Urbach Keine Gartenschau mit Urbach?

Urbach. Die Auerbachhalle ist voll. Mindestens 400 Urbacher sind zur Einwohnerversammlung zur Remstalgartenschau 2019 erschienen. Sie sind gespannt, welche Argumente die „Alternative Gartenschau Urbach“ und die Befürworter der Urbacher Projekte nennen werden. Beide haben dafür knapp 40 Minuten Zeit. Danach werden Karteikarten mit Fragen und Anregungen der Bürger eingesammelt und mitunter diskutiert. Es wird viel geklatscht: fairer, höhnischer oder spontaner Applaus. Ein denkwürdiger Abend.

Die Begrüßung übernimmt Bürgermeister Jörg Hetzinger. „Wir haben Sie in der Vergangenheit schon oft über unsere Pläne informiert“, beginnt er – und im Publikum gibt es die ersten leisen Lacher. Nach Luft schnappen viele Besucher, als Hetzinger auf die Kosten zu sprechen kommt: 1,9 Millionen Euro.

Kosten „verantwortungsvoll abwägen“

Die Gemeinde habe viele Angebote gemacht, leider habe die Beteiligung zu wünschen übriggelassen. In Sachen Waldhaus und Gartenschau habe man nach der Einwohnerversammlung Anfang des Jahres noch ein gutes Gefühl gehabt. Dann meldeten sich im Juli die Kritiker zu Wort.

Danach stellen die Befürworter der Pläne der Verwaltung ihre Projekte vor. Gemeinderätin Monika Bruckmann, Mitglied in der Arbeitsgruppe Waldhaus, will begeistern, malt Bilder an die Wand, wie Kinder im Waldhaus oberhalb des Bergrutsches die Natur erkunden.

Wenige Bäume müssten weichen. Alles werde mit Behörden abgesprochen. Man sei auf einem guten Weg. Bis zu 50 Personen, Vereine, Schulen, Imkergruppen, Rentner, Firmen könnten dort unterkommen. Wichtig sei ein ganzjähriger Standort für Forschung, Entspannung und mehr. Ein Waldmobil sei keine Alternative. Die Kosten müsse man „verantwortungsvoll abwägen“. Aber man erhalte einen zukunftsfähigen Mehrwert für den Ort und die Region.

"Weiche Standortfaktoren"

Der Geschäftsführer der Remstal-Gartenschau, Thorsten Englert, spricht von „weichen Standortfaktoren“. Urbach habe ganz tolle Projekte. Es gebe nationale Aufmerksamkeit. Die besten Architekten planten für jede Gemeinde ein tolles Gebäude.

Er beglückwünsche Urbach zum Aussichtsturm am Gänsberg – und erntete massives Gelächter. Turm-Architekt Jan Knippers erläutert die Pläne, zeigt Fotomontagen. Und erntet Gelächter. Der Turm solle die bestehende Aussichtsplattform integrieren und überdachen.

Danach werden zwei Aussichtsplattformen am Bergrutsch vorgestellt. Der Spiel- und Grillplatz im Wald wird präsentiert, wo Kinder sich austoben können, mit Seilbahn und mehr. Danach werben die Mountainbiker für ihre Strecke. Im Anschluss wird gezeigt, welche Naturerlebnisse die Kinder auf dem zwei Kilometer langen Wald- und Erlebnispfad erwarten können. Damit endet die erste Runde.

„Die Gartenschau soll auch zu Urbach passen“

Die Vertreter der Gruppe „Alternative Gartenschau“ haben nun ebenfalls 40 Minuten Zeit. Rudolf Wrobel hebt hervor: Grundsätzlich seien sie Befürworter der Gartenschau. Sie lehnen allerdings einige Projekte der Gemeinde ab. „Die Gartenschau soll auch zu Urbach passen.“

Rolf Grass unterstellt Verwaltung und Gemeinderat mangelnde Kommunikation. Er habe schon vor zwei Jahren Bedenken geäußert. Die Zeitung agiere als Antreiber für die Verwaltung. Dann knüpft er sich die Kostensteigerung und Folgekosten des Waldhauses vor, dabei sei Urbach hoch verschuldet. Er verweist auf die letzte Haushaltsrede von Hetzinger. Er bringt ein Waldmobil ins Spiel, vielleicht auch eine Schutzhütte.

Dank Bergrutsch bleibe die Schau trotzdem attraktiv. Durch den Ort, vorbei an der Urbacher Mitte II und den alten Gebäuden, müsse ein Weg dorthin führen. Den Obstbau-Lehrpfad am Linsenberg könne man nutzen. Sein Plädoyer: Macht die Gartenschau näher an der Rems, „man muss es nur wollen“. Die Befürworter sollten einfach mal die Leute fragen. Viel Applaus.

Kritiker sprechen sich gegen Aussichtsturm und Waldhaus aus

Eberhard Schlotz, „wir sind die Gemeinde“, wirbt für den Naturschutz, für den 2016 weltweit 200 Menschen gestorben seien. Er kritisierte, dass Verwaltungen natur- und artenschutzrechtliche Gesetze scheinbar willkürlich durch Ausnahmegenehmigungen umgehen könnten. Er fragte ebenfalls, ob Waldhaus, Mountainbike-Strecke und mehr genehmigungsfähig seien.

