China Schnitzeljagd im Hutong

Willkommen in Chinas Alltag – auf dem Rundeli-Markt in Peking. Foto: Helmut Kazmaier

Wolfgang läuft am Platz des Himmlischen Friedens entlang und starrt auf sein Display. Als ob es im Zentrum Pekings nichts Interessanteres zu sehen gäbe. Aber er hat eine Aufgabe zu erfüllen: Mit dem GPS-Gerät in der Hand und uns, seine drei Geocaching-Teamkollegen, ist er auf der Suche nach den eingegebenen Koordinaten. „Hier muss das doch sein?“, fragt sich Wolfgang. Wir müssen aber nicht nur bestimmte Orte finden, sondern auch noch Beweisfotos schießen – von kleinen Details, von denen wir Vorlagen bekommen haben. Hier wäre zwar die richtige Kreuzung, aber wo ist bitte ein steinernes Mauerblümchen? Zwei Stunden später haben wir sechs von 16 möglichen Motiven gefunden, sind in der Teamwertung die letzten und haben trotzdem viel gesehen.

Geocaching, Schnitzeljagd mit GPS-Geräten, hört sich nicht nur nach Kindergeburtstag an, sondern hat auch eine ähnlich auflockernde Wirkung. Vor sechs Stunden saßen wir noch verstreut im Flugzeug, jetzt sind wir gemeinsam auf der Suche. Die elfköpfige Reisegruppe besteht größtenteils aus Thirtysomethings, Wolfgang, der Landarzt, ist älter. Dafür senken seine mitreisenden erwachsenen Kinder Kathrin und Johannes das Durchschnittsalter.

Wir sind dank elektronischer Schnitzeljagd tiefer in das Altstadtviertel Quiamen vorgedrungen, als wir uns das ohne GPS-Gerät wohl getraut hätten. In den Hutongs, wie die traditionellen Wohnviertel Pekings heißen, gibt es keine Kanalisation, dafür stinkende öffentliche Toiletten und ein Gewirr an oberirdisch verlegten Kabeln. Lautlos flitzen Elektroräder an uns vorbei, für Autos wäre kein Durchkommen. Und diese einstöckig gebauten, slumähnlichen grauen Viertel sollen begehrter Wohnraum sein, wie uns Reiseführer Han auf der U-Bahn-Fahrt erklärt hat? Wir verstehen so manches nicht. Und das wird sich auch in den nächsten beiden Wochen nicht ändern. Rätselhaftes China.

„Gemeinsam individuell“ ist das Motto dieser zweiwöchigen Gruppenreise von Peking nach Schanghai. Will sagen, wir unternehmen viel, aber nicht alles zusammen. Oft stehen uns unterschiedliche Möglichkeiten zur Wahl, wie wir den Tag verbringen. Wir laufen nicht nur dem Stadtführer hinterher, sondern machen uns auch selbst auf den Weg. Zum Beispiel auf dem Rad. Nicht ganz führerlos: Der immer geduldige Han lotst uns über die grässlichsten Kreuzungen. Wir fragen uns, wie blöd man sein muss, um in diesem Verkehrschaos als letztes Glied in der Kette mitmischen zu wollen. Keine zwei Minuten später lauschen wir andächtig einem Flötisten, der uns den Rücken zudreht und fremdartige Melodien über den Houhai-See schickt. Und erleben in einem Park, wie ein älterer chinesischer Könner einem jungen Europäer eine wortlose Lektion in Tai-Chi erteilt.

Es sind diese Kontraste, die das Einschlafen am Abend manchmal erschweren. Verkehrsinfarkt und Parkidyll, Hutongs und Wolkenkratzer, staubige Armut und Hypermoderne – alles nur einen Augenblick voneinander entfernt.

Saturday Night Fever in Peking: Vor einer Kirche tanzen Hunderte zu Discobeats in Reih und Glied – immer die gleichen Schritte, eine wirkungsvolle Massenchoreografie. Kathrin hat den Dreh schnell raus, auch Johannes macht mit improvisierten Zwischenhüpfern eine gute Figur. Danach gönnt er sich auf dem Nachtmarkt noch einen frittierten Skorpion. „Schmeckt nach Pistazieneis, ganz klar.“

Manche von uns haben sich den Himmelstempel angeschaut, die anderen waren im Galerienviertel Art District unterwegs. „Wie Paintball spielen. Nur benutzt man zum Abschießen eine Kamera“, kommentiert Helmut genüsslich die allgegenwärtige Fotografiererei vor den zu Ausstellungsräumen umfunktionierten Fabrikhallen. Die Skulpturen davor dienen als Requisite, jede Figur wird bestiegen oder umarmt – alles für das Foto. Das Viertel ist eine Bühne, junge Chinesinnen setzen sich auf hohen Plateauschuhen vor Aluminiumskultpuren in Szene. Sehr angesagt sind zudem Haarreifen mit Plüschohren und Hello Kitty Birkenstocks. 3500 Bilder hat Helmut in den zwei Reisewochen gemacht, etliche davon in den zwei Stunden im Art District. Oft war er auch selbst Objekt der Fotobegierde.

Auf dem Land fallen wir noch mehr auf. Wahrscheinlich wundern sich die Dorfbewohner von Penyian, was uns in ihr Nest geführt hat. Wir fragen uns das auch. Die Felsgrotten von Dazu, die Wanderung durch die Messerschlucht mit der freilebenden Affenkolonie waren zwar eindrucksvoll, die 2600 Steinstufen kernig. Aber jetzt sitzen wir in einem schmuddeligen Guesthouse, im Bad hängt kein Handtuch, und in einigen Zimmern flitzen Kakerlaken. Beziehungsdramen bahnen sich an: „Helmut, ich kann hier nicht schlafen!“, jammert seine sonst so unerschrockene Freundin, der es weder vor Schnaps mit eingelegtem Yak-Penis noch vor tränentreibend scharfem Essen graut. Wir ertränken das Elend in Alkohol und verkürzen uns die Nacht mit Uno spielen.

Keinen halben Tag später suhlen wir uns in einem Luxus-Spa, kriegen bei jedem Poolwechsel frische Handtücher gereicht und lassen uns von Fischchen die überschüssigen Hautfetzen abknabbern. Wir sinnieren im heißen Wasser darüber, ob Bergpfeffer tatsächlich als Betäubungsmittel funktioniert– zumindest hat der Zahnpatient bei der Behandlung auf dem Straßenmarkt beim Bohren nicht das Gesicht verzogen.

Die Unvereinbarkeit der Eindrücke ist der Grundton unserer Tour. Er klingt besonders laut in der Vier - oder 29-Millionen-Metropole Chongqing – je nachdem ob man den ganzen Verwaltungbezirk oder nur die Kernstadt zählt. Die Wohntürme der Achtziger weichen schon wieder höheren Wolkenkratzern, die von Dunst und Smog verhängte Skyline ist mit Kränen gespickt. Zwischen den blinkenden Fassaden sehen wir schlafende Wanderarbeiter in einem Verschlag. Ohne Smartphones mit Navi hätten wir den Weg zurück ins Hotel wohl nicht geschafft – weil dieser Megacity keine für uns durchschaubare Struktur zugrunde liegt. Schnitzeljagd für Fortgeschrittene wollten wir auch nicht spielen.

Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

Heute in Ihrer Tageszeitung

Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!