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Bundestagswahl 2017 Kandidatenporträt Andrea Sieber, Bündnis 90/Die Grünen

Andrea Sieber: „Meine Träume behalte ich für mich!“ Foto: Schneider/ZVW

Schorndorf/Kernen. Ihre Chancen sind eher gering, in knapp zwei Wochen die erste grüne Bundestagsabgeordnete im Wahlkreis Waiblingen zu werden. Die Grünen müssten ihr aktuell prognostiziertes Wahlergebnis fast verdoppeln, damit Andrea Sieber Platz 17 auf der Landesliste reicht. Die 40-Jährige ist aber nicht nur durch und durch pragmatisch, sondern auch eine grüne Optimistin.

Andrea Sieber, die Stadträtin aus Schorndorf, kandidiert zum zweiten Mal für den Bundestag. „Wir müssen auf Kontinuität setzen“, begründet sie ihre weitere Kandidatur und weist darauf hin, dass sie vor vier Jahren gegen den Trend als eine der wenigen Grünen im Land bei den Erststimmen zulegen konnte. Von den Umfragen, bei denen die Grünen derzeit bei acht Prozent herumdümpeln, lässt sie sich nicht kirre machen. Seit dem vergangenen Wochenende komme der lahme Wahlkampf in Bewegung. Lange Zeit herrschte der Eindruck vor „Merkel macht’s!“. Die Wahl sei eh gelaufen. „Es hat sich gedreht!“ Und zwar in die Richtung, mit welchem Koalitionspartner es Kanzlerin Merkel machen soll. Dass sich jeder zweite Bundesbürger eine Beteiligung der Grünen an einer Merkel-Regierung wünscht, macht ihr Mut, dass doch noch mehr Wähler ihr Kreuz bei den Grünen machen.

"Lieber in der Regierung als in der Opposition"

Die Frage, ob Schwarz-Grün ihre Traumkoalition sei, blockt Andrea Sieber charmant ab. „Meine Träume behalte ich für mich.“ Eine Koalition mit der CDU bereitet ihr jedoch auch keine Alpträume. Im Gegenteil. „Wenn wir etwas verändern wollen, lieber in der Regierung als in der Opposition.“ Ihr Anspruch lautet, dass die Grünen nach dem 24. September ein Gesprächspartner sind, an dem niemand vorbeikomme.

„Sich engagieren, etwas bewegen und verändern wollen“

Politik macht Andrea Sieber ganz offensichtlich Spaß. „Sich engagieren, etwas bewegen und verändern wollen“, benannte sie beim Aktionstag Bundestagswahl in der Behinderteneinrichtung Diakonie Stetten ihre Beweggründe, sich in Politik einzumischen. Unvermittelt stand sie dort als Kandidatin im Mittelpunkt, obwohl sie bei der Infoveranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung (LPB) nur vorbeischauen und sich informieren wollte. Referent Jürgen Luz nutzte die Gelegenheit, den Schülern eines Berufsbildungswerkes eine leibhaftige Kandidatin vorstellen zu können.

Unterwegs mit Umweltminister Franz Untersteller

Der Aktionstag war für Andrea Sieber an diesem Montag bereits der zweite Termin. Zuvor hatte sie mit Umweltminister Franz Untersteller den Haustechnik-Dienstleister Schetter in Stetten besucht. Ein Termin für Sieber, um zuzuhören. Denn die Gesprächsrunde des Ministers mit Firmenchef Markus Schetter und dessen Geschäftspartner im Anschluss an einen Betriebsrundgang war ausgesprochen fachspezifisch.

Schon Unterstellers Eingangsstatement, dass er als Minister mit dem Erneuerbare-Wärme-Gesetz einen ordnungspolitischen Rahmen für mehr Energieeffizienz im Land geschaffen habe, stieß auf Widerspruch. Es war seine CDU-Vorgängerin Tanja Gönner. Und auch die weiteren Diskussionen zeigten, dass hier Heizung-, Klima- und Sanitärfachleute unter sich waren. Die Debatte, ob Verbrennungsmotoren 2030 oder später verboten werden sollen, hält Franz Untersteller für müßig. „Es könnte alles viel schneller gehen, als wir heute denken“, zeigte sich Untersteller mit Blick auf sein Smartphone und auf sinkende Stromkosten überzeugt, dass die Entwicklung zum Elektroauto rasch voranschreitet. Für Architekten, Hausverwalter und Haustechniker aber bedeutet dies, dass sie heute beim Bau neuer Häuser die Voraussetzungen für die Elektromobilität von morgen schaffen müssten. Zum Beispiel Garagen mit Stromanschlüssen planen oder zumindest Leerrohre für spätere Installationen verlegen lassen.

