Das Ende des Ablöse-Irrsinns Wie die Corona-Krise den Transfermarkt verändern wird

Nur wenig ist gewiss in Zeiten der Corona-Pandemie, die auch das globale Fußball-Business in Atem hält und bedroht. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Stuttgart.
Die Coronavirus-Pandemie hat den Fußball rund um den Globus zum Erliegen gebracht. Die geplanten Europameisterschaft im Sommer wurde verschoben, in den großen Ligen in Spanien, England, Italien und Deutschland ruht der Ball. Wer jetzt noch Fußball gucken möchte, muss sich mit der Wyschejschaja Liha begnügen. Der höchsten Spielklasse in Weißrussland. „Die ganze Welt schaut jetzt die weißrussische Liga. Jeder sollte seinen Fernseher einschalten und uns zusehen“, sagte der ehemalige Bundesliga-Profi Alexander Hleb Anfang der Woche. Das Coronavirus SARS-CoV-2 werde in seinem Heimatland nicht ernst genommen, so der 39 Jahre alte Ex-Profi, der in seiner aktiven Zeit die Kickschuhe unter anderem auch für den den VfB Stuttgart schnürte.

„Ehrlicherweise sind wir auch Konkurrenten“

Und während in Weißrussland entgegen jeglicher Vernunft weitergekickt wird, beschäftigten sich die Funktionäre in Deutschland mit den weitreichenden Folgen der Krise. Nur wenig ist gewiss in Zeiten der Corona-Pandemie, die auch das globale Fußball-Business in Atem hält und bedroht. Wie geht's weiter, in dieser Saison und erst recht danach? Was passiert auf dem Transfermarkt? Dort scheint nur eines vorhersagbar: Die schon in normalen Zeiten absurd anmutende Rekordablöse von 222 Millionen Euro, die Paris Saint-Germain 2017 für den Brasilianer Neymar an den FC Barcelona zahlte, dürfte nicht mal angetastet werden. 

Gladbachs Manager Max Eberl glaubt, dass sich der Markt „enthitzen“ könnte. Der Transfermarkt ist in Corona-Zeiten ein besonders spekulatives Thema - mit vielschichtigen Aspekten. Es steht viel auf dem Spiel, und der Solidargedanke funktioniert im Profigeschäft höchstens punktuell. Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sprach das offen aus: „Ehrlicherweise sind wir auch Konkurrenten.“

Die Bedeutung der Transfergeschäfte

In der Saison 2018/19 übertrafen die 18 Bundesligisten erstmals die Umsatzmarke von vier Milliarden Euro. Im Wirtschaftsreport der Deutschen Fußball Liga wurde ein Gesamterlös von 4.020.000.000 Euro ausgewiesen. 675,1 Millionen Euro entfielen auf die Transfererträge, ebenfalls Höchstwert. Bei der 2. Liga waren es 96,3 Millionen Euro. Das zeigt, welche Bedeutung Kaufen und Verkaufen für die Clubs hat. Der VfB Stuttgart erwirtschaftete beispielsweise nach dem Abstieg aus der Bundesliga alleine durch den Verkauf von Timo Baumgartl (für zehn Millionen Euro zur PSV Eindhoven), Ozan Kabak (für 15 Millionen Euro zum FC Schalke 04) und Benjamin Pavard (für 35 Millionen Euro zum FC Bayern München) 60 Millionen Euro.

Die Geisterspiel-Hoffnung

Die Corona-Krise trifft alle großen Ligen in Europa. Die Einbußen werden enorm sein. Geisterspiele sollen sie abmildern. Ein wirtschaftlicher Schaden von 750 Millionen steht für die 36 deutschen Erst- und Zweitligisten im Raum. Fast 400 Millionen Euro machen die TV-Einnahmen aus. Denkverbote gibt es darum nicht mehr. Vielleicht wird die Bundesligasaison irgendwann im Mai oder Juni fortgesetzt, vielleicht auch nur in ein paar Stadien - verteilt über Deutschland. Denn Spieltage kann man zerstückeln. Fußball Tag für Tag und zu verschiedenen Anstoßzeiten. Einen echten Heimvorteil gibt es ohne Zuschauer eh nicht. Personal- und Materialaufwand könnte man bei übertragenden TV-Sendern, Ordnungspersonal etc. so begrenzen.

Liga-Chef Christian Seifert hat den aktuellen Ausnahmezustand drastisch skizziert: Ohne Geisterspiele müsse man sich „keine Gedanken mehr machen, ob wir künftig mit 18 oder 20 Profi-Clubs spielen“. Dem pflichtet auch VfB-Vorstandsboss Thomas Hitzlsperger bei. Dem TV-Sender Sky sagte der Ex-Profi: „Wenn wir weiter 1. und 2. Bundesliga sehen wollen, müssen wir in Kauf nehmen, dass für einen gewissen Zeitraum keine Zuschauer im Stadion zugelassen sein werden.“

Die Folgen für die nächste Transferperiode

Läuft der Fußballbetrieb in dieser Saison tatsächlich nochmal an, wird das Minus bei jedem Club niedriger ausfallen als bei einem Abbruch. Das hätte Einfluss auf die Zukunftsplanung, also auch auf die nächste Transferperiode. „Die Bundesliga wird nach dem Virus ganz sicher wieder florieren“, sagte der frühere Werder-Manager Willi Lemke der Bild-Zeitung. Planungssicherheit kehrt zurück - und dann auch ein rascher Rückfall in alte Handlungsmuster? „Sicherlich wird es vorübergehend eine Delle geben“, glaubt der Sportökonom Christoph Breuer von der Deutschen Sporthochschule Köln.

