Demo gegen Rechts Schorndorf steht auf gegen Fremdenfeindlichkeit

Mit deutlich mehr Teilnehmern als zuletzt bei „Gemeinsam gegen rechts“ in Winnenden rechnen die Veranstalter der „Aufstehen“-Demo in Schorndorf. Foto: Ralph Steinemann Pressefoto

Schorndorf. „Aufstehen“ im doppelten Sinn des Wortes heißt es am Samstag, 10. November. Aufstehen zunächst einmal im Sinne von „aus dem warmen Bett kommen“, um rechtzeitig um 10 Uhr auf dem Unteren Marktplatz zu sein. Um dort dann gemeinsam mit vielen anderen aufzustehen gegen Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Gewalt. Im Idealfall rechnen die Veranstalter mit bis zu 1000 oder noch mehr Teilnehmern.

Die Voraussetzungen dafür sind geschaffen. Denn seit Dr. Ulrike und Marcus Seibold – enttäuscht von der mangelnden Beteiligung von Kommunalpolitikern und der bürgerlichen Mitte an einer Demo in Winnenden – vor ein paar Wochen angefangen haben, an ihrer spontanen Idee einer von einem breiten bürgerschaftlichen Bündnis getragenen Demonstration zu arbeiten, hat sich Bemerkenswertes getan. Einem entsprechenden und auch vom Gemeinderat mitgetragenen Aufruf haben sich mittlerweile um die 80 Unterstützer aus Schorndorf und Umgebung – zuletzt auch noch die Gemeinde Winterbach und der dortige Gemeinderat – angeschlossen.

In diesem Bündnis sind Parteien und Kirchen genauso vertreten wie Vereine, Geschäftsleute und namhafte Privatpersonen. Das Spektrum reicht, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, vom FSV Bauknecht bis zum Awo-Ortsverein, vom BdS bis zum Bündnis „Bunt statt Braun“, vom CDU-Stadtverband bis zum Club Manufaktur, vom Kreisdiakonieverband bis zum Kulturforum, von den Abgeordneten Baal (CDU) und Haußmann (FDP) bis Lange (SPD), von der türkisch-islamischen Gemeinde bis zum Verein der griechischen muttersprachlichen Unterrichtskurse, von der evangelischen Gesamtkirchengemeinde bis zur katholischen Heilig- Geist-Gemeinde, von den Rotariern bis zu den Lions aus Schorndorf und Welzheim und vom Café Moser bis zur Immobilien- gruppe des Initiators Marcus Seibold.

Nicht im Traum an ein so breites Unterstützerbündnis gedacht

„Wir dürfen den rechtsextremen Agitatoren nicht das Feld überlassen, sondern müssen deutlich machen, dass die laute Minderheit nicht das Volk ist“, sagt im Rahmen eines Pressegesprächs Marcus Seibold und erinnert daran, dass es ungeachtet mancher Verunsicherung und begründeter Sorgen immer noch die Regel und nicht die Ausnahme ist, dass in Deutschland Menschen verschiedener Kulturen friedlich zusammenleben. Und dass es in einer offenen Gesellschaft wie der unseren keinen 100-prozentigen Schutz vor Terror und Gewalt gibt.

„Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“ zu rufen, sei da der falsche Ansatz, sagt Seibold. Er ist der Meinung, dass es in diesen von Rechtspopulismus und Rechtsextremismus geprägten Zeiten eigentlichen keinen Ort geben dürfte, in dem es nicht eine Demonstration wie die jetzt in Schorndorf geplante gibt. Wobei Marcus Seibold einräumt, dass er nicht im Traum daran gedacht hätte, ein solch breit aufgestelltes Unterstützerbündnis zusammenzubekommen. Und er hofft, dass sich diese Basis auch auf die Teilnehmerzahl am kommenden Samstag auswirkt. Denn mit „man sollte“ und „man müsste“ sollte man es in diesen Zeiten nicht mehr bewenden lassen, meint Seibold. Er will deutlich machen, dass es keinen Grund gibt, Rechtsextremen hinterherzulaufen und gleichzeitig zu versichern, dass man mit denen nichts zu tun haben wolle. Gleiches gelte aber auch für die, die mit Steinewerfern aus der linken Szene sympathisierten.

