Bürgermeisterwahl in Kernen Der viele Verkehr – ein Dauerthema

Viel Verkehr herrscht auf den Straßen von Kernen. Wer Bürgermeister wird, muss sich damit befassen, wie er für Entlastung sorgen kann. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Kernen. Das Thema Straßenverkehr ist ein Dauerbrenner in Kernen. Zu den Hauptverkehrszeiten stauen sich die Fahrzeuge in den Ortsdurchfahrten. Radfahrer und Fußgänger fühlen sich oft als Menschen zweiter Klasse. Der Parkdruck ist enorm und Bürger klagen über Lärmbelästigung. Ein Bürgermeister kann an kleinen und größeren Stellschrauben drehen.

Wer in Kernen über den vielen Verkehr schimpft, fährt häufig selbst jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit und zurück. Etwas mehr als 15 300 Einwohner haben Rommelshausen und Stetten. Mehr als ein Drittel von ihnen pendelt in eine andere Stadt – die meisten nach Stuttgart. Schüler, Berufsschüler und Studenten sind noch nicht mitgezählt. Auf 1000 Menschen kommen annähernd 600 Autos, fast 40 mehr als im Bundesdurchschnitt. Auch viele Einpendler, also Menschen, die anderswo wohnen, aber in Kernen arbeiten – mehr als 5200 Menschen sind das – nutzen Pkw.

Und dann gibt es noch diejenigen, die gar nicht in einen der beiden Ortsteile hineinwollen, sondern bloß hindurch: Die Route durch Stetten über den Schurwald wählen nicht nur viele Pendler, sondern auch Lastwagenfahrer. Und über Rommelshausen weichen Autofahrer gerne einem Stillstand auf der Bundesstraße aus.

Fußgängerüberwege, verkehrsberuhigende Maßnahmen, sichere Schulwege

Am Stettener Ortsausgang in Richtung Esslingen soll bald ein Lärmdisplay messen, welcher Belastung die Anwohner ausgesetzt sind – das fordern Kommunalpolitiker schon lange. Auf der Ortsdurchfahrt des Weinorts herrscht Tempo-30. Das wünschen sich manche auch für Rommelshausen. Unter anderem, wie sie zu diesem Thema stehen, haben wir die Bürgermeisterkandidaten Stefan Altenberger und Benedikt Paulowitsch gefragt.

Immer wieder wenden sich Kernener an aus beiden Ortsteilen an die Verwaltung: Sie wünschen sich Fußgängerüberwege, verkehrsberuhigende Maßnahmen in ihren Wohngebieten, oder – wie die Bürgerinitiative Sicherer Schulweg, die an diesem Samstag an der Landesstraße bei Endersbach demonstriert – mehr Sicherheit und bessere Verbindungen für Radfahrer.

Der Einfluss einer Kommune wie Kernen auf den Straßenverkehr ist beschränkt – vom vielen Verkehr ist die ganze Region betroffen. Vorausschauend zu planen, an kleineren Stellschrauben zu drehen (etwa, für ausreichend Fahrradständer zu sorgen) und sich an übergeordneter Stelle stark zu machen für den Ort (zum Beispiel für einen Zebrastreifen über eine Kreisstraße) – das gehört zu den Aufgaben eines Bürgermeisters.


Fragen an die Kandidaten:

Gerade in den Durchfahrtstraßen von Rommelshausen und Stetten ist die Verkehrsbelastung groß. Welche Möglichkeiten hat die Gemeinde, die Straßen und vor allem ihre Bürger zu entlasten? Wäre Tempo 30 auch in Rommelshausen denkbar?

