Burgstall Wie die Bahn ihre Schienen vernachlässigt

Am 8. August 2014 ist bei Burgstall ein Güterzug entgleist. Ursache: „Fehlende Nachhaltigkeit in der Instandhaltung der Gleislage“. Foto: ZVW/Gabriel Habermann (Archiv)

Burgstall.
Planungsfehler, Nachlässigkeiten, Pfusch am Gleis: Es war nicht bloß ein einziger Fehler, der am 8. August 2014 dazu geführt hat, dass zwischen Marbach und Backnang ein Güterzug entgleiste. Es handelte sich um eine programmierte Entwicklung. Um eine Fehlerkette, die 2003/2004 mit den Planungen für die S-Bahn Marbach-Backnang ihren Anfang nahm. Unfallursache war letztlich eine „fehlende Nachhaltigkeit in der Instandhaltung der Gleisanlage“. Sprich: Pfusch. Unebene Schienen haben in der Nacht zum 8. August bei Tempo 80 den letzten Waggon eines Güterzugs aus dem Gleis springen lassen. Schon die ersten Voruntersuchungen hatten auf den Pfusch hingedeutet. Das nun veröffentlichte Gutachten der Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchungen wirft einen Blick darauf, wie systematisch die Bahn ihre Infrastruktur vernachlässigte.

Zwischen Marbach und Backnang sind nicht nur nächtliche Güterzüge unterwegs. Tag für Tag fahren auf diesen Gleisen Dutzende S-Bahnen der S 4 und bringen Tausende Pendler aus dem Raum Backnang in die Landeshauptstadt und wieder zurück. Vier Wochen lang war die S-Bahn-Linie S 4 nach dem Unglück gesperrt, weil sich die Reparaturen in die Länge zogen. Der Schaden beträgt 700 000 Euro. Die Strecke Marbach-Backnang war 2012 für den S-Bahn-Verkehr aufgerüstet worden. Wie bei Bahnprojekten üblich, hatte sich die sehnlichst erwartete Einweihung verzögert. Die Bau- und Planungskosten der S 4 stiegen auf elf Millionen Euro.

Der Unfall

68 Seiten umfasst der Untersuchungsbericht, der sich auf zwölf Seiten mit dem Unglücksverlauf befasst. Der Güterzug EZ 51298 mit neun Wagen und Tempo 80 war von Nürnberg nach Kornwestheim unterwegs. Zwischen 0.18 bis 0.28 Uhr wurden dem Fahrdienstleiter in Backnang Störungen bei Burgstall signalisiert. Der entgleiste Waggon hatte die Oberleitung heruntergerissen, der Strom war weg. Dass ein Waggon seines Zuges aus dem Gleis gesprungen war, hatte der Lokführer nicht bemerkt. Konnte er nicht bemerken. Kurz vor Kirchberg wurde sein Zug gestoppt. Bahn-Mitarbeiter, die mit einem Verbrennungsturmwagen nach dem Rechten schauten, stellten die Entgleisung fest und informierten den Lokführer. Schon bei der ersten Spurensuche gab es Hinweise auf Pfusch am Gleis. Es fanden sich „auffällige Gleislagefehler“, deren Ursache eine fehlerhafte Tiefenentwässerung war.

Die Planungsfehler

Dass etwas mit der Entwässerung der Schienen im Bereich Burgstall nicht in Ordnung ist, war bereits bei der Planung der Verlängerung der S 4 über Marbach hinaus bis Backnang im Jahr 2003/2004 aktenkundig. „Es ist nicht auszuschließen, das zwischen den Aufschlüssen durch Wasserzutritt zum Erdplanum (obere Abschlussfläche des Untergrunds, d. Red.) Aufweichungen der bindigen Böden vorhanden ist“, heißt es in einem Gutachten von 2004. Wasser, das mit den Jahren in den Untergrund der Schienen eindrang, durchfeuchtete den Boden und hat letztlich zu den unebenen, wackeligen Schienen geführt. Das Grundproblem war, dass für die Tiefentwässerungsanlage keine eigene Anlagenummer angelegt wurde, wie es notwendig gewesen wäre. Somit fiel sie bei den Inspektionen einfach unter den Tisch. Rohre und Schächte wurden schlicht vergessen.

So auch bei den Baumaßnahmen im Bereich des Burgstaller Bahnhofes für die Verlängerung der S-Bahn nach Backnang in den Jahren 2006 und 2011. Aufgrund des Gutachtens hätten Zustand, Funktionsfähigkeit, Unterhaltung und Betrieb der Abwasseranlage untersucht und bei den Baumaßnahmen berücksichtigt werden müssen. Die Gutachter stellten „typische Mängel fest, die bei unqualifiziert durchgeführten Bauarbeiten entstehen“. In der Folge wurden die Anlagen zudem nicht inspiziert.