Historisches Datum

Oberbürgermeister Matthias Klopfer, erster Unterstützer der Idee von Ulrike und Marcus Seibold und einer der Redner bei der Demo am Samstag, bei der unter anderem auch junge Menschen mit Migrationshintergrund zu Wort kommen, verweist auf das beinahe historische Datum der Demonstration. Schließlich ist der 9. November ein in mancherlei Hinsicht bedeutsames Datum in der deutschen Geschichte – im Schlechten wie im Guten. Klopfer nennt exemplarisch den Hitler-Putsch 1923 in München, den Hitler nach seiner Machtergreifung zehn Jahre später zum Gedenk- und Feiertag erklärt hat, den euphemistisch als „Reichskristallnacht“ bezeichneten Scheitelpunkt der November-Progrome im Jahr 1938 und den Mauerfall im Jahr 1989.

„Wir brauchen eine klare Haltung gegen Rechtsextremismus und gegen Intoleranz in jeder Form“, sagt Matthias Klopfer. Er erinnert all diejenigen, die kritisieren, dass sich diese Demo nicht in gleicher Weise gegen Linksextremismus richtet, an die jüngsten Vorfälle in Chemnitz und daran, dass gerade erst wieder eine braune Terrorgruppe aufgedeckt worden ist. Und wenn, wie von manchen Politikern vor allem auch in Bayern immer wieder behauptet, die Migration tatsächlich „die Mutter aller Probleme“ wäre, „dürfte es kein grünes Direktmandat in München geben“, sagt der Oberbürgermeister. Einerseits ist er froh, dass es für die bevorstehende Demonstration keinen konkreten Anlass wie seinerzeit den Überfall auf Ausländer in Winterbach gibt. Andererseits bedauert er, dass die Nazis die Schorndorfer Partnerstadt Kahla „als neue Hochburg entdeckt“ haben.

Je mehr aufstehen, desto deutlicher die Botschaft

Vor diesem Hintergrund erwarten Matthias Klopfer und Marcus Seibold, dass Schorndorf am Samstag, 10. November, eindrucksvoll Haltung gegen rechts zeigt und deutlich macht, dass es ungeachtet von sich häufenden Nachrichten über Migranten, die das Asyl- und Gastrecht missbrauchen, und der daraus resultierenden aufgeheizten Stimmung darauf ankommt, einen – wie es im Aufruf zur Teilnahme an der Demo heißt – „sachlichen, respektvollen und demokratischen Diskurs zu führen, der auch die Sorgen vieler Bürgerinnen und Bürger berücksichtigt“. Je mehr am Samstag erst aufstehen und dann aufstehen, desto deutlicher wird diese Botschaft zu hören sein – über Schorndorf hinaus.


Demo-Aufruf des Gemeinderats

Der Gemeinderat hat zur Demo einen Aufruf in Form einer Resolution verabschiedet, in der es unter anderem heißt: „Wir, weltoffene, soziale Europäer und Bürgerinnen und Bürger aus Schorndorf und Umgebung, ob mit Migrationshintergrund oder ohne, ob weiß oder farbig, jung oder alt, werden uns von diesen fremdenfeindlichen und rechtsextremen Agitatoren nicht den Stempel eines fremdenfeindlichen Deutschlands aufdrücken lassen.

Deshalb rufen wir zu einer breiten Demonstration in Schorndorf auf. Wir laden alle demokratischen Parteien, die Kirchen und die Moscheen, die Vereine, die Schulen und in Schorndorf und Umgebung lebende Asylsuchende und Geflüchtete ein, gemeinsam unsere Stimme gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus zu erheben. Über unsere unterschiedlichen Politikvorstellungen, Ansichten und Vorstellungen über partnerschaftliche Lebensformen hinweg wollen wir uns zusammenschließen zum Widerstand gegen Fremdenfeindlichkeit, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sowie jede Form von Extremismus.

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