Bundestagswahl 2017 Kandidatenporträt Jürgen Braun, AfD

Jürgen Braun, Bundestagskandidat der AfD im Wahlkreis Waiblingen. Foto: Schneider / ZVW

Winnenden. Ist dieser Mann ein vernünftiger Mensch in einer unanständigen Partei? Oder sind Leute wie er ein Beleg, dass die AfD womöglich politisch satisfaktionsfähiger ist, als die Konkurrenz wahrhaben will? Ein Vormittag mit dem Bundestagskandidaten Jürgen Braun.

Jürgen Braun ist ein angenehmer Gesprächspartner. Man kann mit ihm diskutieren, ohne einander gleich anzuschreien, er nimmt Widerspruch nicht als Affront, eher als intellektuell anregende Herausforderung. Man merkt ihm an, dass er politisch hochinteressiert ist seit Jugendtagen – wenn er mit der aktuellen Politik von Erdogans Türkei hadert, kann er ein historisches Stegreif-Impulsreferat darüber einflechten, wie anders das früher mal war unter Präsidenten von „Mustafa Kemal, genannt Atatürk“, bis zu „Frau Ciller“ und „Herrn Erbakan“. Wer die AfD nur als Sammelbecken schamloser Hetzer abtun möchte, erleidet bei der Begegnung mit Jürgen Braun einen saftigen Realitätsschock.

Politik wurde ihm oft als „alternativlos“ verkauft

Er hat früher CDU gewählt. Und „wenn die CDU so wäre wie 2002, dann gäbe es wahrscheinlich die AfD gar nicht“. Zunehmend allerdings sei er irritiert gewesen, wie oft ihm Politik als „alternativlos“ verkauft wurde. Die Euro-Rettung alternativlos? Er sah das „völlig anders“. Die „überstürzte Energiewende“ nach Fukushima alternativlos? Er fand es „sehr unglücklich“, von heute auf morgen „ein funktionierendes System“ gegen wetterabhängige „Zufallsenergien“ auszutauschen. Die Grenzöffnung im September 2015 alternativlos? Braun antwortet mit dem Nobelpreisträger Milton Friedman: Ein Land könne ein hoch entwickeltes Sozialsystem haben oder offene Grenzen, „aber nicht beides zugleich“.

Was, bitte, ist Politik, wenn nicht das Ringen um Alternativen? Er sei „ein Freund der Meinungsvielfalt“ – wenn sich „alle einig sind, finde ich das verdächtig“.

Unter Liberalen: Braun beim „Verband der Selbstständigen“

Ein Werktagmorgen in Bürg: Im Hotel „Schöne Aussicht“ sitzt der Kandidat einer Runde des Winnender „Verbandes der Selbstständigen“ gegenüber. In gutbürgerlichem Ambiente trifft sich ein gutbürgerlicher Politiker mit gutbürgerlichen Fragestellern und lotet in gutbürgerlichem Ton Berührungspunkte und Meinungsunterschiede aus – so ließe sich dieser Vormittag zusammenfassen, läge da nicht noch etwas anderes in der Luft: eine Unterströmung von Unmut und Verdacht.

Kritik von FDP-Urgestein Peter Friedrichsohn

„Hol dir dein Land zurück“, plakatiert die AfD. „Uns hat niemand Land weggenommen!“, schimpft FDP-Urgestein Peter Friedrichsohn, 83. Die AfD fördere „den Radikalismus“ wenn sie Zerrbilder zeichnet, als hätten die Zuwanderer bei uns die Macht an sich gerissen. Oder Alexander Gauland: Er will die deutsche Staatsangehörige und SPD-Bundestagsabgeordnete Aydan Özoguz „in Anatolien entsorgen“ – so „schäbige“ Töne öffnen „gewaltbereiten Menschen Tür und Tor“. Und meine Güte, hier sitzen lauter Liberale im Saal, über FDP-kritische Artikel in ihrer Lokalzeitung haben sie sich weiß Gott oft genug geärgert – aber haben sie deshalb je die Pressefreiheit madig gemacht, indem sie gegen die „Lügenpresse“ keilten? „Ihr habt so viele Ausdrücke, die müsst ihr einfach streichen aus eurem Vokabular!“

