China In Schönheit sterben

Die Frauen der Dong-Minderheit - hier in dem Bergdorf Biasha - kleiden sich und tanzen noch so, wie es die Tradition verlangt. Foto: Regine Warth

Zhaoxing - Herr Lu ist tot. Und das Dorf nimmt Abschied. Die ersten Sonnenstrahlen haben noch nicht die Kuppen der südchinesischen Berge erhellt, da poltert und kracht, zischt und pfeift es schon gewaltig in Zhaoxing. Wer dem Krach der Feuerwerkskörper folgt - durch die gepflasterten Gassen und die überdachten Wind- und Regenbrücken -, der landet an einem der sechs Trommeltürme des historischen kleinen Dorfes: ein bis zu 13 Stockwerke hohes Holzgebäude, das an eine Pagode auf Stelzen erinnert. Darunter ist der Sarg aufgebahrt. Ein zwei Meter langer Stamm, ausgehöhlt und glänzend poliert. Um ihn herum steht das halbe Dorf - Frauen und Männer, allesamt in der traditionellen Tracht der Dong-Minderheit gekleidet. Um ihre Köpfe ist ein weißes Baumwolltuch zum Turban gebunden als Zeichen der Trauer.

Herr Lu war kein hoher Würdenträger, er war ein einfacher alter Mann, der wahrscheinlich sein Geld mit dem Anbau von Reis verdiente - so wie fast alle hier. Und dennoch wird seine Bestattung gefeiert wie es die Tradition der Dong verlangt: Drei Tage werden sie zusammensitzen, das Essen mit unzähligen Gläsern Reisschnaps hinunterspülen und Kaskaden von Böllern zünden. „Das soll die bösen Geister vertreiben“, erklärt ein Trauergast. Dann wird der Sarg für die Bestattung fortgebracht, hoch in die Berge, begleitet von Tambourinenklängen und Gesängen. Die Frauen müssen zurückbleiben. Ihre Tränen, so glauben die Dong, könnten dem Geist des Verstorbenen Unglück bringen. Kam, zu Deutsch die Verborgenen, nennen sich die Dong.

Rund 55 Minderheiten leben in China

Verborgen in den zerklüfteten Bergen der Provinz Guizhou, die man auch die Festung Chinas nennt. So konnten sie sehr lange ihre animistische Kultur bewahren - trotz vielzähliger Versuche der chinesischen Zentralmacht, die schwer zugängliche Bergregion zu erobern. Rund 55 Minderheiten leben in China. Die meisten kennen nur die Han. Es ist der größte Volksstamm, dessen Angehörige auch als Chinesen bekannt sind. Doch es gibt noch die Dong, die Miao oder die Gejia, die in Dörfern weitab von den Metropolen Schanghai oder Hangzhou leben. Draußen vor den Toren des Dong-Dorfes Zhaoxings hat die Reisernte begonnen. Bauersleute mit von Sonne und Wind zerfurchten Gesichtern balancieren auf schmalen Pfaden durch die sumpfige Terrassenlandschaft, die Tragestöcke geschultert, an deren Enden dicke Reisgarben hängen. In dem Dorf gehen die Frauen ihrem Tagwerk nach: Sie weben und färben Baumwolltücher, die so blauglänzend schimmern, als wäre es Seide.

Die Pflanzen für die Farbe bauen die Frauen in ihren kleinen Terrassengärtchen auf dem Hügel hinter dem Dorf an, die Regen-fässer mit dem sorgsam angerührten Farbsud stehen in den Hinterhöfen. Früher, so erzählen die Färberinnen, während sie die Tuchbahnen an den Holzbalkonen zum Trocknen aufhängen, habe man noch Schweineblut und Eiweiß in die Farbe gegeben. Doch davon sei man inzwischen abgekommen. Geklopft werden die Tücher aber immer noch. Stunde um Stunde, tagelang. Nur so hält sich die blaue Farbe in den Fasern, erklärt Miu Zhan, eine der Färberinnen. Und nur so erhält das Tuch seinen fast schon metallischen Schimmer. Wer als Besucher das Treiben in dem Dorf beobachtet, ist berührt von dieser Lebensweise, die doch sehr dem Touristen-Traum vom alten China entspricht: das Wohnen und Arbeiten in den 800 Jahre alten Holzhäusern, die an bunt bemalte Schwarzwaldhöfe erinnern; das Tragen der Trachten im Alltag; das Singen, Tanzen und Spielen der Lusheng, traditionelle Mundorgeln aus Bambus, die hölzernen Orgelpfeifen ähneln.