Stefan Altenberger: Der Pendlerverkehr trifft den gesamten Großraum Stuttgart. Aktuell entwickelt der Verband Region Stuttgart (VRS) ein dynamisches Straßenverkehrsmanagementsystem. Damit sollen Verkehre in der Region intelligent gelenkt, und die Menschen vor Ort entlastet werden. Kernen fordert eine Pförtnerampel am Ortseingang Rommelshausen, die den Durchfahrtsverkehr dosiert. ÖPNV-Leuchtturm-Projekte wie die Mobilitätspunkte des VRS, die derzeit in Rommelshausen und Stetten entstehen, sorgen zudem für fließende Übergänge bei Bahn, Bus und Rad. Weiterhin gilt: Ein engmaschiges ÖPNV-Netz macht den Umstieg für die Pendler attraktiv und entlastet unsere Straßen. In diesem Bereich hat Kernen zuletzt einen Riesenschritt nach vorne gemacht. Das Nachtbus-Angebot wurde erweitert, wir haben Verlängerungen in der Linien-Taktzeit bis 24 Uhr erreicht und haben zuletzt ganz neue Buslinien hinzu gewonnen. Die Kernener Bürgerinnen und Bürger sind somit innerörtlich und in alle Richtungen mobil: nach Stuttgart, Fellbach, Waiblingen, Weinstadt, Esslingen und Schorndorf. Die Lärmbelastung – ein weiteres Problem des Kfz-Verkehrs – könnte durch eine gedrosselte Durchfahrtsgeschwindigkeit und den Ausbau der E-Mobilität erheblich verringert werden. Ein Ergebnis unseres Lärmaktionsplans ist es, Tempo 30 oder 40 in der Ortsdurchfahrt Rommelshausen zur Diskussion zu stellen. Dies erhöht zugleich die Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer. Bezüglich der Verkehrsbelastung in Stetten wird es demnächst, nach Analyse der durchgeführten Verkehrszählung, ein Gespräch mit dem Regierungspräsidium geben – Stichwort Schurwaldübergang.

Benedikt Paulowitsch: Die Verkehrsbelastung in der Region Stuttgart ist enorm. Die Straßen durch Kernen werden von Pendlern auch als Ausweichmöglichkeit genutzt. Isolierte Einzelmaßnahmen werden keine Abhilfe schaffen können. Daher braucht es zweierlei. Erstens: Wir werden ohne eine grundlegende Mobilitätswende mit einem attraktiven ÖPNV in der Region Stuttgart keine ausreichende Entlastung für Kernen erreichen. Hier geht es darum, dass sich Kernen intensiv einbringt in Gespräche auf höherer Ebene. Zweitens: Wir müssen für Kernen ein langfristiges Verkehrskonzept entwickeln, das künftige Entwicklungen, wie beispielsweise die wachsende Bevölkerung, berücksichtigt. Es geht künftig darum, verschiedene Verkehrsträger wie Auto, Bus, Bahn und Fahrrad besser aufeinander abzustimmen. Dazu gehören auch innovative Maßnahmen wie Sharing-Angebote, Mitfahrmöglichkeiten, Wächterampeln oder intelligente Ampelschaltungen für Busse. Kernen verfügt über gute Busverbindungen. Diese gilt es bekannter zu machen und aktiv zu bewerben, damit sie erhalten bleiben und einen Beitrag zur Mobilitätswende leisten. Tempo 30 muss genau abgewogen werden. Die Durchgangsstraßen in Rommelshausen sind Gemeinde- und Landesstrassen, die unterschiedlichen Regelungen unterliegen. An erster Stelle muss die Sicherheit stehen. Für die Waiblinger Straße werde ich ein Gutachten erstellen lassen, das auch Aspekte wie den Bus- und LKW-Verkehr berücksichtigt. Hier ist ergebnisoffen zu prüfen, wo und gegebenenfalls zu welchen Zeiten Tempo 30 einen Mehrwehrt bringt.

Kraftfahrzeuge dominieren den Verkehr. Wie lassen sich die Bedingungen für Radfahrer und Fußgänger in Kernen verbessern?

