Defibrillator-Einsatz „Urbach schockt“ im Kampf gegen Herzinfarkt

, aktualisiert am 29.01.2019 - 07:37 Uhr
Eifrig erprobten die Besucher in der Auerbachhalle an Puppen die Wiederbelebung und den Einsatz eines Defibrillators. Foto: Schneider/ZVW

Urbach. Urbach hat ein Zeichen gegen den Herzinfarkt gesetzt, die Bevölkerung hat ein Ausrufezeichen dahinter gesetzt: Die Auerbachhalle platzte bei „Urbach schockt“ aus allen Nähten. „Ihr Interesse unterstreicht die Wichtigkeit des Themas“, sagte Bürgermeisterin Martina Fehrlen.

Ein hochkarätiges, in der Thematik versiertes Podium sprach über Symptome des Herzinfarkts und über das richtige Verhalten in Notfallsituationen. „Ersthelfer und Laien können Leben retten“, unterstrich Dr. Thomas Eul, der Vorsitzende des Vereins „Gemeinsam gegen den Herzinfarkt“, die Bedeutung der Laien-Reanimationsrate. In Baden-Württemberg liege die Rate bei 30 Prozent. Im Rems-Murr-Kreis konnte sie in den vergangenen zwei Jahren von 27 Prozent auf 45 Prozent erhöht werden.

Zu oft hängen Defibrillatoren noch zur Zierde herum

55 Veranstaltungen habe der Kardioverein seit seiner Gründung vor eineinhalb Jahren realisiert. Anliegen des Vereins sei es weiterhin, die Bereitschaft, Hand anzulegen am Defi, durch Veranstaltungen und Schulungen zu erhöhen, betonte der Zweite Vorsitzende Dr. Michael Sailer. An vielen Stellen im Kreis wurden schon Defibrillatoren als bewährte Hilfsmittel zur Wiederbelebung platziert, doch hängen sie meist „noch zur Zierde herum“, kritisierte Dr. Eul. Bis 2020 sollen vor Eintreffen des Rettungsdienstes zehnmal häufiger als heute Defibrillatoren zum Einsatz kommen.

Jeder zehnte Kreisbewohner hat schon einmal einen Defi eingesetzt

MdL Wilfried Klenk, parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium und seit über 40 Jahren im Rettungswesen verankert, erinnerte an seine Anfangszeit 1977, als „noch nicht einmal das professionelle Rettungsdienstpersonal einen Defi anwenden“ durfte. Im Jahr 2017 wurden im Fall einer Wiederbelebung im Rems-Murr-Kreis bereits in zehn Prozent der Fälle ein Defibrillator von einem Ersthelfer noch vor dem Eintreffen des Rettungsdienstes eingesetzt.*

Laut Sven Knödler, DRK- Geschäftsführer Rems-Murr, müsse jeder Helfer vor Ort einen Defi dabeihaben. Damit ein Herz-Kreislauf-Stillstand kein dramatisches Ende nimmt, müsse zudem jeder medizinische Laie wissen, wie ein Defibrillator bedient wird, sagte Dr. Michael Sailer. Jeder sei ein Teil der Erstversorgungskette: Jede lebensrettende Sofortmaßnahme verkürze das Intervall bis zum Eintreffen des Notarztes und erhöhe die Überlebenschance.

„Wird nicht sofort gehandelt, stirbt der Mensch“

Dr. Eul sprach von 90 000 Betroffenen eines Herz-Kreislauf-Stillstands deutschlandweit pro Jahr. „Wird nicht sofort gehandelt, stirbt der Mensch“, verdeutlichte der Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Notfallmedizin. Werde innerhalb von drei Minuten Erste Hilfe geleistet, könnten bis zu 75 Prozent der Menschen ohne neurologisches Defizit überleben. Pro Minute, in der nichts getan wird, sinke die Überlebenswahrscheinlichkeit um zehn Prozent.

Die Bedienung der AED-Geräte sei einfach und simpel, sagte Professor Dr. Dietrich Andresen, Präsident der Deutschen Herzstiftung. „Mit dem Gerät kann man niemandem schaden.“ Die Bedienung des Defibrillators funktioniert nicht wie eine klassische Herzdruckmassage durch die Kleidung hindurch. Die sogenannten Defikleber müssen direkt auf die Haut des Betroffenen geklebt werden.*

Das Video zeigt, wie man bei einer Reanimation vorgeht. (Archiv)

Wenn einige der 500 Besucher in der Auerbachhalle gemäß dem Wunsch von Moderator Professor Dr. Andreas Jeron, Chefarzt der Klinik für Kardiologie der Rems-Murr-Kliniken, das Thema weitertragen, indem sie der Verwandtschaft und im Kollegenkreis von der Aktion erzählen, sei man einen deutlichen Schritt vorwärtsgekommen im Bestreben, die Herzgesundheit im Kreis zu verbessern.

Minister Lucha bezeichnet „Urbach schockt“ als „Leuchtturmprojekt“

Für Manne Lucha , Minister für Soziales und Integration in Baden-Württemberg, ist „Urbach schockt“ schon heute ein „Leuchtturmprojekt“: Er zeigte sich „zutiefst beeindruckt“, mit welcher „Klugheit und Barrierefreiheit“ das Thema „in die Mitte des Alltags“ gerückt werde. Der Präsident der Deutschen Herzstiftung wünschte sich „überall so engagierte und interessierte Bürger, die andere mitziehen“.

