Der Kampf des Geists gegen den Körper Stettener schafft mit knapp 64 die "Ironman"-Distanz

Geschafft: Größer als die Erschöpfung ist die Freude, es geschafft zu haben. Foto: marathon-photos.com

Kernen-Stetten. Der Stettener Dieter Regnet hat mit knapp 64 Jahren seinen ersten Langstrecken-Triathlon absolviert. Für die „Ironman“-Distanz – rund 3,9 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen – brauchte er Anfang Juli im fränkischen Roth zwölf Stunden und 43 Minuten. Durch den Tag wurde Regnet begleitet von großen Emotionen, inneren Kämpfen und der höllischen Angst vor einem Wadenkrampf.

Bis vor zwei Jahren ist Dieter Regnet weder geschwommen noch geradelt. Es reichte ihm, einen Marathon nach dem anderen zu laufen, gerne auch an vier aufeinanderfolgenden Wochenenden. Als unsere Zeitung im Februar 2014 über den damals 58-jährigen Stettener berichtete, hatte er an 41 Marathon-Läufen in allen Weltregionen teilgenommen. Stand heute ist Regnet bei 72 Marathonrennen durchs Ziel gelaufen. Die 100 möchte er unbedingt noch knacken.

Mittlerweile mussten er und seine ebenfalls sportverrückte Frau Sabine (64) eine zweite Medaillen-Vitrine im Wohnzimmer aufstellen. Nachdem die beiden vor zwei Jahren in den Ruhestand gegangen sind, haben sie sich an eine neue Herausforderung gewagt: Sie wurden Triathleten. Dass sie zu diesem Zeitpunkt nicht Kraul-Schwimmen konnten und es höchstens eine Stunde lang im Fahrradsattel aushielten, störte die beiden nicht. Regnets trainierten und trainierten, gaben nicht auf. Mit Erfolg: Sabine Regnet hat in diesem Jahr ihren ersten Triathlon über die olympische Distanz geschafft (siehe Infokasten).

3,86 Kilometer Schwimmen, 180,2 Kilometer Radfahren, 42,195 Kilometer Laufen

Ihr Mann ging sogar einen Schritt weiter: Anfang Juli bei der prestigeträchtigen „Challenge Roth“ hat Dieter Regnet seinen ersten Triathlon auf die lange Distanz geschafft – bestehend aus 3,86 Kilometer Schwimmen, 180,2 Kilometer Radfahren und einem Marathonlauf über 42,195 Kilometer.

Den Entschluss hatte Regnet im Vorjahr gefasst, als er beim Event in Roth noch als Schlussläufer einer Triathlon-Staffel an den Start gegangen war: „Nächstes Jahr mache ich die ganze Distanz“, kündigte er damals an – und hielt Wort. Er trainierte hart, fuhr stundenlang rad, quälte sich im Becken, absolvierte mehrere Rennen auf kürzere Distanzen, kämpfte sich Ende Juni durch die olympische Distanz am Rotsee. Anfang Juli fuhren Regnets dann mit dem Wohnmobil ins fränkische Roth – zum größten Triathlon-Event der Welt.

Geduldsprobe im Wasser: Das Ziel kommt einfach nicht näher

Am Morgen des Wettbewerbs stand Regnet als einer von mehr als 3000 Einzelstartern aus 84 Nationen am Ufer des Main-Donau-Kanals. Alle fünf Minuten stürzten sich 120 Männer und Frauen ins Wasser, schließlich auch der Stettener. Das Schwimmen, Regnets schwächste Disziplin, wurde bald zur Geduldsprobe: Das Ziel, eine Brücke, wollte einfach nicht näher kommen. Links und rechts schossen Athleten der nachfolgenden Startblocks an ihm vorbei. „Eineinhalb Stunden können schon ätzend lang werden“, sagt Dieter Regnet und lacht.

Als er die vermaledeite Brücke endlich erreicht hatte, wand sich der Stettener in der Wechselzone aus seinem Neopren-Anzug, schnappte sich sein Rad, setzte seinen Helm auf und trat in die Pedale. Am berüchtigten Solarer Berg erlebte er seinen emotionalen Höhepunkt. Entlang des kräftezehrenden Aufstiegs ist die Stimmung am besten. Die Fans machen einen ohrenbetäubenden Lärm und treiben die Athleten zu Höchstleistungen an. „Du rast mit deinem Rad in eine geschlossene Menschenmenge. Vor dir tut sie sich auf, hinter dir wieder zu“, erinnert sich Dieter Regnet. Seine Augen leuchten. „Wir standen auch schon als Zuschauer dort und haben mitgemacht. Ich habe so viele Fahrer dort weinend hinauffahren sehen. Jetzt weiß ich warum.“

Auf das Hochgefühl, das Bad in der johlenden Menge, folgte die totale Stille. „Oben spuckt’s dich einfach aus, dann bist du wieder ganz alleine – und völlig außer Atem, weil du dich so verausgabt hast. Es geht einfach nicht anders, die Leute spornen dich so an“, sagt Regnet.

