Coronavirus in Waiblingen Saisonaus bringt viele Schausteller in Existenzkrisen

Die Saison ist fürs Erste abgesagt. Für viele Schausteller ist das eine Katastrophe. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Waiblingen.
Am 18. April hätte das Frühlingsfest beginnen sollen, doch dann kam das Aus: Wegen des Coronavirus wurde das Volksfest auf dem Cannstatter Wasen abgesagt. Für zahlreiche Schausteller und Festwirte eine Katastrophe: „Das Virus hat die Schausteller auf dem falschen Fuß erwischt“, sagt Stefan Kinzler von der Waiblinger Schaustellerfamilie Kinzler im Eisental. Die Aufbauarbeiten auf dem Wasen waren schon in vollem Gang, die Festwirte in den Startlöchern. Bereits Anfang Januar hatten die Schausteller mit ihren Vorbereitungen für das Frühlingsfest begonnen. Sie brachten ihre Fahrgeschäfte und Karussells in Fahrt und investierten laut Kinzler viel Geld in Buden und Zelte. Geld, das sie jetzt in der Krise bitter benötigen würden.

Würzburg, Stuttgart, Freiburg, Karlsruhe: Das wäre die Route gewesen, die Stefan Kinzlers Schwester Patrizia bis zum Sommer vor sich gehabt hatte. Monatelang wäre sie mit ihrem „Breakdance“ auf den Volksfesten gestanden und hätte damit die Einnahmen gehabt, auf die sie sich verlassen hatte. „Die acht Arbeitskräfte aus Rumänien und Deutschland waren schon eingestellt“, berichtet Kinzler. Alles Stammkräfte, mit denen die Schaustellerfamilie seit Jahren arbeitet und die umgekehrt auch auf den Job in Deutschland gesetzt hatten. Inzwischen sind die Rumänen zurück nach Hause gefahren. Mit einem Sprinter, den Kinzler ihnen zur Verfügung gestellt hatte, weil keine Busse mehr zu bekommen waren.

Halten die Ausfälle bis zum Herbst an, werden es viele nicht überleben

„Momentan treiben uns die Sorgen wegen der Kosten um“, sagt Kinzler. Die Frage sei, welche Möglichkeiten Selbstständige ohne Einnahmen überhaupt noch hätten. Denn die von der Bundesregierung in Aussicht gestellten Steuersenkungen machten nur dann Sinn, wenn überhaupt Einnahmen da seien. „Wir brauchen Mittel, um die Zeit zu überbrücken“, sagt er. Ein anderes Problem seien die Rückzahlungen der Kredite, die sofort wieder zu Belastungen führen würden. Helfen könnte aus seiner Sicht, wenn die Kommunen dann die Platzgelder senken würden. Noch weiß keiner, wie lange die Veranstaltungen abgesagt bleiben. Lange, weiß Kinzler, werden es die Schausteller allerdings nicht überstehen. „Sollte es die ganze Saison betreffen, also bis zum Herbst dauern, würden es viele Kollegen nicht überleben.“ Und selbst wenn im Sommer das normale Leben wieder beginnen würde, sei das Überleben der Schausteller und Festzeltwirte keineswegs sicher: „Wenn die Leute verunsichert sind, kommt keiner aufs Volksfest“, sagt er nüchtern. Eine Unsicherheit, die die Schausteller zermürbt.

Inzwischen ist zur Beschäftigung mit der eigenen wirtschaftlichen Zukunft der Blick auf das große Ganze dazugekommen. „Nach ein paar Tagen kommt die Erkenntnis, dass die allgemeine Notlage viel entscheidender ist als die eigene wirtschaftliche Existenz“, so Kinzler. Bei einem Runden Tisch mit Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut habe der Schaustellerverband Hilfe zugesagt: „Wir erkennen, dass es um eine Gesamtnotlage geht“, sagt er. „Und wir sind bereit, mit unseren Fahrzeugen und unserer gastronomischen Ausstattung zum Beispiel bei Suppenküchen zu helfen.“

Kritik an zu hohen bürokratischen Hürden

Fest steht: Viele von Kinzlers Kollegen wissen im Moment nicht, wie es weitergeht. Die meisten Schausteller seien Familienbetriebe und könnten monatelange Ausfälle nicht verkraften. Zumal sie in der Vergangenheit durch gesetzliche Vorgaben wie die Dokumentation der Arbeitszeiten, gestiegene Transportkosten und Feinstaubverbote ohnehin gebeutelt seien. Viele Schaustellerzugmaschinen seien zehn bis 20 Jahre alt, seien aber nur wenige Kilometer im Jahr unterwegs. Die geforderte Neuanschaffung mache deshalb keinen Sinn, erklärt Kinzler. „Aber wir brauchen die Fahrzeuge, um von A nach B zu kommen.“ Überlegungen, einen Fahrzeugpool anzuschaffen, seien daran gescheitert, dass die meisten Schausteller zur selben Zeit dieselben Routen zurücklegen.

Düstere Aussichten also für das Gewerbe. Was wären seine Wünsche in der Krise, um am Ende doch überleben zu können? Gute Frage, sagt Kinzler. Die Prämisse seien vertretbare Eintrittspreise. „Dann brauchen wir kurzfristig unbürokratische Hilfe, um die Zeit überbrücken zu können. Und nach der Corona-Krise Voraussetzungen, dass wir die Kredite zurückzahlen und die Belastungen bewältigen können.

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