Das Herz ist unser schwäbischstes Organ, sagte Dr. Thomas Eul, Vorsitzender des Vereins „Gemeinsam gegen den Herzinfarkt“, in seinem Vortrag. „Es schafft unentwegt und transportiert das Blut ständig durch unseren Körper“, erklärte er mit lockerer und amüsanter Eloquenz die Funktionsweise. Staut dieser Transport, weil eins der drei Gefäße verschlossen ist, sei schnelles Handeln geboten. „Die Zeit entscheidet über die Prognose*“, verdeutlichte der Mediziner.

Für jeden Einzelnen bedeute dies: Reagiert eine Person nicht auf Ansprache und zeigt sie eine unnormale Atmung – etwa eine „Schnappatmung“ –, müsse umgehend die Herzdruckmassage starten. Sind mehrere Menschen anwesend, auch abwechselnd. „Wichtig: Keine Pause machen, bis der Notarzt eintrifft.“

Im Schnitt dauere es acht Minuten ab dem Moment des Alarmrufs bis zum Eintreffen des Arztes, der Kreislauf müsse die ganze Zeit über in Schwung gehalten werden. Eine Beatmung sei nicht notwendig. Zur vorgelagerten Notfallrettung gehöre, dass Symptome richtig erkannt werden und zum richtigen Verhalten führen. Tauchen plötzlich Schmerzen im Brustkorb auf, eventuell verbunden mit Luftnot, müsse sofort der Notarzt verständigt werden. Obwohl die Symptome bekannt seien, bleibe die Alarmierung häufig aus. „Viele denken, es sei eine andere Ursache, oder sie wollen niemandem zur Last fallen“, zählte Dr. Eul die Gründe auf.


Eine kleine Gesundheitsmesse

„Schockieren, Anstoß geben, Elektroschocks geben, Urbach schockt“ formulierte Urbachs Bürgermeisterin Martina Fehrlen das Ziel der Veranstaltung.

Im Foyer und vor der Auerbachhalle gruppierten sich Institutionen und Vereine zu einer kleinen „Messe“: Keine Scheu vor dem Pieks hieß es bei der Blutdruck- und Blutzuckermessung einer örtlichen Apotheke. Für Kinder war ein Puppentheater organisiert, sie konnten Rettungs- und Einsatzwagen des Urbacher DRK-Ortsvereins und der Feuerwehrabteilung besichtigen und sich zeigen lassen, wie ein Teddybär fachmännisch verarztet wird.

Die AOK informierte über ausgewogene Ernährung sowie Möglichkeiten der Vorsorge. Helfer vom Deutschen Roten Kreuz demonstrierten an Puppen die Wiederbelebung und den Einsatz eines Defibrillators. Ein automatischer externer Defibrillator („Schockgeber“) gibt einen gezielten Stromstoß ab. Dieser soll Herzrhythmusstörungen wie Kammerflimmern, Kammerflattern, Vorhofflimmern oder Vorhofflattern beenden. Das Herz fängt wieder kontrolliert an zu schlagen und der Blutdruck wird generiert.

*Korrektur

Bedauerlicherweise enthielt dieser Bericht in seiner ursprünglichen Fassung mehrere Fehler, die wir hier richtigstellen wollen. Wir haben die entsprechenden Textstellen korrigiert.

Wichtig ist die korrekte Information für den Einsatz eines Defibrillators zur Ersten Hilfe bei einem Herzstillstand. Das Gerät kann nicht, wie im Artikel dargestellt, durch die Kleidung hindurch verwendet werden, die sogenannten Defikleber müssen direkt auf die Haut des Betroffenen geklebt werden, wie Dr. Thomas Eul, der Vorsitzende des Vereins „Gemeinsam gegen den Herzinfarkt“, betont. Bei einer klassischen Herzdruckmassage ohne Defibrillator, das ist der Unterschied, kann die Kleidung des Betroffenen an Ort und Stelle bleiben, sie funktioniert durch mechanischen Druck, also auch durch den Stoff.

Thomas Eul hat uns außerdem darauf hingewiesen, dass das Zitat „Die Zeit entscheidet über die Diagnose“ heißen muss: „Die Zeit entscheidet über die Prognose“. Damit wollte er in seinem Vortrag ausdrücken, dass es wichtig ist, dass bei einem Herzstillstand schnell Erste-Hilfe-Maßnahmen eingeleitet werden. Falsch war weiterhin in dem Artikel die Information, dass jeder zehnte Bewohner des Rems-Murr-Kreises schon einmal einen Defibrillator eingesetzt habe. Richtig ist laut Thomas Eul, und das habe Staatssekretär Wilfried Klenk in seiner Aussage bei der Veranstaltung in Urbach gemeint: „Dass im Fall einer Wiederbelebung in unserem Landkreis im Jahr 2017 in zehn Prozent der Fälle ein Defibrillator von einem Laien oder Ersthelfer vor dem Eintreffen des Rettungsdienstes eingesetzt wurde“.Irreführend war zudem die Information in dem Artikel, dass in Zukunft jeder Notarztwagen mit einem Defibrillator ausgestattet werden solle. Selbstverständlich hat aber jeder Notarztwagen schon jetzt so ein Gerät dabei.Zu guter Letzt war noch die Bildunterschrift falsch: Thomas Eul war dort nicht zu sehen, sondern (von links) Landrat Richard Sigel, Sozialminister Manne Lucha und Prof. Dr. Dietrich Andresen, der Vorsitzende der Deutschen Herzstiftung.

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