Bürgermeisterwahl in Kernen Hangweide birgt Risiken und Konfliktpotenzial

Die Hangweide – das vorerst letzte große Wohngebiet, das die Gemeinde Kernen in Angriff nehmen wird. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Kernen. Wer auch immer am 29. September zum Bürgermeister gewählt wird: Das Wohnquartier Hangweide zwischen Stetten und Rommelshausen wird der Dauerbrenner seiner Amtszeit werden. Eine Legislaturperiode dauert acht Jahre – genau so lange hat Kernen Zeit, das Gebiet als Teil der Internationalen Bauausstellung 2027 zu etablieren. Bei den Wohngebieten ist dann das Ende der Fahnenstange erreicht.

Zwar gibt es theoretisch noch Flächen in Kernen, die zur Wohnbebauung ausgewiesen werden könnten – doch aller Voraussicht nach werden diese vorerst nicht angetastet. Mit der Hangweide, auf der einmal bis zu 1200 Menschen leben sollen, hat die Gemeinde als einer von drei Projektpartnern (neben Kommunalentwicklung und Kreisbau) ohnehin alle Hände voll zu tun. Schon heute laufen die Vorbereitungen des städtebaulichen Wettbewerbs, den Kernen zur Planung des Quartiers veranstalten wird. Schließlich soll die Hangweide kein 08/15-Wohngebiet werden, sondern Teil der Internationalen Bauausstellung 2027 (IBA).

Die bringt Prestige. Welcher Bürgermeister würde sich nicht gerne als treibende Kraft hinter einem zukunftsweisenden Wohnbauprojekt in den Geschichtsbüchern der Gemeinde verewigen?

Die Kernener Bürger werden eingebunden

Innovative Konzepte sind dafür gefragt. Was das Wohnen selbst betrifft, aber auch die verkehrliche Anbindung, die Infrastruktur, die Energieversorgung – und die Einbindung der Bürger. Laut Bauamtschef Peter Mauch ist die Gemeinde bereits „in engem Kontakt“ mit den IBA-Verantwortlichen um Intendant Andreas Hofer. Entscheidend für einen erfolgreichen städtebaulichen Wettbewerb wird der Auslobungstext sein, der den teilnehmenden Planern und Architekten den Rahmen steckt für das, was zwischen Stetten und Rommelshausen entstehen soll. In der Vorbereitungsphase für den Wettbewerb arbeitet die Gemeinde mit einem Architekturbüro zusammen, Nixdorf Consult. Der Auslobungstext wird allerdings auch im Gemeinderat diskutiert werden und bei einem öffentlichen Bürger-Planer-Dialog.

Die Kernener Bürger haben sich schon mit ihren Ideen und Wünschen für die Hangweide eingebracht, als der 16,5-Millionen-Deal mit der Diakonie noch nicht in trockenen Tüchern war (endgültig gekauft ist die Hangweide übrigens noch immer nicht, es soll allerdings nur noch um Formalien gehen). In zahlreichen Workshops wurde unter anderem diskutiert über Freiflächen und selbstfahrende Busse, die Anbindung an den ÖPNV, die Möglichkeit, auch kleinere Gewerbe in der Hangweide anzusiedeln und eine soziale Durchmischung herzustellen.

Der Mangel an Wohnraum treibt auch die Kernener um

Denn – IBA hin oder her – für viele ist die Hangweide zuallererst ein Projekt für dringend benötigten Wohnraum. Nicht nur Menschen von außerhalb, auch Kernener in unterschiedlichen Lebenssituationen suchen Wohnungen. Die Quote für Sozialwohnungen könnte 17,5 Prozent betragen, manche Kommunalpolitiker fordern mehr. Nachdem in Baugebieten wie der Tulpenstraße in Rommelshausen zuletzt viele üppige Einfamilienhäuser entstanden sind, dürfte der Trend in der Hangweide eher zu Mehrfamilienhäusern gehen.

Die komplizierte Entwicklung des Gebiets birgt einen großen Reiz für den Mann, der in den kommenden acht Jahren die Geschicke der Gemeinde Kernen leiten wird – aber auch Risiken und Konfliktpotenzial. Die Fähigkeit zu moderieren und zu vermitteln wird ganz bestimmt gefragt sein.


Fragen an die Kandidaten

Wie gelingt es, bezahlbaren Wohnraum in Kernen zu schaffen? Welche Rolle könnte das IBA-Projekt Hangweide dabei spielen?

