Chinas Bildungssystem Kaiserkinder im Stress

Chinas Nachwuchs ist unter Leistungsdruck Foto: dapd

Peking - Wang Hu ist gerade mal 13 Jahre alt, aber in manchen Dingen schon ein Großer. Er lernt Englisch, seitdem er drei Jahre alt ist, hat einen eigenen Lehrer wie viele in der Stadt – Privatschulen florieren. Bei der Aussprache übertrifft er bereits seinen Vater, der weltweit mit Elektrowaren handelt. In einem der besten Restaurants Pekings lässt Papa auftischen, Ente, Krabben und raffiniert gefüllte Teigtaschen. Die Gäste sollen die Vielfalt des neuen Chinas erleben und der Sohn die Herausforderungen der Welt. Fleißig schenkt Hu Saft und Wein nach und schnappt neue Vokabeln auf und die Eltern das Lob der englischsprachigen Gäste. Im kinderfixierten China ist Hu mehr als ein Sohn: Er ist auch Stolz und Status.

Zwanzig Jahre nach dem Beginn des Turbo-Kapitalismus wächst in China eine Generation heran, die mehr Möglichkeiten hat als die Generationen zuvor. Sie kann ohne Parteibuch studieren, Sprachen lernen und ins Ausland reisen. Die Ein-Kind-Politik hat die Stammbäume zugespitzt, die traditionelle Großfamilie gehört in den Städten meist der Vergangenheit an. Auf die Einzelkinder konzentrieren sich die ganze Aufmerksamkeit und Hoffnungen der Eltern und Großeltern. Verhätschelt sollen sie sein, die heimlichen Herren im Haus, so das Klischee. Doch in Wirklichkeit muss das sogenannte „Kaiserkind“ vor allem funktionieren.

Im Vergleich zur chinesischen Bildungskarriere ist der Druck bei einem deutschen G-8-Abitur eher sanft: Sie ist eine ständige Auslese, das selbstständige Hinterfragen von Stoffen oder kreative Lösungen stehen nicht auf dem Plan. Wohl kaum in einem anderen Land wird so viel auswendig gelernt, werden Schüler auf abrufbares Prüfungswissen getrimmt. Eltern wie die Wangs investieren ein kleines Vermögen, um ihre Kinder zu fördern, denn die Tests bestimmen die Zukunft: mit 16 für die Sekundarstufe II. Mit 18 folgt die Gaokao, die Zulassung zu den Universitäten. Nur die fleißigsten Punktesammler heimsen auch die Eliteplätze und Studienförderungen ein und bekommen später die besten Jobs. Meldungen über Selbstmorde von Schülern sind zur Prüfungszeit keine Seltenheit.

Es ist ein Drillsystem: Wer nicht punktet, verspielt die Zukunft

Lu Xiaoli (24), Tochter zweier Hochschullehrer aus Yichang in Chinas Westen, hat es für das Deutschstudium auf eine Pekinger Uni und danach zur freien Reiseleiterin gebracht. 120 000 Yuan (14 000 Euro) verdient sie im Jahr, Dolmetscher-Dienste inklusive – weit mehr als der Schnitt. Sie hat die verschmitzten Augen eines kleinen Mädchens und die Gestik einer Italienerin. Eine der begehrten Beamtenkarrieren habe sie nie geplant, meint sie und winkt etwas dramatisch ab – „viel zu langweilig“. Ihr Leben plant sie dennoch zielstrebig. Frühestens mit 30 wolle sie ihren Freund heiraten, denn dann können sie sich eine der teuren Wohnungen leisten. „Für unser Kind soll alles vorbereitet sein.“ Außerdem könne man dann einen Auslandsaufenthalt finanzieren. Bei Prüfungen schnitten chinesische Kinder sehr gut ab, meint sie – „aber es hapert bei der praktischen Umsetzung. Im Ausland können sie ­andere Sichtweisen kennenlernen“.

So wie Lu denken immer mehr Chinesen. Als vor zwei Jahren Schüler aus Schanghai bei der internationalen Pisa-Studie beim Lesen, in Mathe und den Naturwissenschaften Spitzenplätze belegten, redeten ausgerechnet die Schulleiter die Ergebnisse klein. Dass das chinesische System in einer der reichsten Städte sich bewähren würde, habe man erwartet. Man müsse künftig aber mehr die Kreativität fördern, um in der globalisierten Arbeitswelt zu bestehen – und nicht nur ständiges Repetieren. Selbst Ökonomen aus den USA und Europa sahen die Belege für Chinas Aufstieg kritisch. Zwar müssten Länder wie Deutschland oder die USA aufholen; China als Muster zu nehmen tauge aus wirtschaft­licher Sicht aber nicht: Bisher brächten die Schulen und Universitäten eher Buchhalter als Erfinder und Unternehmensgründer hervor. Eine Einschätzung, die auch von deutschen Bosch-Mitarbeitern in Schanghai zu hören ist. Bei Routineaufgaben seien die Leistungen der chinesischen Mitarbeiter exzellent – aber es gebe Defizite bei der Analyse und dem selbstständigen Arbeiten.

Doch China macht auch in puncto Kreativität und Innovation mobil. So konzentriert Peking Forschungsbereiche wie die Bio- und Nanotechnologie in Wissenschaftsparks. Die Zahl der Patentanmeldungen ist rasant auf europäisches Niveau gestiegen, allerdings gilt die Tragweite der Innovationen oft noch als gering. „In den vergangenen Jahren hat es bei der Lehre große Fortschritte gegeben“, sagt Dirk Schmidt, China-Experte an der Uni Trier. So brächten die Auslandsstudenten nicht nur Wissen, sondern auch neue Denkweisen und Initiativen in ihre Heimat zurück, wie der Erfolg der Suchmaschine Baidu – Chinas Antwort auf Google – zeige. 2010 studierten knapp 160 000 Chinesen in den USA, rund 20 Millionen Studenten sind an chinesischen Hochschulen immatrikuliert, die Zahlen steigen. Damit verfügt China nach den USA über das größte Akademiker-Reservoir. Die schiere Masse treibt auch die Spitzenforschung an. „In Deutschland arbeiten vielleicht 20 an einer Problemlösung, weil es nicht mehr Fachleute gibt“, betont Schmidt. „In China dagegen sind es 200.“ Die Erfolgreichen belohnen sich nicht nur mit Wissen, sondern auch mit Konsum.

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