Bunker in London Farmer unter Tage

Richard Ballard und Steven Dring posieren in ihrem unterirdischen Gewächshaus Foto: Growing Underground

London - Ein südkoreanisches Kamerateam steht vor dem Betonbunker im Londoner Süden und filmt den Eingang. Im Inneren ist es klamm, dunkel, es riecht muffig. Hier, nur wenige Meter von der U-Bahn-Station Clapham North entfernt, sollen feine Kräuter angebaut werden? Dabei scheint der ehemalige Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg direkt an der Hauptstraße mit Natur herzlich wenig zu tun zu haben. Doch die Reporterin versichert den Zuschauern in Südkorea mit ernsthafter Miene: Ja, das ist Natur made in London.

Wer die 179 Stufen hinuntersteigt, sieht am Ende von einem der zahlreichen unterirdischen Tunnel dann auch rötlich-violettes Licht durch eine weiße Plastikverkleidung schimmern. Vier Stockwerke unter den Gleisen bauen Steven Dring und Richard Ballard Kräuter und Gemüse an. Bald soll das in großem Stil passieren. Seit zwei Jahren bereiten die beiden urbanen Jungbauern das Projekt vor. „Wir sprachen bei einem Bier im Pub oft über das massive Wachstum der Stadt“, erzählt Dring, der eigentlich Ökonom ist und seinen Job in einem Logistikunternehmen für die „Schnapsidee“ gekündigt hat. Wie lässt sich trotz der Bevölkerungszunahme die Ernährung Londons sichern? Wie sieht die Zukunft von Lebensmitteln aus? „Diese Fragen haben wir uns ständig gestellt, und irgendwann kamen wir auf die Idee, in der City Gemüse wachsen zu lassen“, so Dring.

Wichtig war den 39-jährigen Männern ein nachhaltiger Anbau von Bio-Gemüse und Bio-Kräutern. Da sowohl Gebäude als auch der Grund und Boden in Englands Hauptstadt beinahe unbezahlbar sind, richteten die Unternehmensgründer ihren Fokus auf die Fläche unterhalb der Metropole, die billig von der Londoner Transportgesellschaft TFL zu mieten ist. Zufällig seien sie dann auf den Bunker gestoßen, in dem während der Bombardierung Londons im Zweiten Weltkrieg 8000 Menschen Schutz fanden und wo den modernen Farmern nun insgesamt 2,5 Hektar Anbaufläche zur Verfügung stehen. Den feinen Geschmack ihrer Produkte erhalten die Briten, die ursprünglich aus Bristol stammen, durch LED-Lampen und die Temperatur, die ganzjährig auf 16 Grad gehalten wird. „Es ist die perfekte Umgebung für alles, was wir hier anbauen wollen“, sagt Ballard. Zudem sei ihre Art der Landwirtschaft effizienter, da Gewächshäuser viel Wärme durch die Eindeckung aus Glas verlieren. Anders ist das unter Tage: „Wir brauchen keine Extra-Heizung“, so Ballard über die Vorteile der Tunnel.

Im April wollen sie in Produktion gehen

Die Energie für die LED-Lampen, die die Pflanzen bestrahlen, wird aus regenerativer Energie gewonnen. Weil sie mit ihrer unterirdischen Farm mitten in der Stadt sitzen, könnten zudem alle Produkte frisch ausgeliefert werden und fast ebenso frisch auf den Tellern der Londoner laden. Bedenken, dass Ratten und Mäuse sich an ihren dreistöckigen Hochbeeten zu schaffen machen könnten, hatten sie anfangs schon – bis ihnen ein Versuch mit Ködern zeigte, dass es selbst den Nagern 30 Meter unter der Erde zu tief ist, um nach Nahrung zu suchen.

Kresse, Erbsensprossen, Salat, Radieschen, Rucola und Mini-Brokkoli – im April soll die eigentliche Produktionsphase beginnen. Derzeit finden noch Tests statt, doch dass es klappt, haben die Freunde aus Schultagen unlängst bewiesen. Sogar der mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Koch Michel Roux ist mittlerweile Teil des Teams. „Ich lebe in Clapham und wusste von den Tunnelanlagen, doch als ich das erste Mal hier unten war, war ich von der Größe der Anlage und den prächtigen Produkten, die dort unten wachsen, überwältigt“, sagte Roux dem britischen Fernsehsender BBC. „Es herrscht ein zunehmender Bedarf an nachhaltigen, lokal angebauten Produkten in London“, ist er von dem ungewöhnlichen Projekt überzeugt.

Das Geld – rund 365 000 Euro – wollen sie mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne zusammenkriegen. Dabei sammeln sie Geld über das Internet. Für eine Überweisung von 50 Pfund (60 Euro) gibt es eine Danksagung von Dring und Ballard, für 250 Pfund (300 Euro) eine Tunnelführung. Bislang fehlen noch rund 300 000 Euro, um aus der Testplantage ein Unternehmen zu machen. Im September wollen Ballard und Dring dann unter dem Namen Growing Underground zum ersten Mal Restaurants und Läden beliefern. Bis dahin werden die Stadtbauern weiter täglich in den Luftschutzbunker hinabsteigen, um ihre Kräuter zu begutachten und Kamerateams aus aller Welt zu überzeugen, dass der Vitaminschock von unten auch wirklich schmackhaft ist.

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