CMT Chinesen sind die schnelleren Touristen

Kriegt mehr Kinder: Chinas Bevölkerung wird immer älter, deshalb rückt die Regierung zunehmend von der "Ein-Kind-Politik" ab. In Shanghai versuchen die Behörden jetzt sogar, Paare dazu zu überreden, ein zweites Kind zu bekommen. Foto: dpa
Stuttgart - Die Hotels, Restaurants und Freizeiteinrichtungen in Baden-Württemberg haben kein gutes Jahr hinter sich. Die Wirtschaftskrise hat vielerorts ihre Spuren hinterlassen. Für 2010 rechnet Ernst Pfister (FDP), Wirtschaftsminister und als solcher auch oberster Verantwortlicher für den Tourismus im Land, jedoch mit einer Stabilisierung, wie er am Montag auf der Tourismusmesse CMT in Stuttgart mitteilte.

Die Strategien für dieses Jahr sind bereits abgesteckt, der Blick geht in die Zukunft. Und bei diesem Stichwort sind Indien und China - genauer: die sogenannten BRIC-Staaten, zu denen noch Brasilien und Russland zählen - nicht weit. Sie machen heute bereits rund 40 Prozent der Weltbevölkerung aus. Schon aus demografischen Gründen werden sie Europäer und Nordamerikaner als Reiseweltmeister bald ablösen. Was für jeden touristischen Betrieb nicht von Nachteil ist: Nach Deutschen, Amerikanern, Briten und Franzosen lassen die Chinesen am meisten Geld im Urlaub liegen. "Da spielt die Musik", sagt der Tourismus-Wissenschaftler und China-Kenner Wolfgang Georg Arlt.

Also heißt es, die Fühler nach ihnen auszustrecken - auch oder gerade in Baden-Württemberg, das für Reisegruppen aus dem fernen Osten noch die große Unbekannte darstellt. Im bundesweiten Vergleich bekommt der Südwesten aller Steigerungsraten zum Trotz nur wenig Fernreisende ab. Das gilt für Gegenden wie den Schwarzwald und den Bodensee genauso wie für Stuttgart, das mit vergleichbaren Destinationen nur im Mittelfeld liegt.

Arlt glaubt zu wissen, wie es besser geht: "Für Asiaten gilt nicht die goldene Regel: ,Gib anderen, was dir gefällt', sondern: ,Gib ihnen, was ihnen gefällt." So suchten die meisten Touristen aus Fernost in ihrem Urlaub im fernen Westen weder Erholung noch Entspannung, sondern ein geballtes Programm mit Superlativen und Events; nicht den Geheimtipp, das Besondere oder Selbstverwirklichung, sondern das, was der Gruppe gefällt und alle anderen vor ihnen auch schon gesehen haben. Motto: Möglichst viel in möglichst kurzer Zeit sehen.

"Chinesen haben eine völlig andere Reisekultur", erklärte Arlt vor Hunderten Zuhörern aus dem hiesigen Gastgewerbe. "Ihnen geht es vor allem um Prestige und um das, was zu Hause den größten Angebefaktor besitzt." Dort sein, wo auch schon ein berühmter Politiker oder Wirtschaftsboss war. Das teuerste Hotel. Der höchste Turm. Die älteste Kirche. Ob die nun aus dem 12. oder 14. Jahrhundert stammt - geschenkt. Selbst bei Mitbringseln würde versucht, Neid zu wecken - etwa, indem sie grundsätzlich das Preisschild dranließen, klärte Arlt über eine weitere chinesische Besonderheit auf.

Um solch exotische Reisegruppen zufriedenzustellen, gehöre zudem, nationale Befindlichkeiten zu berücksichtigen, fuhr der Tourismus-Experte von der FH Westküste in Heide fort. Eine Speisekarte in der Muttersprache oder ein China-Fähnchen über dem Hoteleingang könnten da schon viel bewirken - also all das, was dem vermeintlich aufgeklärten Reisenden aus Europa im Ausland nicht so wichtig oder gar verpönt erscheint.

Nun wehen vor den wenigsten Hotels im Schwarzwald oder auf der Alb chinesische Fahnen. Und man braucht kein Prophet zu sein, um vorherzusagen, dass dies auch in Zukunft nicht passieren und Rostbraten süßsauer die Speisekarten erobern wird. Schließlich bringen dem Tourismus im Land noch immer die Tagesgäste aus dem Umland und Urlauber aus den Nachbarländern den meisten Umsatz. Auch das baden-württembergische Tourismus-Marketing hat jahrelang seinen Schwerpunkt auf sie gelegt, mit Naturerlebnis, regionaler Küche etc. Für 2010 stehen das Stauferjahr und eine Verjüngungskur für das Genießerland im Mittelpunkt. Spezielle Angebote sollen dem Nachwuchs spielerisch verdeutlichen, dass Genuss mehr bedeutet als Fast Food.

"Auch Holländer und Schweizer schätzen das. Sie kommen vor allem wegen des guten Preis-Leistungs-Verhältnisses hierher", sagte Karim Al-Soufi vom Reiseveranstalter Thomas Cook. Selbst das Hochpreis-Segment wagt den Spagat zwischen dem sich auf fremde Gäste Einstellen und Aufgabe der eigenen Identität nur zu einem bestimmten Grad. Der Chef von Brenner's Parkhotel in Baden-Baden, Frank Marrenbach, legt jedenfalls Wert darauf, auch in Zukunft "nur das zu tun, was in Einklang mit unserem heimischen Normen- und Wertesystem steht". Dafür erntete der Hotelier den größten Beifall. Oder wie sagte Moderatorin Claudia Kleinert: "Mit Schweinebraten gewinnen sie keine Araber." Muss man ja vielleicht auch gar nicht.

http://www.tourismus-bw.de

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