„Immer die aktuelle Qual ist das Problem“

Je schwerer die Beine wurden, desto stärker strapazierte das Rennen erneut seine Geduld. Sechseinhalb Stunden auf dem Rad sind eine lange Zeit. Der Sportler sagt: „Beim Schwimmen denkst du: Das nimmt niemals ein Ende. Auf dem Rad kannst du dich ans Schwimmen gar nicht mehr erinnern. Und wenn du nachher läufst ... Immer die aktuelle Qual ist das Problem.“

Da war es zu Beginn des abschließenden Marathons ein psychologischer Vorteil für Dieter Regnet, dass Laufen seine Paradedisziplin ist. Und doch merkte er, dass er viel langsamer lief als sonst. Er habe zwischenzeitlich das Gefühl gehabt, auf einer Art Notbetrieb zu funktionieren, sagt Regnet. Der Kampf des Geistes gegen den Körper tobte nun im Stettener: „Sobald du deinen Gedanken nachhängst, wirst du langsamer. Der Körper will eh nicht mehr laufen, das ist nur noch der Kopf, der ihn zwingt.“ Die Angst, dass die Muskeln einfach ihren Dienst versagen, rannte nun im Gleichschritt mit.

Von Wadenkrämpfen blieb er dieses Mal verschont

Doch Regnet hatte aus den Wadenkrämpfen gelernt, die er wenige Wochen zuvor bei seinen Probeläufen erlitten hatte, und nahm regelmäßig Schlucke eines Kohlenhydratgemischs zu sich. „Falsche Ernährung“, weiß der Stettener, „kann einem das ganze Rennen versauen.“ Von Krämpfen blieb er dieses Mal verschont.

Wenige Kilometer vor dem Ziel wurde ihm dann bewusst: Das schaffe ich. Der Geist hatte gewonnen und der Körper fügte sich, die Schmerzen wurden weniger, die Beine leichter. „Ich habe umgeschaltet auf Genießermodus“, sagt Dieter Regnet, „am Schluss hab ich einen nach dem anderen überholt.“ Auf einen richtigen Endspurt nach zwölf Stunden und 43 Minuten verzichtete der Stettener allerdings. Er schaute beim Einlaufen ins Stadion lieber nach links und rechts, ließ den Applaus auf sich einprasseln, stolz auf das, was er geleistet hatte.

Und wie geht es nun weiter? In diesem Jahr wird Dieter Regnet noch den einen oder anderen Marathon laufen. Und wenn er noch einmal an einem Langstrecken-Triathlon teilnehmen wird, dann wohl an einer Veranstaltung der lizenzierten „Ironman“-Reihe, um die Chance zu haben, doch mal nach Hawaii zu kommen.

Dort finden Jahr für Jahr die berühmten Weltmeisterschaften der Triathleten statt. Zwar hängen die Chancen immer stark vom Teilnehmerfeld ab, doch einen Versuch ist es wert: Mit seiner Zeit von Roth hätte sich Regnet beim Frankfurter „Ironman“ einen Startplatz in Hawaii gesichert.


Kaum Konkurrentinnen für Sabine Regnet

Auch Dieter Regnets Frau Sabine ist Langstreckenläuferin und startet mittlerweile ebenfalls bei Triathlon-Veranstaltungen. „Sie wird immer Erste“, sagt Dieter Regnet und lacht – in Sabine Regnets Altersklasse gibt es kaum Konkurrentinnen.

In diesem Jahr hat die 64-jährige Stettenerin in Ingolstadt ihren ersten Triathlon auf olympischer Distanz absolviert: 1500 Meter Schwimmen, 40 Kilometer Radfahren, zehn Kilometer Laufen. Ins Ziel kam sie nach drei Stunden, 36 Minuten und 56 Sekunden. Das bedeutete die Goldmedaille für die älteste Teilnehmerin des gesamten Felds.

Falls noch Zweifel daran bestehen, dass Regnets außergewöhnliche Sportler sind: 2013 nahmen sie in der Schweiz an einem 100-Kilometer-Lauf teil. Sabine Regnet kam nach 16:15 Stunden ins Ziel. Ihr Mann wartete dort schon auf sie. Dieter Regnet hatte den Lauf in 11:30 Stunden geschafft.

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