China Das Hawaii der Chinesen

Eine der Attraktionen Hainans: eine 108 Meter hohe Göttin im Nashan Tempelpark Foto: Kayser

Das Ende der Welt ist nah. Fünfzehn Minuten, sagt der Mann an der Rezeption, dann sind Sie da mit dem Taxi. Auch auf dem kleinen Faltplan vom Hotel ist das Ende der Welt eingezeichnet. Es muss direkt am Meer liegen, dieses Tianya Haijiao. Die Felsformation dürfte über den Daumen gepeilt drei Kilometer entfernt sein. Da gehen wir doch am besten zu Fuß hin, immer am Ufer entlang, beschließen wir.

Seit einigen Tagen sind wir jetzt schon auf Hainan und haben immer noch nicht alle Top-Sehenswürdigkeiten im "Hawaii des Ostens" besucht. Die größte Insel der Volksrepublik China (oder die zweitgrößte chinesische Insel, wenn man Taiwan einbezieht) hat viel zu bieten. Vor allem Wärme, viel Sonne, üppige tropische Vegetation mit Bergen, Regenwald und Reisfeldern im Inselinnern, dazu Sandstrände vom Feinsten. Vor allem im Süden, im Dunstkreis der Touristenmetropole Sanya, reiht sich eine Badebucht mit kilometerlangem Strand an die andere. Und in den beliebtesten Buchten, Yalong und Dadonghai Bay, steht Superhotel neben Superhotel.

Hier gibt es (fast) nichts, was es nicht gibt – im Kempinski Resort zum Beispiel: das frisch gebraute Paulaner-Bier, von Chinesinnen im Dirndl zum Sauerkraut serviert, oder die Freiluftbadewanne auf jedem Zimmerbalkon, in der man sich abends unter den Sternen in Frangipani-Blüten aalen und dabei eigenartig bellende Frösche belauschen kann.

Hainan, im Südchinesischen Meer zwischen Vietnam und den Philippinen gelegen, war zu Kaiserzeiten Verbannungsort für in Ungnade gefallene Untertanen und galt als eine der ärmsten Provinzen im Reich der Mitte. Seit es 1988 zur Sonderwirtschaftszone erklärt wurde, geht es aufwärts. 1999 entsteht in Sanya das erste Hotel einer internationalen Gruppe, die Insel wird systematisch zur Ferieninsel aufgebaut. Heute weist sie die höchste Fünf-Sterne-Hotel-Dichte von ganz China auf.

Sechs Millionen Urlauber zieht Hainan bisher im Jahr an, erschreckende 50 Millionen sollen nach dem laufenden Fünfjahresplan angestrebt sein. Die weitaus meisten Gäste kommen im Augenblick aus China selbst, an Ausländern sind Japaner, Koreaner und Russen stark vertreten. Kaum ins Gewicht fallen die 6.000 Deutschen jährlich, die ihren Badeurlaub auf der Tropeninsel meist im Anschluss an eine Studienreise verbringen. Wir hatten viel Lärm auf Hainan erwartet, Touristenrummel, eine billige Vergnügungsindustrie. Doch alles kam anders. Hainan überraschte uns mit seiner landschaftlichen Schönheit und Vielfältigkeit: die Stadt Sanya mit ihren Märkten und Boutiquen, die Hotels mit Poollandschaften und Palmenstränden, das blaue Meer, der weiche, weiße Sand, die tropische Wärme. Dass der Hotelstrand fast leer ist, stört uns nicht. Chinesen baden selten, viele können gar nicht schwimmen. Nur die Jüngeren wagen sich, meist in Gruppen, ins Wasser und planschen laut kreischend und vergnügt in Ufernähe. Dafür fahren sie gerne in Booten hinaus und gehen am Strand spazieren, immer mit einem Sonnenschirm, um keinesfalls braun zu werden.

Beobachtungen im Liegestuhl, chinesische Urlaubsgewohnheiten studieren – auch das gehört zum Ferienspaß auf Hainan. Zu den schönsten Plätzen in der Umgebung lassen wir uns lieber mit dem Taxi fahren, nachdem wir einmal einen überteuerten Ausflug mit Zwangsprogramm über ein Reisebüro gebucht hatten. Verständigungsprobleme lösen wir mit Hilfe der Kärtchen, die wir von den Hotels auf dem Festland kennen. Darauf sind die Namen einzelner Fahrtziele in englisch und in chinesischen Schriftzeichen angegeben, wir müssen das Gewünschte nur ankreuzen. Wenn es darum geht, einen Preis mit dem Taxifahrer auszuhandeln, springt der Mann von der Rezeption ein.

Gegen seinen Rat sind wir zu Fuß gegangen bis ans Ende der Welt. Für die Chinesen früherer Zeiten lag auf Hainan der Platz, an dem Himmel und Meer zusammenstoßen, das südliche Ende der Welt. Touristikmanager haben sich an den alten Mythos erinnert und kurzerhand die beeindruckende Ansammlung von Felsblöcken und Gesteinsformationen im Südchinesischen Meer nahe Sanya zum Ende der Welt, Tianya Haijiao, erklärt.