Stefan Altenberger: "Seit Jahrzehnten hat die Gemeinde Kernen Sozialwohnungen in ihrem Bestand. Dieser Bestand wird zusammen mit der Kreisbaugesellschaft Waiblingen sukzessive ausgebaut. Die Kreisbaugesellschaft investiert und betreut die Wohnungen. Die Gemeinde vergibt die Grundstücke in Erbbaupacht und sichert sich ein Belegungsrecht zu günstigen Konditionen, die dauerhaft 2 bis 3 Euro unter dem Mietspiegel liegen. Es ist ein Modell, das sehr gut funktioniert und auch auf der Hangweide zur Anwendung kommen könnte. Darüber hinaus sollen auf dem Hangweidegelände Grundstücke für Genossenschaftliches Wohnen und Mehrgenerationenwohnprojekte freigehalten werden. Über die Gründung eines kommunalen Wohnbauunternehmens wird nachgedacht – dies rechnet sich jedoch erst ab einem Bestand von rund 300 Wohnungen und ist mit großen finanziellen Risiken verbunden. Im Jahr 2018 hat die Gemeinde ein Wohnraumkonzept 2030 verabschiedet, in dem unter anderem eine flexibel handhabbare Sozialquote festgeschrieben wurde. Grundstücke sollen zukünftig nur noch über eine Konzeptausschreibung, in der die Nutzung festgeschrieben ist, vergeben werden. So kann auch die Einhaltung der Sozialquote sichergestellt werden. Wichtig ist, dass auch in Zukunft noch bezahlbarer Wohnraum für den Mittelstand bereit steht. Die Internationale Bauausstellung (IBA) bietet die Möglichkeit, fachlich sehr gut betreut zu werden, renommierte Architekten an der Seite zu haben, miteinander Neues und Zukunftsfähiges ausprobieren zu können und – auch das natürlich ein Vorteil – Fördergelder zu erhalten."

Benedikt Paulowitsch: "Es ist tragisch, wenn sich junge Paare gegen Kinder entscheiden, weil es keinen bezahlbaren Wohnraum gibt – wie es mir in Kernen erzählt wurde. Zur Ehrlichkeit gehört, dass wir die Wohnungsfrage nicht alleine in Kernen lösen werden. Es gilt aber, dass wir so viel wie möglich unternehmen, um die Situation zu entschärfen, da der Wohnungsmangel zunehmend die Gesellschaft spaltet. Aus diesen Gründen ist es wichtig, dass wir bei Neubauprojekten verstärkt auf preisgünstige Wohnungen und auf Sozialwohnungen setzen. Außerdem möchte ich ein freiwilliges Tauschprogramm zwischen Jung und Alt für Wohnraum starten. Manche Senioren leben in großen Immobilien, die nicht altersgerecht sind. Gleichzeitig brauchen junge Familien, die bisher in kleinen Wohnungen leben, mehr Platz. Mir ist es zudem wichtig, dass die Gemeinde bei dem Verkauf von Bauplätzen nicht nur auf Gewinne und Preissteigerungen hofft, sondern bewusst günstige Angebote macht für Familien, die hier vor Ort schon lange auf ein Eigenheim warten. Bei der Hangweide müssen wir bei einem Teil der Wohnungen den Familien Vorrang einräumen, die bereits in Kernen auf Wohnraum warten. Mit den Eigentümern brachliegender Grundstücken möchte ich Gespräche über eine zeitnahe Bebauung führen. Prüfen werde ich einen möglichen Einstieg von Kernen in den kommunalen Wohnungsbau – möglicherweise gemeinsam mit anderen Kommunen."

Das neue Quartier soll bis zu 1200 Menschen beherbergen, das wäre ein Bevölkerungszuwachs von fast 8 Prozent für Kernen (sogar rund 13 Prozent für Rommelshausen). Thema Infrastruktur: Wie schafft es Kernen, diese Bürger zu integrieren?