Das Ende des Verbrennungsmotors

Andrea Sieber griff Franz Unterstellers Argumente beim Dieselskandal auf, das den Grünen jedoch keine Stimmen zu bringen scheint. „Man muss eine Jahreszahl nennen“, sagt Sieber über das Ende des Verbrennungsmotors. Gerade vor dem Hintergrund des Pariser Klimaschutzabkommens hält sie die aktuelle Diskussion hierzulande über Diesel, Feinstaub und Stickoxide jedoch für wenig zielführend.

Engagement für Hebammen

Die Themen Familien und Frauen liegen der gelernten Erzieherin und Fachwirtin für Kindertagesstätten näher. Als zweifache Mutter engagiert sich Sieber für die Hebammen, deren Lage aufgrund der teueren Haftpflichtversicherungen existenzbedrohend ist. „Es ist ein Schaden für uns alle“, plädiert sie aus eigner Erfahrung als Mutter für die wichtigen Aufgaben, die Hebammen nicht nur während der Geburt, sondern auch bei der Vor- und Nachsorge erfüllen. Dieses „vermeintlich kleine Thema“, wie Andrea Sieber es nennt, ist für sie aber ein Thema, „für das es sich zu kämpfen lohnt“.

„Plötzlich kommen die Jungs!“

Seit 2014 sitzt sie im Schorndorfer Gemeinderat und ist inzwischen Vorsitzende der Grünen-Fraktion. Im Stadtrat hat sie gelernt, dass Kommunen vom Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz schnell überfordert sein können. Beim Bau der Einrichtungen werden Städte und Gemeinden unterstützt, beim laufenden Betrieb wurden sie vom Bund aber alleingelassen, kritisiert sie. Aber schnell ist die Kandidatin wieder im Wahlkampfmodus und betont, dass zumindest die grüne Landesregierung Städte und Gemeinden nicht im Stich ließ und mit der neuen praxisintegrierten Ausbildung, genannt PIA, der Erzieherberuf auch für junge Männer interessant ist. „Plötzlich kommen die Jungs!“

„Mir liegen die baden-württembergischen Grünen mehr“

Politisch interessiert war Andrea Sieber schon in ihrer Jugend im Wieslauftal. Parteipolitisch engagiert hat sie sich erst 2009 während eines vorübergehenden berufsbedingten Ortswechsels nach Nordrhein-Westfalen. Nach der Geburt ihrer ersten Tochter kehrte sie in ihre Heimat zurück. Den grünen Dortmunder Ortsverband empfand die Schwäbin als links. Zu links. „Mir liegen die baden-württembergischen Grünen mehr“, sagt Sieber über ihren Pragmatismus, „der frei ist von einer stark geprägten Ideologie“.

Andrea Sieber

Am Donnerstag macht der Wahlkampf Pause. Ihre Tochter wird eingeschult. Stolz ist Andrea Sieber darauf, dass sie ihrer Sechsjährigen trotz knapper Zeit doch noch eine Schultüte nähen konnte, die sie auf ihrer Facebook-Seite postet. Nicht nur in Wahlkampfzeiten ist der Kalender der 40-Jährigen mit politischen Terminen prall gefüllt. Sieber ist Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Schorndorfer Gemeinderat, gehört dem Vorstand der Grünen im Rems-Murr-Kreis an, ist Mitglied in der Landesarbeitsgemeinschaft Frauenpolitik der Grünen und Vorstandsfrau im Landesfrauenrat Baden-Württemberg.

„Für mich geht es dabei vor allem darum, die Schöpfung zu bewahren, Familien stärker zu fördern und Gerechtigkeit in allen Bereichen stärker zu verankern“, schreibt Sieber zu ihrer Kandidatur.

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