Stefan Altenberger: Die Radwege-Konzeption für Kernen, die wir gemeinsam mit Bürgern und unter externer Begleitung erstellt haben, macht das Radfahren bei uns bald deutlich attraktiver. Demnächst beginnen wir mit der Umsetzung. Außerdem bezieht der Kreis in seinen geplanten Radschnellweg „Fellbach-Schorndorf“ Kernen in die Trassenführung ein. Radschnellwege sind gut ausgebaute, direkt geführte und weitgehend kreuzungsfreie Verbindungen zwischen den Kommunen. Die Fahrtzeitverkürzungen machen sie für Pendler besonders attraktiv. Außerdem bieten wir Pendlern die Möglichkeit, an den Mobilitätspunkten am Bahnhof Rommelshausen und in der Ortsmitte Stetten auf Leihräder des RegioRad-Systems umzusteigen. Und demnächst stellen wir am Bahnhof Rommelshausen 40 abschließbare Fahrrad-Boxen mit E-Bike-Lademöglichkeit auf. Fußgänger sollen sich sicher und barrierefrei im Straßenraum bewegen. Geschickte Wegeführungen schaffen kurze Wege. Ampeln, Bedarfsampeln und Zebrastreifen sorgen für die Sicherheit. Etliche Überwege, Platzbereich und Bushaltestellen haben wir in den vergangenen Jahren außerdem barrierefrei umgebaut. Weitere Maßnahmen in dieser Richtung werden folgen. Mit diesen Angeboten wollen wir es den Bürgern einfach machen, statt des eigenen Autos das Fahrrad, den Bus oder die Bahn zu wählen. Auf das sehr gute Linienangebot in Kernen habe ich in der vorigen Frage schon hingewiesen. Ein weiteres Plus: Die neuen Busse haben WLAN – gerade für jüngere Verkehrsteilnehmer ein wichtiger Fakt, der Busfahren attraktiv macht.

Benedikt Paulowitsch: Auch hier reichen einzelne und isolierte Maßnahmen nicht aus. Ein Verkehrskonzept, das verschiedene Verkehrsträger berücksichtigt, ist erforderlich. Aus meiner Sicht müssen insbesondere der Radverkehr, aber auch Entwicklungen wie Tretroller attraktiver werden. Ziel ist, die sogenannte erste bzw. letzte Meile zwischen Wohnung und Bahnhof so komfortabel wie möglich zu gestalten, um den Autoverkehr zu reduzieren. Hier spielen Fahrradstreifen und -wege, aber auch zusätzliche Angebote wie Car- und Fahrrad-Sharing eine wichtige Rolle. Hier gilt es zusammen mit Nachbargemeinden entsprechende Anbieter in die Region zu locken. Neben Fahrradstreifen müssen wir gerade an zentralen Orten wie an Vereinsstätten, Kirchen und öffentlichen Gebäuden mehr Abstellplätze für Fahrräder zur Verfügung stellen. Um den Radverkehr insgesamt voranzubringen, müssen wir die verschiedenen Förderprogramme von EU, Bund und Land sowie Möglichkeiten der interkommunalen Zusammenarbeit prüfen. Ausgebaut werden muss für Fußgänger, insbesondere für ältere Menschen mit Rollatoren, Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer die Barrierefreiheit. Dies gilt sowohl für Rommelshausen als auch für Stetten. So brauchen wir unter anderem mehr abgesenkte Bordsteine. Eine kluge Ergänzung dazu sind an verschiedenen Stellen Fahrradstreifen, die auch den Schutz der Fußgänger erhöhen, da dadurch die Achtsamkeit der Autofahrer erhöht wird.


ZVW-Veranstaltung

Dienstag, 24. September, 19 Uhr, Bürgerhaus Kernen (Einlass 18.30 Uhr): ZVW-Podiumsdiskussion mit Stefan Altenberger und Benedikt Paulowitsch. Livestream: zvw.de/kernenlive

Sonntag, 29. September: Bürgermeisterwahl in Kernen. Wahllokale von 8 bis 18 Uhr geöffnet.

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