Der Baumflüsterer Waiblinger kann die Körpersprache der Bäume lesen

 Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Waiblingen. Wenn Bäume erzählen könnten! Fest verwurzelt stehen sie an der angestammten Stelle, aber die Furchen ihrer Rinde und die Knoten ihrer Äste deuten auf ein bewegtes Leben. Der Baum-Sachverständige Hartmut Neidlein kann ihre geheime Körpersprache wirklich lesen. Pappeln an der Rems, Eichen in der Talaue sind für den 50-Jährigen wie offene Bücher.

Dass Bäume eine Sprache haben sollen, das hört sich zunächst esoterisch an. Ist es aber nicht, es ist höchstens ein bisschen poetisch formuliert. Tatsächlich hat es nichts von Hokuspokus, wenn Hartmut Neidlein anhand von äußeren Anzeichen wie Wachstum und Pilzbewuchs die Biografie von Bäumen entziffert. Er braucht weder Glaskugel noch hellseherische Fähigkeiten, um in ihre Zukunft zu schauen und ihre wahrscheinliche Lebensdauer vorauszusagen. Kein Baum ist wie der andere, jeder entwickelt sich individuell, je nach Standort, Traglast und Wind. Motto: „Jeder Baum hat seine eigene Körpersprache. Man muss nur richtig zuhören.“ Trockener ausgedrückt: Das Wachstum der Riesen ist „lastgesteuert“. Diese Dynamik entfaltet sich über Jahre und erscheint daher fürs menschliche Auge unsichtbar, doch ihre Spuren lassen sich wie ein gekrümmter Rücken oder Falten in der Haut von außen erkennen.

Eichen mit Chinesenbart und Abschiedskragen

Für bestimmte Wuchsformen haben Baumexperten Wörter, die sich gut für ein Quiz eignen würden. Was beispielsweise ist ein „Chinesenbart“? Eine Eiche bei der Waiblinger Rundsporthalle trägt gleich mehrere. Die runden oder ovalen Formen, wie Kraterränder im Stamm, bleiben zurück wenn ein Ast abgesägt wurde oder abgebrochen ist. Je flacher der Bart, desto länger liegt das Ereignis zurück. Wächst ein Ast seitlich vom Stamm weg, so schieben sich die Rinde des Astes und die des Stamms übereinander. Je weniger Licht der Ast abbekommt und je weniger Zucker er produzieren kann, desto eher bildet sich vom Stamm her ein dicker Wulst aus Holz über dem Ast-Ansatz – der „Abschiedskragen“. Der Ast wird von der Wurzelversorgung abgeschottet. „So entsteht Totholz“, sagt Hartmut Neidlein, „der Ast wird absterben.“

Eine Zerreiche trägt im schief liegenden Stamm mehrere senkrechte Risse bis in etwa sechs Meter Höhe. Vermutlich durch Sturm kam es zur Torsion, der Baum wurde gedreht. Auslöser kann der Orkan beim Altstadtfest 2012 gewesen sein. Unterhalb der Risse klafft in der Rinde eine Wunde, die nässt, wie die Wunde eines Menschen nässen kann. Es handelt sich um Wasser, das von den oberen Bereichen des Baumes nach unten sickert. Gleichzeitig sind die Selbstheilungskräfte des Baumes längst am Werk. Indem Holz über die Risse wächst, versucht er sie zu schließen. An den Zuwachsstellen steht die Eiche unter besonders hoher Spannung, deshalb bildet sie an dieser Stelle besonders stabiles Holz aus, etwa wie Prothesen oder Reparaturanbauten, um die gesamte Statik zu stützen. In vielleicht 20 Jahren könnten die Wunden komplett geschlossen sein.

