China Paddeln im Namen des Drachen

Bei den Drachenbootrennen zählt der Teamgeist - und gleichmäßige Paddelschläge. Foto: Hippe

Hongkong - Dumpfe Trommelschläge ertönen in der Victoria-Bucht. Es spritzt, wenn die Paddel im Staccatotakt ins Meer stechen. Vor der Skyline Hongkongs gleiten bunte Drachenboote um die Wette durchs Wasser. „Go, go, go!“, feuern die Männer und Frauen im Heck ihre Mannschaften durchs Megafon an. An diesem Tag steht die Luft wie in einem Gewächshaus. Doch das stört niemanden. Die Zuschauer am Ufer scheint dies nicht zu stören, sie winken mit Fahnen und jubeln den Sportlern zu.

Das Festival entstand zur Erinnerung an Minister und Dichter Qu Yuan

Jedes Jahr wird das Drachenbootfest am fünften Tag des fünften Mondmonats gefeiert, der meist mit dem Tag der Sommersonnenwende im Juni zusammenfällt. Einer Legende nach entstand es vor mehr als 2000 Jahren zur Erinnerung an Qu Yuan, einen tugendhaften Minister aus dem Reich Chu und einen der ersten Dichter Chinas. Dieser ertränkte sich aus Protest gegen Korruption am Königshof in einem See. Die Einheimischen warfen ihm in Bambusblätter gewickelten Klebreis als Opfergaben zu. Heute gehören die Snacks - aufgepeppt mit Dattel-, Krabben- oder Bohnenbrei - zum Drachenbootfestival dazu wie Biergarten und Musik.

150 000 bis 250 000 Menschen besuchen jährlich die Wettkämpfe. Mehr als 190 Teams aus zwölf Ländern beteiligen sich an den Bootsrennen, darunter Thailand, Australien und Kanada. Teilnehmen kann jeder, der Spaß an körperlicher Betätigung hat - und Freunde, die mitmachen, denn man kann sich nur als Gruppe anmelden. Zur Eröffnung feuern Cheerleader den Tanz der Männer in quietschbunten Drachenkostümen an. Der Drache symbolisiert in der chinesischen Mythologie unter anderem den Schutzgott und Beherrscher des Meeres. Er steht für Mut, Kraft und Aktivität.

Es gibt Rennen für Frauen, Kinder, Senioren, Presse und Profis, Wettkämpfe in Badewannen, die aussehen wie Hutschachteln, und Karnevalsrennen. 1976 fanden die ersten professionellen Veranstaltungen statt. Damals nahmen fast nur einheimische Fischer daran teil. Die Boote bestanden aus schwerem Teakholz mit geschnitzten Drachenköpfen und boten Platz für bis zu 100 Paddler.

„Paddeln liegt mir nicht, dafür bin ich zu dick"

Heute sind sie kleiner, wendiger und aus leichtem Fiberglas. „Die besten Sportler sind meist die Fischer oder die Radfahrer“, sagt Mason Hung, der Direktor und Vizepräsident der internationalen Drachenbootvereinigung. „Aber wir freuen uns, dass auch so viele Freizeitgruppen dabei sind. Das lockert die Atmosphäre auf“, sagt er und schlürft am Strohhalm seiner Tütenlimonade. Er trägt Brille und Baseballmütze und hat Mühe, gegen die Musik und Lautsprecherdurchsagen anzureden. Das Fest ist in vollem Gang. Die zeitliche Einhaltung der vielen Rennen und Sieger­ehrungen bedeutet für Hung eine Herausforderung, genauso wie die Steuerung der Massen. Zum Ausgleich trommelt er selbst gern in seiner Freizeit. „Paddeln liegt mir nicht, dafür bin ich zu dick“, lacht er und klopft sich auf den - eher flachen - Bauch.

Den wohl besten Überblick über das Geschehen hat man übrigens im Gebäude des internationalen Handelszentrums auf der Aussichtplattform „Sky 100“, ein paar Wolkenkratzer weiter westlich. Von hier schrumpfen Menschen auf die Größe von Mücken, die Drachenboote auf Zahnstocherlänge. In den obersten Etagen eröffnete im vergangenen Jahr das Ritz-Carlton. Es gilt mit 425 Metern über dem Meeresspiegel als höchstes Hotel der Welt - noch vor dem dubaiischen Armani­ Hotel im Burj Khalifa, das sich zwar im höchsten Turm der Welt, aber in dessen unteren Etagen befindet. In den Zimmern stehen Fernrohre für den Blick aufs Meer - oder auf die Dachterrasse der Wohnhäuser von Central Hongkong. Bei starkem Wind schwankt die Spitze leicht.

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