China Stadt, Land, Fluss

Vor 300 Millionen Jahren sind die bizarren Felsformationen am Lijiang-Fluss aus Kalkablagerungen entstanden. Foto: Ring

Auf einer Reise durch den chinesischen Bezirk Guilin muss man einige Vorurteile relativieren, die wir vom Leben in dem Riesenreich haben. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort stellen sich schon fast mediterrane Urlaubsgefühle ein – was auch viele einheimische Touristen zu schätzen wissen.

Das muss es sein, das perfekte Idyll. Wir sitzen in tausend Meter Höhe im Liegestuhl vor einem Hotel, ein kühles Bier in der Hand und schauen mit den letzten Sonnenstrahlen hinunter auf die terrassierten Reisfelder, wo die Frösche ihr Abendkonzert anstimmen. Dieses perfekte Idyll kann man umso mehr genießen, weil es nicht ganz unbeschwerlich war, dahin zu gelangen. Denn das Hotel ist ein Berghotel, das man nur zu Fuß erreichen kann. Der Aufstieg dauert zwei Stunden, aber wir befinden uns in Südchina in einer subtropischen Zone. Das bedeutet im Sommer große Hitze und extreme Luftfeuchtigkeit.

Doch wer will, kann sich unten am Ende der Straße erleichtern lassen. Sofort bildet sich um die Eingangstür des Busses eine Traube von Frauen. Sie bieten ihre Dienste als Träger an. Der Tourist kann überlegen, ob er für Verdienst sorgen will oder sich doch zu kolonialistisch vorkommt, wenn er diesen sehr klein gewachsenen Frauen mit ihren sehr langen Haaren seine Last aufbürdet. Sie gehören zur Minderheit der Yao, die glauben, je länger ihre Haare sind, desto länger würden sie leben. Im Alltag binden sie ihre Haarpracht zu einer Art Turban, wenn sie sie öffnen und im Fluss waschen, ist es ein beliebtes Fotomotiv – für das man zahlen muss.

So abgeschieden man ist: Wir sind mitten in einer Touristenattraktion. Es ist das Gebiet Longshen im Bezirk Guilin, der zur autonomen Provinz Guangxi gehört. Autonom heißt hier vor allem arm. Fünf Regionen mit diesem Status gibt es in China, die von der Zentralregierung mehr Unterstützung bekommen und weniger Steuern zahlen müssen.

Besuch bei einer alten Bäuerin. Die Holzhäuser sind riesig und meist zweistöckig. Im Wohnraum gibt es eine Luke, durch die die Schweine versorgt werden. Im Nachbarhaus fällt dies ins Auge: Neben einer chinesischen Boygroup hängt ein Plakat von Mao Tse-tung– mit einer Widmung des Bürgermeisters. Der Kommunistenführer, unter dessen Regime Abermillionen Menschen ums Leben gekommen sind, wird immer noch verehrt. Eine andere Bäuerin weit unten im Touristenziel Yangshuo hat schon fast einen Mao-Altar im Vorraum. Warum? "Weil er uns Ackerland gegeben hat." Trotz aller Umwälzungen gehört das Land auch heute überwiegend dem Staat. Wang Da Mei, so heißt die 74-jährige Bäuerin, hat für Reis- und Gemüseanbau acht Mu, was etwa einem halben Hektar entspricht. 15 Prozent von dem, was sie erwirtschaftet, muss sie abgeben.

In den Städten dagegen, berichtet unser Führer, sei vieles im Umbruch. Immer mehr große Unternehmen kauften Grund und Boden von der Regierung, was zu rapide steigenden Wohnkosten geführt habe. Zwar seien die Preise in der Provinz Guangxi nur ein Zehntel so hoch wie in der Boomtown Schanghai, aber auch der Verdienst sei deutlich geringer, so dass unser Guide von "Sklaven der Wohnung" spricht, weil ein Großteil des Einkommens dafür draufgehe.

Schlecht scheint es den 600000 Einwohnern von Guilin-Stadt dennoch nicht zu gehen – was auch daran liegen könnte, dass sie in einer touristischen Hochburg leben. Nicht nur ausländische Urlauber kommen in diese Region, sondern vor allem auch inländische. Schon in der Song-Dynastie (960–1279) wurde die Landschaft von Guilin als "die schönste unter dem Himmel" gepriesen. 2003 wurde sie wie Peking, Schanghai und Xi’an von der Welttourismusorganisation in die Liste der ausgezeichneten Reiseziele aufgenommen. Einmal im Leben sollte jeder Chinese hier gewesen sein, heißt es. Daran wird er oft erinnert, denn die Landschaft des Li oder Lijiang, wie der Fluss auch genannt wird, ist auf dem 20-Yuan-Schein abgebildet.

Der spektakulärste Abschnitt des 437 Kilometer langen Flusses sind die 83 Kilometer zwischen Guilin und Yangshuo. Hier windet er sich vorbei an unzähligen Zuckerhüten des Karstgebirges – Kalksteinablagerungen, die das Meer bei seinem Rückzug vor 300 Millionen Jahren hinterlassen hat. Die großen Ausflugsboote passieren bizarre Formationen, in denen man allerlei erkennen kann. Dementsprechende Namen haben sie erhalten: Elefantenrüsselberg, Berg der neun Pferde oder Fünffingerberg. Nach drei Stunden Flussfahrt landet man in Yangshuo, wo man nach der majestätischen Ruhe erst einmal einen Spießrutenlauf machen muss. Die Weststraße ist zwar 1500 Jahre alt, gilt aber heute als "Straße der Langnasen", durch die man als Tourist nicht hindurchkommt, ohne von Straßenverkäufern aufgehalten zu werden. Auch in Guilin gibt es allabendlich eine zwei Kilometer lange Straße der fliegenden Händler, und doch ist alles ganz anders. Denn die Stadt bietet vor allem abends fast mediterranes Flair. Rings um die Fußgängerzone, die sich vor dem Vergleich mit europäischen nicht zu schämen braucht, schwärmt eine Schar von lautlosen Elektrorollern aus, auf denen man auch gerne zu dritt sitzt. Die Promenaden der zwei Flüsse und vier Seen sind knallbunt illuminiert, in der Ferne glänzen die Sonne-und-Mond-Pagoden, verliebte Paare bummeln über die insgesamt 19 Brücken, die zum Teil berühmte Vorbilder in aller Welt haben. Von chinesischer Tristesse, die man im Kopf mit sich herumgetragen hat, ist hier bis weit nach Mitternacht keine Spur.

Schon bei Sonnenaufgang herrscht in den Parkanlagen reger Betrieb, formiert man sich zu allerlei körperlichen Ertüchtigungen. Und wer shoppen gehen will, wird fündig, wobei das größte Abenteuer für einen Westeuropäer sicher ein Besuch der riesigen Markthalle ist. So eine Vielfalt an lebender und toter Ware sieht man nicht alle Tage. Wesentlich zivilisierter geht es im größten Kaufhaus der Stadt zu, wo es in der Supermarktabteilung Bioprodukte und französische Weine gibt, die bis zu 100 Euro kosten. Den größten Kulturschock aber erleben wir abends in der Fußgängerzone. Wir kommen uns vor wie in einer Geschichte aus dem Paulaner-Garten – nur umgekehrt wie in der Werbung mit den Asiaten in München. In diesem Paulaner in der hintersten chinesischen Provinz läuft Musik der Gipsy Kings, und wir zeigen mit dem Finger auf die Bilder der Getränkekarte, weil die Bedienung in Dirndl und Lederhosen uns Langnasen einfach nicht verstehen will.

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