Und da stehen wir nun. Müde nach dem langen Fußmarsch, der nur ein kurzes Stück am Strand entlang führte, bevor eine Flussmündung uns ins Hinterland abdrängte. Auf tristen Straßen und zuletzt doch noch mit einem Taxi erreichten wir schließlich das Ziel. Und dann die Enttäuschung: Wir sind in einem Vergnügungspark gelandet, wieder einmal. Wir hätten es wissen müssen, spätestens nachdem wir die vollgestellten Parkplätze durchquert, die Kassenhäuschen am Eingang passiert und umgerechnet 6,50 Euro pro Person bezahlt hatten. Um die Felsen herum schwimmen, wie geplant, dürfen wir nicht. Das Baden an diesem Traumstrand ist verboten.

Langweilig wird es trotzdem nicht. Es gibt viel zu sehen. Busgruppen überschwemmen das Areal, zahlreiche Besucher haben sich speziell für Hainan eingekleidet. Mit Vorliebe in etwas alberne Spielanzüge aus dünnem, mit Palmen, Blüten oder Segelbooten bedrucktem Baumwollstoff, die aus einem Hawaiihemd mit dazu passenden Shorts bestehen. Elektrobähnchen zuckeln mit Fußmüden durchs Gelände, Speedboote flitzen zwischen den Felsen übers Meer, Familien kraxeln auf den von Wellen glatt geschliffenen Gesteinsbrocken herum, fotografieren sich gegenseitig. Paare bitten uns immer wieder aufs Bild, zur Urlaubserinnerung mit Langnase. Drum herum Restaurants, ein Markt, in dem himmlische Papayas für 40 Cent, Ananas und Mangos aus den Obstplantagen der Insel verkauft werden, Läden, mit Muschelschmuck, Perlen, Hemden, Hüten. Dazwischen immer wieder Lehrtafeln fürs Volk, mit Infos über die Ureinwohner etwa oder dem Gedicht eines zur Kaiserzeit verbannten Dichters.

Die Chinesen scheinen diesen pädagogisch erhobenen Zeigefinger zu mögen. Bei sämtlichen Sehenswürdigkeiten auf Hainan kann man das erleben. Alle schauen gebannt zu, wenn irgend etwas demonstriert oder erklärt wird. Im Yanoda-Regenwald, bei den Rhesusaffen auf der Nanwan-Affeninsel, im Botanischen Garten Xinglong.

Die ganze Insel ein riesiger Freizeitpark, ein Disneyland mit Folklore und Belehrungen? Im Minoritätenpark Bing Lang Gu beim Fünf-Finger-Berg im Inselinnern ist das ein wenig so. Angehörige der beiden größten ethnischen Minderheiten Hainans vom Li- und Miao-Stamm zeigen dort ihr traditionelles Leben, ihre Hütten aus Reisstroh, ihre Handwerkskunst und Tänze. Auch im buddhistischen Kulturpark beim Nanshan-Tempel ist Mitmachen und Lernen angesagt. Schon lange bevor man ihn mit dem Auto erreicht, säumen Stände mit Räucherstäbchen die Straße, manche davon sind armdick und lang wie Bohnenstangen. Die Besucher tragen sie bündelweise auf den Schultern zum Tempel. Im Park fährt man mit Bähnchen an Tempelchen vorbei zum großen Tempel, spaziert durch das Tal der Langlebigkeit, vorbei an einer Galerie mit Fotos der ältesten Einwohner Chinas und Holztafeln mit Sprüchen zu jedem Lebensjahr ab 70, auch auf englisch.

Die Hauptsehenswürdigkeit im Tempel-Vergnügungspark ist die Statue der Göttin der Barmherzigkeit, Guanyin, deren Wohnort das Südchinesische Meer ist. Da steht sie auch, nahe am Ufer, 108 Meter hoch und damit stolze 15 Meter höher als die Freiheitsstatue von New York. Ihre Hand wurde in Originalgröße nachgebaut und auf einem Platz aufgestellt, um den Besuchern die Größenverhältnisse der Statue zu verdeutlichen. Selbstverständlich ist das ein gefragter Platz fürs Erinnerungsfoto. Am Ausgang des Tempelparks, bei den Schaufensterpuppen vor einem Laden, werden wir schwach. Das Auto wartet schon, doch was sein muss, muss sein. Für drei Euro kaufen wir uns einen Hawaii-Freizeitanzug, Baumwolle, superleicht, Muster so grell wie möglich. Gut als Pyjama für Sommernächte zuhause.

Info Anreise: Flugverbindungen nach Sanya im Süden von Hainan gibt es von vielen chinesischen Städten aus. Am schnellsten, in 50 Minuten, kommt man von Hongkong auf die Insel.

Veranstalter: Verlängerungsangebote für den Badeurlaub auf Hainan finden sich bei Meiers’s Weltreisen (Telefon 018 05 / 33 74 00, http://www.meiers-weltreisen.de), Gebeco (Telefon 04 31 / 5 44 60, http://www.gebeco.de), China Tours (Telefon 040 / 8 19 73 80, http://www.chinatours.de). Allgemeine Auskunft: Fremdenverkehrsamt der Volksrepublik China, Telefon 069 / 5201 35, http://www.china-tourism.de; http://www.hainan-china.de.

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