Diakonie Stetten Griff an Hoden: Kinderpflegerin freigesprochen

Das Amtsgericht in Waiblingen. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Waiblingen/Kernen. Eine 28-Jährige Pflegerin ist am Amtsgericht vom Vorwurf freigesprochen worden, in der Diakonie Stetten einen Jungen mit schwerer Behinderung sexuell missbraucht zu haben. Sie hatte ihm an den Hoden gegriffen, wohl um sich einen derben Spaß mit einem Pfleger zu erlauben. Sie profitierte letztlich auch von einer Gesetzeslücke.

Sie hat dem körperlich wie geistig schwer behinderten Jungen mit Zeigefinger und Daumen an den Hodensack gegriffen und diesen nach links und rechts gedreht. Das räumt die 28-Jährige ein. Es habe sich dabei aber um eine medizinische Kontrolle gehandelt, nicht wie angeklagt um einen sexuellen Übergriff. Tatsache ist: Der Junge hatte Wasserablagerungen im Hoden. Ein Arzt hatte den Pflegern in der Diakonie aufgegeben, das Problem im Auge zu behalten. Nur: Die Frau, die bereits viele Jahre für die Diakonie arbeitete, war an diesem Abend gar nicht offiziell im Dienst. Und die Begleitumstände werfen ein anderes Licht auf die angebliche medizinische Kontrolle.

Der einzige Zeuge, ein 34 Jahre alte Pfleger, schildert den Vorfall so: Er sei an diesem Tag für die Pflege des Jungen eingeteilt gewesen, der sich nur über Laute mitteilen und weder sprechen noch gehen kann. Als er ihn am Abend im Badezimmer gewaschen habe, sei die Angeklagte hinzugekommen. „Kennst du den Hand-Kontrollgriff?“, habe sie gefragt und dem nackten Jungen an den Hoden gegriffen. Dann, so der Pfleger, habe sie ihn gefragt, ob seine Frau das bei ihm auch mache. Sie und eine weitere Pflegerin, die im Nebenzimmer arbeitete, hätten dann weitergescherzt.

„Distanzlos und unangemessen“

Wie er die Situation eingeschätzt habe, möchte Richter Michael Kirbach vom Pfleger wissen. Eine „unüberlegte Aktion“ seiner Kollegin sei das gewesen, sagt der 34-Jährige, „ein Scherz auf Kosten des Pflegebedürftigen, vielleicht auf mich bezogen.“

Den blöden Spruch mit der Ehefrau des Pflegers hatte die Angeklagte schon zu Beginn der Verhandlung über ihren Verteidiger eingeräumt. „Unprofessionell“ sei das von ihr gewesen, „distanzlos und unangemessen“. Der Umgang der Kollegen untereinander sei eben sehr locker gewesen, es habe viele Frotzeleien und Scherze gegeben. Man habe sich auf der dünn besetzten Station aber auch gegenseitig geholfen. Sie selbst habe damals ihren freien Tag geopfert, um Dienstpläne vorzubereiten.

Frau wurde am Folgetag entlassen

Für den 34-jährigen Pfleger jedoch wurde im Badezimmer eine Grenze überschritten. Er habe die Kollegin weder um Hilfe gebeten noch sei der Griff an den Hoden medizinisch notwendig gewesen, sagt er. Nach dem Vorfall ging er zum Vorgesetzten und berichtete, was geschehen war. Bereits am nächsten Tag wurde die Kollegin entlassen.

Den Straftatbestand des sexuellen Missbrauchs eines Schutzbefohlenen sieht der Staatsanwalt nicht erfüllt, es fehle an der sexuellen Motivation. Die angebliche medizinische Kontrolle hält er aber für eine „reine Schutzbehauptung“. Womöglich sei die Pflegerin nach den vielen Jahren auf der Station mit den schwerbehinderten jungen Menschen abgestumpft. Er plädiert für eine Geldstrafe von 3000 Euro wegen sexueller Belästigung. Der Verteidiger bleibt dabei: seine Mandantin habe höchstens unprofessionell gehandelt. Er fordert: Freispruch.

Richter: Gesetz versagt in diesem Fall

So lautet schließlich auch die Entscheidung des Schöffengerichts. Zwar schließe das Gericht aus, dass es sich beim Griff an den Hoden um eine medizinische Kontrolle gehandelt habe, allerdings habe die Angeklagte auch nicht aus einer sexuellen Motivation heraus gehandelt. „Es ging darum, sich auf Kosten des Jungen einen Spaß gegen den Kollegen zu erlauben“, so Kirbach. Er erklärt sich die Atmosphäre, in der solche Übergriffe möglich sind, auch aus der hohen Belastung für Pflegekräfte. Nichtsdestotrotz: Zivilrechtlich seien „die richtigen Schlüsse gezogen“ worden – die Frau arbeite nicht mehr in der Kinderpflege und habe einen „Schuss vor den Bug“ bekommen. Wäre eine Verurteilung für sexuelle Belästigung infrage gekommen, wie vom Staatsanwalt angeregt? Kirbach: „Das Gesetz versagt in diesem Fall.“ Für einen Schuldspruch nach dem sogenannten „Grapsch-Paragrafen“ brauche es zwingend jemanden, der sich sexuell belästigt fühle. Ob das bei dem Jungen der Fall war? „Wir können ihn nicht fragen.“

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