleranz. In der klassischen Fertigung zum Beispiel, da können Fehler teuer werden. Aber wenn es um neue Ideen geht,  muss man sich auch mal verrennen dürfen. Wenn Fehler bestraft werden, dann traut sich niemand mehr auch mal eine verrückte Idee zu verfolgen“, sagt Guse. 

Allerdings ist der Inkubator kein Kindergarten, in denen die Start-up-Mitarbeiter nur spielen und experimentieren. „Wir sind kritische Partner bei allem, was zu einer erfolgreichen Geschäftsentwicklung gehört“ erklärt Guse die Aufgabe seines Kern-Teams. Im Fokus steht immer, Innovationen zu entwickeln. Und das sind, gemäß seiner Definition, „Ideen, die sich am Markt durchsetzen."

Auch mal loslassen können

Dazu muss man auch mal eine Idee loslassen. Oder in eine andere Richtung zu denken. Robotik in der Landwirtschaft klang nach einer guten Idee, der Markt aber wollte etwas ganz anderes. Jetzt sind es Sensoren, die dem Landwirt das Leben erleichtern, nicht Spargel stechende Roboter.

Manchmal gehen die Start-Ups wieder. „Urban Mates“ war von 2016 bis April 2017 ein Start-Up unter den Bosch-Fittichen und hängt nun als Bild in der „Hall of Exits“. Nicht ironisch, sondern ganz freundschaftlich wird ihrer gedacht.

Maximal fünf Jahre bleibt ein Start-Up im Inkubator, dann sollte es erfolgreich am Markt sein und ein eigener Geschäftsbereich. Wegen der natürlichen Fluktuation hat die Start-Up GmbH eine eigene Personalabteilung. Die ist so groß, dass man sie sogar ausleihen kann. Der Fachkräftemangel selbst ist auch bei Bosch spürbar. Gerade in den High-Tech-Bereichen Künstliche Intelligenz, Robotik und Bildverarbeitung ist die Nachfrage und Konkurrenz groß.  

Die Räumlichkeiten helfen bei der Personalsuche

Braucht man als Arbeitgeber heute 5000 Quadratmeter Spielwiese, um gute Leute zu holen? Peter Guse schmunzelt leicht bei der Antwort. „Es hilft. Natürlich gelten noch ganz andere Kriterien, wie Sicherheit, Projekt, Renommee. Da hilft der Name Bosch. Aber wenn man das Bewerbungsgespräch gleich in so einer Umgebung machen kann, hilft das sicherlich.“

Eine Gruppe im Discovery-Team ist fertig mit Brainstormen für den Nachmittag. Und ganz selbstverständlich werden die Bürostühle, die aus dem ersten Stock entführt wurden, wieder per Aufzug an ihren Platz gebracht. Ein bisschen Ordnung im kreativen Chaos muss eben auch sein.

Die aktuellen Bosch Start-Ups:

Cerix: Keramikspritzguss

Deepfield Connect: Sensortechnik für die Agrarwirtschaft

Deepfield Robotics: Autonome Maschinen für die Landwirtschaft

Mayfield Robotics: Hilfreiche Home-Roboter

MyScotty: Mobilität per App

Zenoway: Fahrerassistenzsysteme für Lkws

BePart: Smarte Kommunikation zwischen Bürgern und Stadt

Consult & Connect: Beratung zu Internet-Of-Things

Light eMobility: Neue Wege für Elektrizität

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