Stefan Altenberger: "Das Quartier Hangweide liegt zwar am Rand des Ortsteils Rommelshausen, aber nicht völlig ab vom Schuss: Die Haldenschule, die Rumoldrealschule und die Sportstätten sind fußläufig oder per Fahrrad ebenso gut erreichbar wie die Rommelshausener Ortsmitte. Im Rahmen des städtebaulichen Wettbewerbs erwarten wir Antworten darauf, wie die Anbindung noch besser gestaltet werden kann. Geschickte Wegeführungen sollen die Hangweide nahtlos an die bestehende Ortsrandbebauung anpassen. Weiterhin sollen auf dem Hangweidegelände eine inklusive Kindertagestätte sowie ein Gastronomiebetrieb mit Biergarten entstehen; die nahe gelegene Haldenschule werden wir erweitern und die Sporthalle sanieren. Der in der Rumoldrealschule angedachte offene Ganztagesbetrieb kommt auch den Neubürgern zugute. Unsere Kläranlagen sind bereits auf den Einwohnerzuwachs ausgelegt. Die weitere Infrastruktur, ich denke beispielsweise an das Bürgerhaus und das Hallenbad, kann durch das Einwohnerplus noch besser und effektiver ausgelastet werden. Profitieren werden ebenso der Einzelhandel sowie das Gastgewerbe, aber auch der ÖPNV. Dessen Angebot haben wir zuletzt deutlich erweitert. Weitere Nutzer steigern die Rentabilität der Linien, die uns gute Anbindungen in alle Richtungen gewähren. Sollte der neue Radschnellweg wie angedacht durch Rommelshausen führen, wäre das ein weiteres Plus. Durch die Ansiedlung junger Familien halten wir unsere Geburtenrate hoch. Unsere Vereine und sonstige Organisationen bekommen neue Mitglieder, insbesondere auch im Nachwuchsbereich. Ganz allgemein wird das Ansteigen des Altersdurchschnitts gebremst."

Benedikt Paulowitsch: "Zunächst stellt die Bebauung der Hangweide eine ganz besondere Chance für Kernen dar. So ein Potential ist gerade in der Region Stuttgart ein wahrer Schatz. Jedoch gilt es bei einem solchen Großprojekt die Folgen in den Blick zu nehmen. Kernen benötigt dringend ein langfristiges Verkehrskonzept, das den absehbaren Bevölkerungszuwachs berücksichtigt. Dabei sind auch Mobilitätskonzepte wie Car-Sharing oder Radverleih in Kooperation mit Nachbargemeinden zu prüfen. Der Zuwachs wird Auswirkungen auf die Schulen, Kitas und Kindergärten haben – dafür brauchen wir Konzepte, damit Infrastruktur, Räume und Personal auch künftig ausreichen. Es sollte gelingen, Einrichtungen wie die Diakonie mit Angeboten in die Hangweide zu integrieren. Ebenso sollten wir prüfen, inwieweit Räumlichkeiten entstehen können, die beispielsweise für Veranstaltungen genutzt werden können. Ziel muss es sein, dass die Hangweide Aushängeschild und gleichzeitig normaler Teil von Kernen wird. Dies ist ein Grund. warum wir ein Interesse daran haben sollten, dass nicht nur Menschen von auswärts in die Hangweide ziehen, sondern auch Bürgerinnen und Bürger, die heute schon in Kernen leben. Bürgerinfotage, Begrüßungspakete und Angebote unserer Vereine können helfen, die neu Zugezogenen willkommen zu heißen und schnell in die Gemeinschaft zu integrieren. Dank ihrer Lage stellt die Hangweide einen Brückenschlag zwischen Rommelshausen und Stetten dar."


Ihre Fragen an die Kandidaten

Eine Podiumsdiskussion des Zeitungsverlags mit den Bürgermeisterkandidaten Stefan Altenberger und Benedikt Paulowitsch findet am Dienstag, 24. September, von 19 Uhr an im Bürgerhaus in Kernen statt. Dort haben unsere Leser die Möglichkeit, ihre Fragen direkt an die beiden Kandidaten zu stellen.

Sie können Ihre Fragen allerdings auch schon im Vorfeld direkt an die Lokalredaktion Waiblingen schicken: per Mail an waiblingen@zvw.de oder per Post an Zeitungsverlag Waiblingen, Albrecht-Villinger-Straße 10, 71332 Waiblingen. Die Podiumsdiskussion des Zeitungsverlags wird live im Internet übertragen.

Die Wahl selbst findet am Sonntag, 29. September, statt. Bei der offiziellen Kandidatenvorstellung der Gemeinde Kernen am kommenden Dienstag, 17. September, haben die Bewerber jeweils 15 Minuten Zeit, sich den Bürgern vorzustellen.

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