Vertuschungen?

Der Untersuchungsbericht weist darauf hin, dass bei den Arbeiten nicht nur geschlampt wurde, sondern Unterlagen zum Teil später erstellt und möglicherweise auch frisiert worden sein könnten. Die Bahn durfte die von ihr beauftragten Bauarbeiten im Bereich Burgstall selbst kontrollieren und sich den Okay-Stempel geben. So auch für die Gründungssohle des Bahnsteiges 1, also in dem Bereich, in dem später der Güterzug entgleiste. Die DB Netz AG bestätigte die Befahrbarkeit der Strecke, obwohl die vorgeschriebene geotechnische Überwachung der Bauarbeiten nicht stattgefunden hatte. Kein Wunder. Diese Leistungen hatte die Bahn wohl weder ausgeschrieben noch vergeben.

Nachlässige Wartung

Dass die Gleise uneben sind und wackelten, stellte die Bahn erstmals im Winter 2013 bei Messfahrten fest. Der Fachmann spricht von Gleislagefehlern. Die Schienen waren nicht eben und überschritten die Grenzwerte. „Beide Fehler wurden mit einer Sofortmaßnahme, in diesem Fall von Hand, gestopft.“ Doch diese Maßnahme sei nicht geeignet gewesen, „einen dauerhaft ausreichenden Abnutzungsvorrat für eine sichere Betriebsführung zu gewährleisten. Somit ist festzustellen, dass die von der DB Netz AG über einen längeren Zeitraum gewährten Verfahren zur Instandsetzung der Gleislagefehler nicht geeignet waren, um die bekannten Mängel nachhaltig beseitigen zu können.“ Der Laie spricht von Pfusch.

Wie sieht die Strecke heute aus?

Laut Untersuchungsbericht ist die Strecke mittlerweile in Ordnung. Die Tiefenentwässung sei erneuert und ergänzt worden.

Das baden-württembergische Verkehrsministerium ist zwar für die Strecke nicht zuständig, geht jedoch ebenfalls davon aus, dass die Bahn und das Eisenbahn-Bundesamt als Aufsichtsbehörde aus dem Unglück „die notwendigen Konsequenzen ziehen“. Aus Sicht des Ministeriums war der Unfall „die Folge mehrerer aufeinanderfolgender Fehlhandlungen beziehungsweise Unterlassungen“.

Pfusch bei der Entwässerung des Unterbodens hat zur Entgleisung geführt.


Was die Bahn dazu sagt

Zum Zugunglück in Burgstall am 8. August 2014 haben wir der Pressestelle der Deutschen Bahn in Stuttgart folgende Fragen gestellt:

Wie beurteilt die DB-Netz den Untersuchungsbericht? Welche Konsequenzen wurden aus dem Unfall selbst gezogen und welche zieht die DB Netz aus dem Untersuchungsbericht? Gab oder gibt es Strafanzeigen und/oder disziplinarische Maßnahmen gegen DB-Mitarbeiter oder extern an dem Bau beziehungsweise Unfall in Burgstall beteiligte Personen (Planer, Baufirmen o.ä.)? Der Schaden beträgt fast 700 000 Euro. Wer kommt für den Schaden auf? Auf der Strecke verkehren auch S-Bahnen: Wie groß war die Gefahr, dass eine S-Bahn entgleist? Oder bestand diese Gefahr weniger aufgrund der geringeren Belastung gegenüber einem Güterzug? Wie häufig werden Gleise auf den Bahnstrecken im Rems-Mur-Kreis auf Unregelmäßigkeiten überprüft, um Entgleisungen zu verhindern?

Und folgendermaßen hat die Bahn-Pressestelle unsere Anfrage beantwortet:

Guten Tag, Herr Winterling,

Sicherheit ist für uns oberstes Gebot. Alle Prozesse und sämtliche Technik sind darauf ausgerichtet – das ist Teil unserer DNA. Die Bahn ist das mit Abstand sicherste Verkehrsmittel, die Anzahl der Bahnunfälle geht seit Jahren zurück. Natürlich ist jeder Unfall einer zu viel. Wenn es zu einem Unfall kommt und die Ursache feststeht, lassen wir die Erkenntnisse daraus in unsere Prozesse und/oder Technik einfließen. Finanzielle Schäden sind durch Versicherungen abgedeckt.

Sollten Sie mich zitieren, bitte nicht namentlich, sondern lediglich als Bahnsprecher, danke!

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