Celesio ändert Konzept Doc Morris erfindet sich neu

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Stuttgart - Der Pharmagroßhändler Celesio hat seine ehrgeizigen Wachstumsziele für die Apothekenmarke Doc Morris begraben. Nun soll sich 2010 das Angebot der rund 150 Filialen bundesweit ändern, zudem erhofft sich der Stuttgarter Konzern gute Geschäfte im Ausland.

Celesio-Chef Fritz Oesterle wurde im Mai nicht müde, Zuversicht zu verbreiten: Nachdem der Europäische Gerichtshof (EuGH) Nicht-Pharmazeuten und damit auch Unternehmen weiterhin untersagt hatte, in Deutschland eigene Apothekenketten zu betreiben, wehrte sich Oesterle entschieden gegen Spekulationen, der Kauf des Versandhändlers Doc Morris habe sich durch das Urteil als Flop erwiesen. Im Gegenteil: Künftig werde man eben bei der Suche nach Doc-Morris-Markenpartnern "Gas geben", kündigte Oesterle an. Diese Apotheker schließen einen Franchisevertrag und treten nach außen wie eine Kette auf , bleiben jedoch wirtschaftlich unabhängig. Bereits 2011 wollte Oesterle "mindestens 500 Markenpartner" haben.

Acht Monate später ist davon keine Rede mehr, damals wie heute firmieren bundesweit nur rund 150 Apotheken unter dem grünen Doc-Morris-Kreuz. Seit dem EuGH-Urteil sei nicht viel passiert, räumt Oesterle nun ein, den 500. Franchisevertrag will er nicht mehr 2011, sondern erst 2015 schließen. Einher geht das verlangsamte Expansionstempo mit einem veränderten Auftritt. "Unser Sortiment an Eigenmarken ist im Moment sehr schmal, das muss ausgebaut werden", sagte Oesterle. Zudem "wollen wir dem einzelnen Apotheker mehr Hilfestellung geben, wie man aus einer erfolgreichen Marke eine erfolgreiche Apotheke macht".

Was das konkret bedeutet und ob Doc-Morris-Filialen wie bei Celesio-Apotheken in Großbritannien üblich künftig ebenfalls Räume für Vorsorgeuntersuchungen wie Diabetestests vorhalten, wollte er nicht verraten. Der Celesio-Chef verwies aber auf eine Studie, wonach der deutsche Verbraucher statt wie bisher 900 Euro sogar 1100 Euro jährlich in gesundheitsrelevante Produkte investieren würde. "Die Leute wären bereit, mehr auszugeben, es fehlt nur ein entsprechendes Angebot."

Im Januar soll das komplette Doc-Morris- Konzept vorgestellt werden. In der Vergangenheit hatten die Expansionspläne mehrfach für widersprüchliche Nachrichten gesorgt. So berichtete Celesio stets von einem großen Interesse potenzieller Doc-Morris-Markenpartner. Ihre Zahl erhöhte sich indes nur schleppend, mindestens eine Filiale hat wieder zugemacht. Anfang Oktober räumte Celesio dann ein, dass sich die 2007 für rund 200 Millionen Euro übernommene Versandapotheke nicht wie erhofft entwickle. In den Büchern wird der Firmenwert von Doc Morris nunmehr mit einem Abschlag von 30 Prozent geführt. Dabei betonte Celesio aber stets, dass das reine Versandgeschäft gut laufe.

Außerhalb Deutschlands betreibt Celesio in sieben Ländern insgesamt 2300 Apotheken-Filialen unter verschiedenen Marken, seit Mai testen die Stuttgarter in Dublin mit einer Doc-Morris-Filiale, wie die Marke bei den Iren ankommt. Spätestens Anfang Februar will Celesio die erste Doc-Morris-Apotheke in Schweden eröffnen, mittelfristig soll es rund 100 geben. Anders als in anderen Ländern kauft Celesio nach der Liberalisierung des schwedischen Markts keine Apotheken auf, sondern will eine eigene Kette aufbauen. Dies sei risikoärmer, erklärte Oesterle. Eine neue Apotheke koste zwischen 300.000 und 400.000 Euro und werfe am richtigen Standort im Schnitt nach 18 bis 24 Monaten erste Gewinne ab.

Ohnehin engagiert sich Celesio verstärkt im Ausland. 2009 übernahm der Konzern die Mehrheit am Pharmagroßhändler Panpharma in Brasilien und erwarb den Mitbewerber Laboratoria Flandria in Belgien. In Brasilien wurde Celesio damit mit einem Schlag Marktführer, im belgischen Pharmagroßhandel rückten die Stuttgarter zur Nummer zwei auf. Zwar sind laut Oesterle gerade keine größeren Zukäufe geplant - diese wären aber möglich: "Wenn wir ein großes attraktives Ziel haben, können wir einen dreistelligen Millionenbetrag für Akquisitionen einsetzen", sagte Finanzvorstand Christian Holzherr. Neben dem Wachstumsmarkt Brasilien könnten dafür irgendwann auch China oder Indien infrage kommen.

Frühere Pläne eines Einstiegs in Russland hat Celesio dagegen wieder aufgegeben: Mit einer sinkenden Bevölkerungsprognose und einer Lebenserwartung von gerade mal 61 Jahren bei den Männern bietet das Land einem Arzneimittelhändler vergleichsweise geringe Wachtumschancen. Ganz anders sieht es in Brasilien aus: "Gesundheitswohlstand ist dort politisch wichtig", sagte Oesterle. Mit jährlichen Wachstumsraten von um die elf Prozent gilt das südamerikanische Land weltweit als einer der lukrativsten Märkte für die Pharmabranche.

Die jüngsten Zukäufe tragen nicht zuletzt dazu bei, unabhängiger von staatlichen Regulierungen sowie dem britischen Pfund zu werden. Auch deswegen wird der operative Gewinn von Celesio dieses Jahr voraussichtlich von 657 auf rund 625 Millionen Euro schrumpfen.

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