„Wahlkampf ist Wahlkampf“ und kein „Stuhlkreis“

Braun bleibt gelassen. Lügenpresse? „Der Begriff ist nicht von mir“, er begnüge sich mit „Lückenpresse“. Özoguz entsorgen? „Ich sage nicht, dass ich das toll finde“, aber „Wahlkampf ist Wahlkampf“ und kein „Stuhlkreis“.

Man könnte geneigt sein, solche Äußerungen für taktisch motivierte Abwiegelei zu halten. Allerdings: Vor einigen Monaten bei einer AfD-Veranstaltung in Necklinsberg, vor einem ihm viel gewogeneren Publikum, klang Braun auch nicht viel anders – er sei es leid, seufzte er dort, dauernd ausbaden zu müssen, was „dieser Herr aus Thüringen“ grade wieder abgesondert hat. Er meinte Björn Höcke.

Eine Schlüsselfrage: Wer ist die wahre AfD?

„Wenn die alle so wären wie Sie“, sagt Friedrichsohn, „könnten wir ja noch mal miteinander reden.“ Wenn. Eine Begegnung mit Jürgen Braun wirft unabweislich eine Schlüsselfrage auf: Wer ist die wahre AfD? Sind es die Brauns, die für ein Zuwanderungsgesetz nach kanadischem Vorbild werben? Oder die Parteifreunde, die – wenn sie glauben, sie seien unter sich – via WhatsApp im amtlichen NPD-Jargon „Deutschland den Deutschen“ trompeten?

„Wir müssen noch reifen als Partei, gar keine Frage“, räumt Braun nach der Veranstaltung ein. Es gebe in manchen Länderparlamenten einzelne Abgeordnete, die den Betrieb „chaotisieren“ und unter den 28 000 Mitgliedern „Leute, mit denen würde man normalerweise nicht unbedingt Bier trinken“. Aber da seien eben auch die vielen „hochinteressanten und fähigen“ Persönlichkeiten; allein unter den ersten zehn der baden-württembergischen Landesliste ein Professor und drei Doktoren.

Braun fühle sich „sehr wohl“ in dieser Partei

Die Frage ist damit allerdings nicht vom Tisch, sie stellt sich womöglich nur umso schärfer: Wer ist die wahre AfD – die AfD der Brauns oder die AfD der Höckes?

Jürgen Braun ist da zuversichtlich. „Ich wäre nicht mit großer Mehrheit auf Platz sechs der Landesliste gewählt worden“, wenn es nicht viele gäbe, „die meinen Kurs richtig finden“. Er fühle sich „sehr wohl“ in dieser Partei. Dass sie auch intern so heftig, so basisdemokratisch, so „freiheitlich diskutiert“, mache sie zur „interessantesten Deutschlands“; wenn auch, nun gut, manchmal „ein bisschen zu interessant“.

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Zur Person

Jürgen Braun, 56, stammt aus Nordrhein-Westfalen und lebt in Kirchberg/Murr. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Nach dem Jura-Studium arbeitete er lange als Journalist, unter anderem war er Chef vom Dienst beim Mitteldeutschen Rundfunk in Dresden und belieferte als Leiter einer Produktionsfirma TV-Magazine wie „Report“, „Spiegel TV“ oder „Heute Journal“ mit Beiträgen. Heute arbeitet er als selbstständiger Kommunikationsberater und Journalismus-Dozent an Hochschulen.

Jürgen Braun steht auf Platz 6 der baden-württembergischen AfD-Landesliste – damit wird er, sofern die Partei am 24. September mindestens sechs bis sieben Prozent holt, mit ziemlicher Sicherheit in den Bundestag einziehen.

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