Vize-Landrat Michael Kretschmar betont später, wäre das Waldhaus dort unmöglich, hätten die Behörden das bereits signalisiert. Waldbox oder Waldmobil seien für 50 000 Euro günstige Alternativen, so Schlotz. Der geplante Turm stünde im Landschaftsschutzgebiet. Seine Forderung: Investitionen in die nachhaltige Streuobstwiesenpflege.

„Geben Sie den Bürgern die Möglichkeit, an Entscheidungsprozessen teilzunehmen“

Rolf Bertsche schätzt die Waldhauskosten auf 600 000 und die Folgekosten auf 70 000 Euro. Ein waldpädagogisches Konzept sei sinnvoll, „aber nicht um jeden Preis“. Insgesamt müssten die Anwohner vor Ort mehr Lärm und Verkehr ertragen.

Die Gemeinde gebe Gelder aus, die sie für Infrastrukturmaßnahmen verweigere. Anscheinend könnten Gemeinderat und Verwaltung nicht mit Steuergeldern umgehen. Sie müssten die Nahversorgung, Stichwort Bonus-Markt, im Blick haben.

„Geben Sie den Bürgern die Möglichkeit, an Entscheidungsprozessen teilzunehmen.“ Applaus. Bürgerentscheide seien nötig. Entscheide sich der Rat für Turm und Waldhaus, werde man „alle gerichtlichen Möglichkeiten ausschöpfen“, kündigte er an. Urbach gebe zwei Millionen für die Gartenschau aus. Das große Schorndorf lediglich 2,5.

Die Bürger seien verunsichert, teils zerstritten

Thorsten Englert korrigiert ihn später. 2,5 Millionen plane die Daimlerstadt lediglich für Veranstaltungen und Bürgerprojekte et cetera ein. Hetzinger gibt an, mit Zuschüssen reduzierten sich die Kosten für Urbach auf 1,5 Millionen Euro. Bertsche deutlich: Urbach ziehe keinen Nutzen aus der Gartenschau. Urbach müsse auf Turm und Waldhaus verzichten. Viel Applaus.

Rudolf Wrobel nennt die Alternativvorschläge: bestehende Lehrpfade reaktivieren, Rems und Urbacher Mitte verbinden, den Urbach teils renaturieren, ein Wasserspielplatz. Eine Mountainbike-Strecke sei unter Umständen möglich, aber woanders.

Das Hochwasserrückhaltebecken könne integriert werden. Für mehr Miteinander sollen gemeinsame Gärten angelegt werden, Dinge ohne große Folgekosten. Die Bürger seien verunsichert, teils zerstritten. Der Gemeinderat müsse die Pläne ändern. Wenn nicht, den Weg frei für einen Bürgerentscheid machen. Es gehe darum, den wirklichen Willen der Urbacher festzustellen.

„Ich möchte die Bürgerschaft nicht spalten“

Hetzingers Schlusswort: Er spricht davon, man wolle die Waldhaus-Kosten auf 365 000 Euro reduzieren. Er kündigte an, die Kritik auszuwerten. „Ich möchte die Bürgerschaft nicht spalten“, sagt er. Gibt es eine Mehrheit gegen die Gartenschau-Projekte, werde man es nicht machen.

Aber: Die Vorschläge der Kritiker seien nicht konkret. „Dann lieber gar nicht und wir steigen aus“, hält er fest – ganz oder gar nicht. Er frage sich, wer hinter sich die Mehrheit habe, wenn viele Jüngere an diesem Abend fehlten. Er habe Enkel, sei Streuobstwiesenbesitzer.

Wo, wenn nicht in einem Waldhaus, sollen Kinder für Natur begeistert werden, damit sie später die Pflege der Wiesen übernehmen, fragte er später, den Tränen nahe. Das emotionale Schlusswort eines denkwürdigen Abends, an dem noch viele Gespräche geführt wurden.


Was sich Hetzinger von der Schau verspricht

  • Jörg Hetzinger: Urbach werde bekannter, Gastronomie und Einzelhandel würden profitieren, wieder Lacher im Publikum. Alle Altersgruppen würden durch das Angebot „Wald und Natur“ profitieren, vor allem Familien, aber auch Großeltern mit Enkeln, versucht er einen großen Teil der Besucher anzusprechen.
  • Das Waldhaus spiele eine zentrale Rolle. Dort und neben dem Bergrutsch sollen sich die Projekte konzentrieren. Tourismus und Naturschutz gelte es in Einklang zu bringen. Gibt es ein Veto von Naturschutzvertretern, müsse man umplanen.
  • Die Gartenschau sei positiv für das Remstal, eine Region, die bekannter werden will, auch um Fachkräfte anlocken zu können. Die Naherholungsfunktion soll gestärkt werden. Es soll einen Wanderweg zum Bergrutsch geben, durch Gemeinde und Urbacher Mitte. Viele Zuschüsse für Radwege könne man nur über die Schau erhalten. 100 000 Euro stehen für Bürgerprojekte bereit. Die „rote Linie“ liege bei 1,9 Millionen Euro.
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