Die Pappeln am Remsufer sind anfällig für Bruchschäden

Prägend am Remsufer sind die Pappeln. So lieb die Spaziergänger sie mit den Jahren auch gewonnen haben, handelt es sich dabei mitnichten um „Natur“ im urwüchsigen Sinn, sondern um menschliche Pflanzungen in Form einer Allee. Hartmut Neidlein identifiziert sie als Hybride aus europäischer und amerikanischer Schwarzpappel. „In der Holzfestigkeit gleichen sie der Fichte, mit ihren ausladenden Kronen der Eiche“, sagt der Experte, der in Winnenden wohnt und unter anderem fürs Waiblinger Stadtmarketing GmbH Führungen gibt. Das bedeutet: Bei Höhen bis zu 35 Metern sind die Lulatsche recht anfällig für Bruchschäden. Für die Stadt ein hoher Pflegeaufwand, weshalb viele Städte ihre Flusspappeln mittlerweile gefällt haben. Kaum zu glauben, dass die Wurzeln dieser Giganten kaum tiefer als 60 Zentimeter in den Boden reichen. Selbst Eichen erreichen nicht viel mehr als ein Meter Wurzeltiefe, die Pappeln, die an der steilen Uferböschung stehen, durch feste, (auch) oberirdische Brettwurzeln Stabilität.

Kunstlichtung: Die Silberweiden werden schmal und hoch

Ganz neu zur Talauen-Vegetation gehören die Silberweiden der Kunstlichtung, die Neidlein grundsätzlich für „keine schlechte Idee“ hält. Weil sie relativ eng gepflanzt sind, werden sie schmal in die Höhe, weniger in die Breite wachsen. Werden sie zu hoch und schmal, kann Bruchgefahr bestehen – allerdings seien Weiden vergleichsweise pflegeleicht.

Natürlicher Gegenspieler der Bäume sind die Pilze. Sie können entstehen, wenn in offene Wunden Feuchtigkeit eindringt. Und Pilz-Bakterien, die zu Milliarden durch die Luft schwirren. Die Pilze ernähren sich als Schmarotzer vom Baum und zersetzen ihn von innen. Der Baum wehrt sich, so dass sich in vielen Fällen ein regelrechter Wettstreit entspinnt, in dem der Pilz in einem Jahr große Fruchtkörper ausbildet, in einem anderen mangels Nährstoff-Nachschub aus dem fast abgeschotteten Baum nur karge „Hungerknoten“.

Später kann der unliebsame Gast wieder zur Nahrungsversorgung vordringen: „Dann ist der Kühlschrank wieder offen.“ So kämpft in der Waiblinger Talaue eine Weide, die – wie ihre Zickzackmuster verraten - unter hohem Druck steht, mit einem Zunderschwamm. Fällt ein Baum irgendwann dem Pilzbefall zum Opfer, so besteht aus ökologischer Sicht kein Grund zur Traurigkeit. Es handelt sich um natürliche Vorgänge. Und unter dem Gesichtspunkt der Artenvielfalt wird es dann sogar erst richtig spannend.


Zwischen Standfestigkeit und Ökologie

Hartmut Neidlein wird vielfach von verschiedenen Kommunen zur Beurteilung von Bäumen herangezogen. Unter anderem erstellte er in Waiblingen ein Gutachten über die Linde, die vor dem Rathaus stand und 2012 beim Altstadtfest-Unwetter brach.

„Der Erhalt und Schutz von Bäumen in der Stadt, von Alleen und von Naturdenkmälern liegt mir besonders am Herzen“, sagt der Experte und Chef des Unternehmens „Neidlein Baum.Erfahrung“ (ehemals Neidlein Baumüberprüfung).

1999 wurde er vom Regierungspräsidium Stuttgart als Sachverständiger für die Verkehrssicherheit von Bäumen, Baumschäden und Gehölzwert öffentlich bestellt und vereidigt.

Auf folgende Gebiete ist er spezialisiert: Beurteilung der Stand- und Bruchsicherheit von Bäumen, monetäre Baum- und Gehölzwertberechnung, Erhaltung gesunder Baumstandorte und Schutz von Bäumen sowie Baumpilze und -schädlinge.

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