Breuer erwartet, dass für Spieler der zweiten Kategorie wohl erstmal nicht mehr die (überhöhten) Preise gezahlt werden wie zuletzt. Auch nicht aus England, dem reichsten Fußballmarkt. „Die Preise für die Topspieler werden vermutlich nicht so stark einbrechen“, sagte der Sportökonom. „Die wenigen Superstars haben weiter einen so großen Wert für die Topclubs, dass die Nachfrage bei den finanzkräftigen Clubs hoch bleiben wird.“ Im Ausland seien das „häufig Clubs mit Investoren, die womöglich die finanzielle Krise auch ganz gut ausgleichen können“, sagte Breuer. 

Die Folgen für die Kaderplanung

Werder Bremens Geschäftsführer Klaus Filbry prognostiziert, dass es in diesem Sommer „deutlich schwieriger sein wird, Transfererlöse zu erzielen“. Kaderplanung wird zur Kniffelübung, und für etliche Clubs zur Überlebensstrategie. Aufgeblähte Kader müssen abgespeckt werden. Spitzenverdiener dürften zur Kostenverringerung auf dem Markt angeboten werden. Geld bringen aber nur die besten Spieler, was wiederum die sportliche Substanz aushöhlt. Über klammen Clubs kreisen schon die Geier, ist in der Branche zu hören. Nach Corona schaut eh wieder jeder Verein auf sich. Wer finanziell gut durch die Krise kommt, bedient sich dann halt beim Ausverkauf der anderen.

Auslaufende Verträge

Eine „dreistellige Anzahl von Verträgen“ läuft nach Angaben von Werder-Finanzchef Filbry bei den Erst- und Zweitligaclubs zum 30. Juni aus. Sie sind damit ablösefrei zu haben. Das ist normalerweise ein Vorteil für die Profis. Schalkes Torwart Alexander Nübel hat bei seinem schon im Januar fixierten Wechsel zum FC Bayern finanziell davon noch profitiert.

Jetzt verschlechtert sich die Verhandlungsposition vieler Profis. Welcher Verein verpflichtet in der Krisenlage Spieler? Es droht Arbeitslosigkeit. Gerade Clubs aus dem finanziellen Mittelbau - und erst recht Zweitligisten - werden sich erstmal auf das vorhandene Personal fokussieren müssen und auf Transfererlöse hoffen. Beim VfB Stuttgart enden zum 30. Juni folgende Arbeitspapiere: Mario Gomez, Wataru Endo (Leihe mit Kaufoption), Nathaniel Phillips, Pascal Stenzel, Gregor Kobel (alle Leihe ohne Kaufoption)

Die Folgen für die Leihspieler

Leihspieler können Segen und Fluch zugleich sein. Wer einen Spieler nur ausgeliehen hat, kann ihn am 30. Juni einfach zurückgeben an den Stammverein. Der FC Bayern wird Philippe Coutinho also eher dankend zum FC Barcelona zurückschicken statt die Kaufoption von über 100 Millionen Euro zu ziehen. Fixe Kaufverpflichtungen sind ein Problem: Steigt Werder Bremen nicht ab, müssen die ausgeliehenen Ömer Toprak (5 Mio) und Leonardo Bittencourt (7 Mio) von Dortmund bzw. Hoffenheim fest abgenommen werden, was die beiden Clubs freuen dürfte. Manche Vereine haben aus Leihspielern auch ein - oftmals lohnendes - Geschäftsmodell gemacht. Jetzt müssen sie einkalkulieren, viele im Sommer zurücknehmen zu müssen und erhebliche Kosten zu tragen.

Der VfB Stuttgart hat mit Anastasios Donis (Stade Reims) und Chadrac Akolo (Amiens SC) zwei Profis mit einer Kaufoption verliehen - und diese Klauseln würden - Stand jetzt - auch greifen.


Die Lage der Spitzenliga in Corona-Zeiten 

Als letztes Mitglied des World Leagues Forums setzte auch die australische A-League ihren Spielbetrieb vorerst aus. In dem Zusammenschluss sind mehr als 50 Ligen weltweit organisiert. Weißrussland, wo noch gespielt wird, gehört nicht dazu. Ein Überblick über die aktuelle Situation (Stand: 25. März / 12 Uhr) der jeweiligen Spitzenligen aus ausgewählten Ländern:

  • Belgien: unterbrochen bis 30. April 
  • Deutschland: Unterbrechung bis 30. April empfohlen
  • England: unterbrochen bis 30. April
  • Frankreich: für unbestimmte Zeit unterbrochen
  • Italien: unterbrochen bis 3. April 
  • Niederlande: unterbrochen bis 6. April 
  • Österreich: unterbrochen bis Anfang Mai 
  • Portugal: für unbestimmte Zeit unterbrochen
  • Russland: unterbrochen bis 10. April 
  • Spanien: für unbestimmte Zeit unterbrochen
  • Türkei: für unbestimmte Zeit unterbrochen
  • Ukraine: für unbestimmte Zeit unterbrochen
  • Australien: für unbestimmte Zeit unterbrochen
  • Japan: unterbrochen bis 2. April 
  • Südafrika: für unbestimmte Zeit unterbrochen
  • Südkorea: Saisonstart verschoben 
  • USA: unterbrochen bis 10. Mai
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