China Hoch, scharf, bunt

Das Essen aus den Garküchen im alten Schanghai ist preiswert und lecker. Foto: Funke

Schanghai - Die Spitzen der Wolkenkratzer sind nicht zu sehen, auch nicht, wenn man den Kopf weit in den Nacken legt. Sie verschwinden im Dunst. Mit 632 Metern ist der Schanghai Tower im Finanzdistrikt Pudong das höchste Gebäude Chinas und das zweithöchste der Welt. Täglich werden neue Hochhäuser fertig, die ihre Schatten auf das alte Schanghai werfen. Tradition und Moderne prallen in der 23-Millionen Einwohner-Metropole hart, aber reizvoll aufeinander. Von den Hotels im Jing-Viertel ist der ursprünglich im 3. Jahrhundert nach Christus erbaute Jing’an-Tempel gut zu Fuß zu erreichen. Das Tor zum Tempel ist versteckt zwischen unzähligen kleinen Läden. In den Straßen wimmelt es von Tausenden Passanten.

Kommerz und Kontemplation schließen sich nicht aus in Schanghai. Auf dem Gelände des „Tempels der Ruhe und des Friedens“ ist der Trubel der Megametropole wie weggeblasen. Buddhisten zünden Räucherstäbchen an, reiben den „Lucky Jade Stone“, einen Jadefelsen, damit ihre Wünsche in Erfüllung gehen und sie einen Zipfel vom Glück erhaschen. Dem Tempel gegenüber liegt der Jing'an-Park, eine von vielen Grünanlagen Schanghais. Wer traditionelle chinesische Lieder hören möchte, kann das dort tun: Ein Rentnerklub trifft sich mit seiner Dirigentin regelmäßig zur Chorprobe. Vom Jing-Viertel ebenfalls zu Fuß erkunden lässt sich der französische Bezirk: Viele der roten Backsteinhäuser aus der Kolonialzeit sind saniert.

Die Altstadt verfällt

Mit seinen Bars, Bistros und Boutiquen ist es das In-Viertel. „Eine kleine Eigentumswohnung in einem der dreistöckigen Häuser kostet 1,5 bis 2,5 Millionen Euro“, sagt Maxime Tondeur. Der Belgier bietet für Touristen Touren im Motorradbeiwagen an. Nur zu Fuß ist die größte Stadt Chinas nicht zu erobern. Am nächsten Tag geht es im Beiwagen eines nachgebauten BMW-Motorrads aus den 1940er Jahren vom Hotel in die Altstadt. Sie ist von Wolkenkratzern eingezwängt wie von einem Korsett. Viele Gebäude mit Souvenirläden unter Pagodendächern wurden für den Tourismus rausgeputzt. Gleich um die Ecke ist die echte Altstadt mit ihren Gemüseständen und den Garküchen in Häusern, die verfallen.

Die Straßen sind so sauber wie in der Schweiz. Von den Telefonleitungen hängen Unterhosen, Büstenhalter, Jeans und Schürzen zum Trocknen. Wie lange es den Teil der Altstadt noch gibt? Tondeur zuckt die Schultern. Der Baugrund ist begehrt und teuer. Täglich wird das Korsett aus Wolkenkratzern rund um die Altstadt enger. Die Mieten in den Hochhäusern sind horrend teuer. „Mit 1500 Euro für zwei Zimmer muss man rechnen“, sagt Tondeur. Im Altstadtbezirk liegt auch der Yu-Garten. Ein Stopp dort gehört zu jedem Touristenprogramm: Angelegt wurde der Garten 1959. Drachenköpfe auf Mauern, künstliche Gebirge und Seen, schmale Pfade: chinesische Landschaft en miniature.

Nach einer Tasse grünem Tee im traditionellen Teehaus geht es per Motorrad weiter zum jüdischen Viertel: Bis zu 30 000 Juden, die aus Nazideutschland nach Schanghai geflüchtet sind, lebten im Stadtteil Hongkou, damals eins der ärmsten Viertel. Da für die Einreise kein Visum nötig war, war Schanghai für viele die letzte Rettung. Die Flüchtlinge versuchten sich damit über Wasser zu halten, dass sie kleine Bäckereien oder Kaffeehäuser eröffneten oder bei Chinesen arbeiteten. Nach der Besetzung Schanghais durch die Japaner war es aus damit. Der Stadtteil wurde zum Ghetto, raus durften die Flüchtlinge nur noch mit Sondererlaubnis. Von der Vergangenheit erzählen das jüdische Museum und Inschriften an den Fassaden und Wänden. Entdeckt wurden viele Spuren, als die Bulldozer anrückten, um die Gebäude abzureißen. Trotz Baustopp hat die Zukunft die Vergangenheit überrollt.

Über 40.000 Restaurants

Ein Haus mit der Aufschrift „Wiener Delikatessen“ wurde abgerissen. Doch ein Teil des Viertels soll erhalten bleiben. Nach der Motorradtour steht beim Abendessen der „Hot Pot“ auf der Speisekarte: Rohes Fleisch, Fisch, Gemüse, Nudeln gibt es am Büfett. Auf dem Tisch brodelt Suppe im Topf auf einer Flamme. Darin wird alles gegart. Mit den vielen Dips wird der heiße Topf zum Festessen. Schanghai ist ein Schlaraffenland, die Küche international. Über 40 000 Restaurants soll es geben. Aber: Kantonesisch ist Trumpf - geschmortes, gedämpftes Fleisch, Fisch mit Gemüse und viele scharf-süße Soßen gewürzt mit Ingwer, Chili, Knoblauch. „In der Metro kann es passieren, dass die Fahrgäste den Ausgang so blockieren, dass man eine Station weiter fahren muss“, warnt Tondeur vor der Stadterkundung mit der Metro.

Das Verhalten erklärt er psychologisch: „Viele Einwohner mussten sich ihre Position hart erkämpfen. Jetzt halten sie daran fest.“ Das Aussteigen war dann doch kein Problem. Die Fahrten mit der Metro kosten nur ein paar Cent. Vom Hotel sind es wenige Stationen zum Bund, der Promenade am Huangpu-Fluss. Bei einer nächtlichen Bootsfahrt macht die Skyline Las Vegas Konkurrenz. Sie erstrahlt in buntem Licht und wechselt ihre Farben schneller als ein Chamäleon. Schön oder kitschig? Die Frage stellt sich bei den fantasievollen Effekten nicht. Die Bootstour ist ein Muss - auch für Touristen, die nur drei Tage in Schanghai bleiben. Für 72 Stunden braucht es nicht mal ein Visum.

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