Daimler-Produktion in Peking Volle Drehzahl in China

Chinesische Arbeiter montieren im Pekinger Werk eine C-Klasse Foto: Daimler

Daimler setzt in China zur Aufholjagd an. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Produktion im Pekinger Werk. 2015 sollen hier 200 000 Autos vom Band rollen. Das wäre dann etwa jeder zehnte weltweit produzierte Mercedes.

Peking/Stuttgart - Hinter dem Tresen blinken große rote Augen. Sie gehören zu einem Roboter. Sein Arm hebt und senkt sich im Takt. Dabei schabt er stoisch und präzise Bandnudeln von einem Brett in einen Topf mit kochendem Wasser. Vor der Glaswand stehen chinesische Arbeiter in blauen ­Kitteln Schlange vor den verschiedenen ­Essensausgaben. Mittagspause im chinesischen Werk von Beijing Benz Automotive Co, dem gemeinsamen Werk von Daimler und seinem chinesischen Partner BAIC. Eine Mahlzeit ist umsonst. Wer die westliche Variante mit Rindfleisch und Reis bevorzugt, zahlt drauf.

Die Besuchergruppe aus Deutschland erregt kaum Aufsehen. Dabei ist es keineswegs so, dass die Partner aus Stuttgart in der Belegschaft die Mehrheit bilden. Von den insgesamt rund 9000 Mitarbeitern sind nur etwa 80 von Daimler in das Werk nach China entsandt. Einer von ihnen ist der Werkchef Frank Deiß (50), ein gebürtiger Reutlinger, am schwäbischen Dialekt unschwer zu erkennen. Vor dem Mittagessen hat der Leiter, der seit März 2011 in dieser Funktion in China ist, am Modell die riesigen Ausmaße des Werks gezeigt.

Das Gelände erstreckt sich auf fast zwei Millionen Quadratmetern, mehr als die Standorte Sindelfingen und Untertürkheim zusammen haben. Bebaut sind bisher rund 570 000 Quadratmeter. Wo früher Rinder auf der Weide grasten, erstrecken sich im Industriegebiet im Süden der 20-Millionen-Stadt Hallen, soweit das Auge reicht. Motorenwerk, Rohbau, Lackiererei und Montage – damit lassen sich die Modelle komplett lokal fertigen. Auch bekannte Zulieferer wie Dürr oder ZF Friedrichshafen haben sich in unmittelbarer Nähe angesiedelt.

In China gibt's mehr Platz auf den hinteren Sitzen

Bisher werden in China die E-Klasse in einer Langversion, die C-Klasse sowie der Geländewagen GLK produziert. Derzeit wird der Start der neuen C-Klasse vorbereitet. Sie soll von Herbst an vom Band laufen und wurde auf der Autoshow an Ostern das erste Mal der chinesischen Öffentlichkeit präsentiert. Da Kunden aus dem Reich der Mitte mit dem Wagen gerne Bekannte abholen oder sich selbst chauffieren lassen und viel Platz auf den hinteren Sitzen wünschen, wird auch die C-Klasse erstmals mit einem um acht Zentimeter verlängerten Radstand produziert.

Von 2015 an kommt mit dem Geländewagen GLA ein weiteres Modell hinzu – das erste in Peking gebaute Kompaktmodell. Mit der erweiterten Modellpalette steigen auch die Produktionszahlen rasant an. Während im Jahr 2012 noch 96 500 Wagen aus lokaler Fertigung stammten, sollen es in diesem Jahr rund 140 000 sein. „Im Jahr 2015 sollen von 300 000 verkauften Wagen 200 000 aus lokaler Produktion kommen“, hat China-Vorstand Hubertus Troska bei anderer Gelegenheit angekündigt.

