Das Handy wird 30 Die Welt in einer Hand

Stuttgart/New York - Es ist schwer wie eine 0,75-Liter-Sprudelflasche, und mit seiner langen Antenne sogar etwas höher: Am 13. Juni 1983 kommt in den USA das erste Gerät auf dem Markt, das in Deutschland einmal Handy genannt wird. Doch zu dieser Zeit gibt es den Begriff noch nicht. Motorola Dynatac 8000 x heißt das Mobiltelefon, das für knapp 4000 US-Dollar zu haben ist – in Deutschland müsste man zu dieser Zeit dafür mindestens zwei Monatslöhne berappen.

Zehn Jahre hat sein Erfinder Martin Cooper darauf gewartet; denn schon 1973 testete er in New York vor geladenen Reportern den Prototypen, als er sich ins Festnetz einwählte und dem Gesprächspartner verkündete: „Ich rufe von einem Funktelefon an – eins, das man tatsächlich in der Hand halten und herumtragen kann!“

Doch erst 1983 gibt es den passenden Mobilfunkanbieter, bei dem sich die Kunden einwählen können. Für knapp eine Stunde, danach macht der Akku schlapp. Zwei Jahre später sind die Geräte auch in Deutschland zu haben. Bis Mobiltelefone die breite Masse erreichen, vergeht allerdings ein Jahrzehnt. Mit den neuen Netzen von Mannesmann und der Deutschen Telekom steigt die Zahl der Nutzer stark an. Ende 1993 gibt es bereits mehr als eineinhalb Millionen Mobilfunkkunden, inzwischen hat die Zahl der Anschlüsse die Zahl der Einwohner längst überschritten. Zum Durchbruch trug überraschend ein Kurznachrichtendienst bei, der 1992 startete: Die SMS entwickelte sich zum meistgenutzten Feature. Heute ist sie nur noch ein Dienst von vielen.

Immer schneller immer mehr

Denn die Hersteller rüsteten die Handys auf, und die Übertragung der Daten wurde immer schneller. Die Telefone bekamen berührungsempfindliche und farbige Bildschirme und immer aufwendigere Spiele. Sie verbanden sich mit dem Internet, lernten zu fotografieren und erhielten eine Satellitennavigation. Mit jeder technischen Neuerung kamen mehr Kunden hinzu – oder erwarben das nächstbessere Gerät. Die Hersteller präsentierten die neuen Produkte, die Kunden staunten und griffen zu.

Mit dem iPhone sorgte Apple ab 2007 für den bis dato stärksten Kaufanreiz in der Handy-Geschichte. Zwar stellten die Einzelteile für sich kaum eine Neuerung dar, das Gesamtkonzept aber überragte. So umfasste das Betriebssystem alle hauseigenen Dienste, Zusatzprogramme aus dem eigenen Internetladen erweiterten die Möglichkeiten. Damit wurde das Handy zum kinderleichten Universalgerät für jedermann: Seitdem kauft man, liest, guckt fern, sendet Nachrichten, bezahlt, quatscht, fotografiert, plant, orientiert sich, spielt, filmt oder macht sonst noch all das, was die Programme hergeben.

Als Google kurz darauf sein Betriebssystem Android präsentiert und anderen Herstellern zur Verfügung stellt, wird der Markt abermals umgekrempelt: Immer mehr und günstigere Geräte erscheinen. Mit den neuen Möglichkeiten sind auch die Ansprüche der Kunden gestiegen. Statt nur zu kaufen, fordern sie ein – die ganze Welt soll auf ihrem Mobiltelefon Platz finden. Und mit diesem wollen sie die Welt auch steuern – zumindest die Alarmanlage, den Stromverbrauch, das Musiksystem.

Kommuniziert wird heute anders

Heute besitzt jeder Deutsche im Schnitt 1,4 Mobilfunkgeräte. Wie sehr sie die Kommunikation verändern, lässt sich in den Bussen und Bahnen beobachten. Die Dauertelefonierer („Ich bin gerade im Bus!“) haben die Streichler abgelöst: Ständig fahren sie über das Display, um im Netz mit Freunden verbunden zu sein und um Neues zu erfahren. Manche kommunizieren auch so, wenn der Gemeinte auf dem Sitzplatz gegenüber sitzt. Verabredungen sind flexibler und unverbindlicher geworden, man kann ja jederzeit zu- oder absagen. Wartet man dann doch, lässt sich die Zeit mit dem Handy verbringen – keine Pause, die sich nicht füllen ließe. Die ständige Erreichbarkeit hat ein Schwesterchen bekommen: die Daueraktivität.

Das Handy hat sich zum persönlichsten Medium überhaupt entwickelt. Anrufe erreichen nicht mehr die ganze Familie, sondern nur noch den Besitzer. Die Einstellungen, die Zusatzprogramme, die Vorlieben – alles ist auf die Person abgestimmt. Mit dem Zugang zum Internet und der eigenen Standortdaten findet sich für alles scheinbar auch eine individuelle Lösung – überall und zu jeder Zeit. Auch deshalb können viele nicht mehr ohne.

Auch deshalb lassen viele das Handy immer näher an ihren Körper heran: Saß es einst in der Hosentasche, messen spezielle Sensoren Puls und Blutdruck. Handy-Uhren und Handy-Brillen sitzen bei einigen bereits auf Arm und Nase. Ein Fingerabdruck ist das Handy schon jetzt: Die unzähligen persönlichen Daten und Nutzungsgewohnheiten charakterisieren seinen Besitzer genau. Nur schwer lassen sich die Spuren wieder verwischen. Auch deshalb sehnen sich manche nach dem, was sie schon einmal hatten: Unerreichbarkeit.

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