Coronavirus-Pandemie Hat ein VfB-Heimspiel die Ausbreitung beschleunigt?

, aktualisiert am 27.03.2020 - 10:56 Uhr
Ein Fußballspiel vor über 50.000 Zuschauern wird es in Deutschland wohl für lange Zeit nicht mehr geben. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Stuttgart.
In Stuttgart wurde am 9. März wohl auf lange Zeit das letzte Ligaspiel vor Zuschauern ausgetragen. Zum Heimspiel des VfB Stuttgart gegen Arminia Bielefeld (1:1) strömten an jenem Montagabend 54.302 Fans in die Mercedes-Benz-Arena. Einen Tag vor der Begegnung hatte Gesundheitsminister Jens Spahn aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus die Absage von Großveranstaltungen mit über 1000 Besuchern empfohlen. Doch das Zweitliga-Spitzenspiel wurde nicht vor leeren Rängen ausgetragen. Eine Entscheidung, die zweieinhalb Wochen später zu Diskussionen führt: Hat das Flutlichtspiel vor tausenden Fans die Ausbreitung des Virus beschleunigt? 

Ein Champions-League-Spiel als „potenzieller Detonator“

Hintergrund der Debatte ist das sogenannte „Spiel Null“ in Italien. Was ist geschehen? Das Spiel zwischen Atalanta Bergamo und dem FC Valencia am 19. Februar ist historisch: Atalanta hat zum ersten Mal in der Geschichte den Einzug in die Champions League geschafft und ist dann gleich ins Achtelfinale gekommen. Ein Drittel (rund 45.000) der etwa 120.000 Einwohner Bergamos ist an jenem Tag unterwegs zur Begegnung nach Mailand. Unzählige verfolgen zudem das Hinspiel mit Freunden, in Bars dicht gedrängt, wie Bergamos Bürgermeister Giorgio Gori sagt. Nach dem 4:1-Sieg liegen sich die Fans jubelnd in den Armen.

Mittlerweile gibt es in der Region Bergamo mehr als 7000 Infizierte und über 1000 Tote, mit einer extrem hohen Dunkelziffer. Hat die rasante Ausbreitung des Coronavirus also im Champions-League-Spiel ihren Ursprung? Der Zivilschutz teilt auf dpa-Anfrage mit: „Wir haben keinerlei gesicherte Daten, die solch eine These unterstützen.“ Allerdings spricht der Chef der Behörde, Angelo Borrelli, von einem „potenziellen Detonator“. Der Immunologe Francesco Le Foche von der Uniklinik in Rom spricht von einem „Megafon für die Verbreitung der Coronavirus-Infektion in der Provinz Bergamo.“

Ein VfB-Mitarbeiter wurde nach dem Bielefeld-Spiel positiv getestet

Wie hat sich die Corona-Lage in Stuttgart nach der Partie gegen Bielefeld entwickelt? Fakt ist: Drei Tage nach dem Spiel wurde ein Mitarbeiter der Arena-Betriebs GmbH positiv getestet. Bei den Mannschaften und dem dazugehörigen Betreuerstab gab es bislang allerdings keine bestätigte Infektion. Auch die Fallzahlen in der Stadt Stuttgart (504/Stand 25. März) und in Bielefeld (120/Stand 25. März) sind im Vergleich zu anderen Regionen nicht auffällig hoch.

„Es liegen auf Grundlage der eingegangenen Meldedaten keine Hinweise auf Covid-19-Infektionen im Zusammenhang mit dem VfB-Spiel vom 9. März vor“, teilte das Landesgesundheitsamt den Stuttgarter Nachrichten mit. Auch in der Fellbacher Sicherheitsfirma SDS, die bei den Heimspielen des VfB für die Einlasskontrollen verantwortlich ist, ist bislang kein Corona-Fall aufgetreten. „Mir ist bis zum heutigen Tage keine Erkrankung eines Mitarbeiters bekannt“, teilte Geschäftsführer Ralf Schindler auf Nachfrage unserer Redaktion mit. 

Derweil rechtfertigte VfB-Vorstandsboss Thomas Hitzlsperger die Austragung der Partie mit Fans gegenüber dem TV-Sender Sky: „Vor zwei Wochen war die Welt noch eine ganz andere - vor allem hier in Deutschland.“ Wichtig sei in dem Zusammenhang auch, „wie wir diese Entscheidung getroffen haben. Wir waren im ständigen Austausch mit den Ministerien und haben nachgefragt, ob es vertretbar ist. Wir haben keine Entscheidung getroffen, wo wir uns über andere hinweggesetzt haben.“

Ein fader Beigeschmack bleibt

Das städtische Gesundheitsamt, das Ministerium für Soziales und Integration sowie der Verein hatten sich wenige Stunden vor dem Anpfiff für eine Austragung mit Zuschauern und damit gegen ein Geisterspiel entschieden. Viele auswärtige Fans seien schon auf dem Weg nach Stuttgart und auch die örtliche Polizeibehörde soll von einer kurzfristigen Absage des Spiels abgeraten haben.

Es folgte noch der Hinweis auf die Präventionsmaßnahmen im Stadion und um 20.30 Uhr rollte in der fast ausverkauften Arena der Ball. Dass das VfB-Heimspiel zur Ausbreitung des Coronavirus beigetragen hat, lässt sich mit Daten nicht belegen. Mit Blick auf die rasant steigenden Fallzahlen in den vergangenen Wochen bleibt allerdings ein fader Beigeschmack.

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