Im Zeitlupentempo bewegen sich die Autos am Band. Auf eine weiße C-Klasse folgt eine E-Klasse in Schwarz, dann wieder ein Geländewagen. Die chinesischen Arbeiter sind an einer Station damit beschäftigt, die komplett angelieferten Türen einzusetzen. Plötzlich fängt über dem Band ein Lämpchen an zu blinken, ein lautes Kinderlied ertönt.

„Das ist das Signal, dass die Mannschaft Unterstützung braucht“, erklärt Deiß, während die Besuchergruppe in einem Bähnchen durch die Korridore der Halle saust. Das kann der Fall sein, wenn etwa ein Werkzeug kaputt ist oder das Band aus einem anderen Grund stillsteht. Prompt rückt ein Helfer mit funktionierendem ­Gerät an, die Produktion kann weitergehen.

Asiatische Mitarbeiter fliegen zum Training nach Deutschland

Den Aufwand, den Daimler betreibt, um die gleiche Qualität wie in allen anderen Werken auf der Welt zu garantieren, ist enorm. Zwar kommen die Chinesen über eine Art Berufsschule, die dem deutschen dualen Ausbildungssystem ähnelt und von Daimler mitfinanziert ist, gut ausgebildet ins Werk. Zusätzlich werden sie, wenn etwa eine neue Baureihe wie aktuell die C-Klasse anläuft, zum Training nach Deutschland geflogen, wo sie den letzten Schliff erhalten für ihre Aufgaben.

Zum Werk gehört inzwischen auch ein Qualitätszentrum, demnächst eine 3,7 Kilometer lange Einfahrstrecke und eine gemeinsame Entwicklungsabteilung von Daimler und BAIC, in der bis zu 700 Ingenieure arbeiten sollen. Angst vor Technologie-Klau hat hier keiner mehr. Zwar fahren vom Partner BAIC diverse Modelle auf Chinas Straßen, die der B- oder G-Klasse zum Verwechseln ähnlich sehen. Doch mit Premium hat das nichts zu tun, weshalb die Daimler-Verantwortlichen gelassen bleiben. Denn auch der Chinese greift im Zweifel lieber zum Original.

Im Techniklabor werden Motoren geprüft oder die strengen Emissionsvorschriften im Dauerlauf getestet. Ein Rüttelparcours simuliert eine Fahrt mit 40 Stundenkilometern auf Kopfsteinpflaster in sengender Hitze. Die klimatischen Bedingungen in China sind vielfältiger als in Europa, reichen von arktischer Kälte im Norden bis zu schwüler Tropenhitze im Süden. „Im Winter wird in Peking inzwischen auch Salz gestreut“, sagt der Entwicklungschef Ulrich Zillmann.

900 Roboter in Peking liefern "einfach bessere Qualität"

Die chinesischen Arbeiter verdienen mit umgerechnet 10 000 Euro pro Jahr zwar deutlich weniger als ihre deutschen Kollegen. Dennoch arbeiten auch in Peking etwa 600 Roboter, 300 weitere sollen bald dazukommen. „Bei komplexen Abläufern liefern diese einfach die bessere Qualität“, sagt Frank Deiß. Wichtig sei bei der täglichen Arbeit, die beiden unterschiedlichen Kulturen zu respektieren. „Wir müssen die chinesischen Mitarbeiter auch erreichen“, so Deiß. Eine rote Tafel im Qualitätszentrum zeigt Fotos mit Köpfen von Beschäftigten, die als Mitarbeiter des Monats ausgezeichnet wurden.

Daimler hat in China noch einiges vor, will in den kommenden Jahren an die Konkurrenz von Audi und BMW aufschließen. ­Zwischen Motorenwerk und Endmontage ist eine riesige Fläche als Reserve vorhanden. Obwohl die Chinesen bisher vor allem auf die großen Limousinen und Geländewagen von Mercedes abfahren, könnten hier in naher Zukunft die kompakte A- und B-Klasse gebaut werden. Der GLA, der auf der gleichen Plattform basiert, macht im kommenden Jahr schon einmal den Anfang.

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