Es ist der Versuch der Minderheiten, sich dem zu entziehen, was andernorts in China viel zu oft an ähnlich verwunschenen Orten geschah: Denn natürlich hat auch die Tourismusbranche längst erkannt, welch Kapital in der traditionellen Lebensweise der Minderheiten steckt. Neben den Dörfern werden Hotelburgen hochgezogen, das Dorf selbst zum begehbaren Museum für Touristenströme erklärt. Das 300 Kilometer entfernte Qingyan, eine Kleinstadt aus der Ming-Kaiserzeit, ist hierfür das beste Beispiel: Wer durch die alten Steintore tritt, muss erst ein Ticket lösen. Doch die historische Altstadt ist kaum noch zu erkennen - dicht an dicht reihen sich nur Souvenirstände. Ein solches Schicksal könnte auch Zhaoxing drohen: Nur wenige Kilometer vor dem Ort wird an der Schnellbahntrasse gebaut, die das Hinterland mit der Boom-Metropole Guangzhou verbinden soll. Die ersten Hotels sind fast fertig. Wer dann abends nach Zhaoxing fährt, dem weist die Eingangspagode - erleuchtet wie Disneyland - den Weg.

Auf den Köpfen balancieren die Frauen silberne Kronen

Die Grenze zwischen Bewahrung der eigenen Kultur und Folklore-Show ist schnell überschritten. Doch noch, so scheint es, machen sich die Minderheiten darüber keine Gedanken. Vor allem nicht in den Dörfern, die nicht vom Tourismus verwöhnt sind:Verirrt sich ein Reisebus nach Langde, einem Dorf der Minderheit der Miao, springen die Bewohner herbei - auf den Köpfen balancieren die Frauen silberne Kronen, die bei jeder Bewegung klimpern und klingen wie kleine Zimbeln. In den Händen halten sie Trinkhörner, randvoll mit selbst gebranntem Reisschnaps. Ein Schluck mindestens - und zwar aus jedem der dargebotenen Gefäße - ist ein Muss bei dieser chinesischen Tradition, Freundschaften zu schließen. Abends lädt die Frau des Bürgermeisters zu Tisch. Sie ist eine energische Frau in den Vierzigern, die ihre Tracht wie ein Protestgewand trägt. Früher, zu Zeiten Maos, hätte sie dafür erschossen werden können. Heute trägt Yang Ayung die Tracht, um ihre Kultur wieder in Erinnerung zu bringen - ebenso wie sie ihre Geschichten erzählt. Meist handeln sie von früher, als die heiratsfähigen Frauen von den Männern geklaut wurden. So war es Tradition beim Stamm der Miao. Doch auch eine Yang Ayung kann das Dorf nicht ewig in dem Idyll halten.

Viele der Jungen haben Langde schon verlassen, um in Schanghai zu studieren. Darunter auch Yang Ayungs Tochter und ihr Sohn. Der Mutter ist es recht: „Sie sollen es zu mehr Wohlstand bringen.“ Vielleicht kommen sie dann später wieder zurück ins Dorf in ihre Heimat. „Manche von den früheren Bewohnern machen das“, sagt Yang Ayung. Sie machen in der Stadt Karriere und leisten sich das Haus ihrer Vorfahren als zweite Heimat. Und wenn jetzt der Tourismus zunimmt, wer weiß, ob da die Jungen nicht doch bleiben wollen? In Zhaoxing ist derweil Ruhe eingekehrt. Die Trauergemeinde hat sich aufgelöst. Nur ein großer Haufen abgebrannter Böller erinnert noch an das Spektakel vom Morgen. Am Trommelturm treffen sich die Dorfbewohner nun zum Plausch, in den Gassen gackern die Hühner. Es riecht nach Holzfeuer. Und da ist es, das Idyll, das es einem leicht macht, darauf zu hoffen, dass alles so bleibt, wie es ist.

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