Die Flüchtlinge - eine Zwischenbilanz Keine Fachkräfte im Schnellverfahren

Jobcenter in Waiblingen. Foto: Pavlovic / ZVW

Waiblingen/Remshalden. Das Team IBA der Arbeitsagentur in Waiblingen verzeichnet derzeit wöchentlich um die 30 Neuanmeldungen von Flüchtlingen als Kunden. Doch es hat sich mittlerweile gezeigt, dass die Menschen aus Syrien und anderen Ländern längst nicht so gut ausgebildet sind, wie sich Politik und Wirtschaft erhofft haben.

Rund 2500 Flüchtlinge betreut die Arbeitsagentur in Waiblingen derzeit, Stand Mitte Februar. Die Zahl steigt laufend, weil momentan viele ihre Anerkennung als Asylbewerber bekommen. 2060 von den 2500 haben einen anerkannten Asylstatus. Rund 80 Prozent der Menschen seien aus Syrien, sagt Robert Steinbock, Leiter des Teams IBA (Integration, Beratung, Arbeit). Das Team IBA haben Arbeitsagentur, Jobcenter und Landkreis eingerichtet, um Flüchtlinge zu beraten und in Jobs zu vermitteln.

Nur rund 190 von 2500 haben einen Schulabschluss

Steinbocks Fazit nach den ersten Monaten: „Man hat die Chance, durch die geflüchteten Menschen Fachkräfte zu gewinnen – aber für übermorgen, nicht für sofort.“ Ursprünglich habe man gedacht, es kämen die gut Qualifizierten in großen Mengen. Doch tatsächlich treffe es eher selten zu, dass die Menschen sofort in irgendeinem Beruf arbeiten können oder überhaupt eine Ausbildung anfangen, wie es sich Industrie und Handwerk auf der Suche nach Fachkräften erhoffen. Von den 2500 Gemeldeten haben nach eigenen Angaben nur rund 190 einen Schulabschluss und davon rund 150 eine Berufsausbildung oder ein Studium. Eine ganz andere Frage ist noch, wie diese Abschlüsse nach deutschen Maßstäben anerkannt werden können.

Integrationskurs braucht etwa ein Jahr

Davon abgesehen ist die erste hohe Hürde auf dem Weg in Beruf und Ausbildung natürlich die Sprache. Für den sogenannten Integrationskurs braucht ein Neuankömmling in Deutschland etwa ein Jahr, sagt Robert Steinbock. Dann sei klar, ob er in der Deutsch-Prüfung das B-1-Niveau erreicht, das heißt, ein gutes Grundniveau, um sich im Alltag verständigen zu können.

Das IHK-Bildungshaus in Grunbach hat sehr früh versucht, Erfahrungen mit den Flüchtlingen zu sammeln und einen Überblick zu bekommen, was es braucht, um sie für Berufe in Industrie und Handwerk ausbilden zu können. Zum Beispiel hat das Bildungshaus für die Flüchtlinge in Remshalden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) geförderte und zugelassene Deutschkurse organisiert. Markus Schäfer, Leiter Technische Ausbildung im Bildungshaus kann die Erfahrungen des IBA-Teams bestätigen: Es braucht Zeit. Zu Beginn sei außerdem ein Problem gewesen, dass die Leute nicht zuverlässig zur Verfügung gestanden hätten, weil sie Termine auf Ämtern wahrnehmen mussten oder überraschend in andere Aufnahmeeinrichtungen verteilt worden seien.

Auf Spender und Ehrenamtliche angewiesen

Für die zwei Flüchtlinge, die bisher im IHK-Bildungshaus eine überbetriebliche Ausbildung gemacht haben, sei es ein Problem gewesen, die Zeit finanziell durchzustehen, sagt Markus Schäfer – „wenn Sie eine Lehre bezahlen müssen und wohnen nicht im Hotel Mama“. Ohne die Unterstützung von Spendern und Ehrenamtlichen funktioniere das nicht.

Die finanzielle Unterstützung ist politisch ein wichtiges Thema, meint Bildungshaus-Leiterin Gudrun Schürrle: „Wir haben viele über 25, die bereit wären, eine Ausbildung zu machen, wenn sie das finanziell stemmen könnten.“ IBA-Teamleiter Steinbock will das jedoch nicht als Problem der Flüchtlinge gelten lassen: „Das Problem hat jeder Azubi.“ Die Flüchtlinge hätten sogar den Vorteil, dass sie noch Hartz-IV-Leistungen bekämen. „Ein zusätzlicher finanzieller Anreiz wäre für mich nicht gut mit Blick auf den sozialen Frieden.“

Viele seien in der Reinigungsbranche tätig

Allerdings sieht Steinbock durchaus die Gefahr, dass arbeitswillige Flüchtlinge für eine Ausbildung zur Fachkraft verlorengehen, weil sie schnell Geld verdienen wollen. Das heißt: dass sie gut bezahlte Helferjobs annehmen. Wenn einer in so einem Job sei, bekomme man ihn kaum noch dazu, den langen Weg einer Ausbildung zu gehen.

126 Menschen aus dem Kreis hat das Team IBA schon in Arbeit vermittelt. 70 Prozent davon für Helfertätigkeiten oder auf „Anlernniveau“, das heißt, ohne Voraussetzung einer Ausbildung. Viele seien in der Reinigungsbranche tätig, sagt Robert Steinbock. Vermittelte Fachkräfte seien noch Einzelfälle.

Vor allem die Naturwissenschaften bereiteten Probleme

Für diejenigen, die jetzt mit dem B-1-Niveau aus den Integrationskursen kommen, sieht das Konzept derzeit vor, dass sie weitermachen mit weiteren vom Bamf geförderten Deutschkursen, die auf die Berufspraxis ausgerichtet sind und sie auf das nächste Niveau B 2 führen sollen. Aber Robert Steinbock relativiert die Erfolgschancen: „Die wenigsten werden im Herbst so weit sein, dass sie eine Ausbildung beginnen können.“ Die bisherigen Erfahrungen würden zeigen, dass die Leute massive Probleme in der Berufsschule bekämen, wenn man sie zu früh in die Ausbildung bringe. Vor allem die Naturwissenschaften bereiteten Probleme.

Man müsse sich Zeit nehmen. „Es ist weder den Betrieben noch den jungen Menschen geholfen, wenn wir sie zu schnell in eine Ausbildung bringen“, sagt Steinbock. „Es bedarf einer klugen Integrationsstrategie, die nichts überstürzt.“ Klar ist für ihn, „dass es sich lohnt, diesen Weg zu gehen“: 80 Prozent der bei Arbeitsagentur und Jobcenter gemeldeten Flüchtlinge seien unter 35 Jahre alt. 33 Prozent seien sogar unter 25, im „klassischen Ausbildungsalter“ also. Dabei dürfe man jedoch nie vergessen: „Es geht um Menschen, die Schicksale mit sich herumtragen.“


Stellen mit einfachem Einstieg gesucht

„Wir bräuchten viel mehr Stellen für den niederschwelligen Einstieg“, sagt Robert Steinbock, Leiter des IBA-Teams von Jobcenter und Arbeitsagentur. Das heißt: für einen Berufseinstieg ohne abgeschlossene Ausbildung oder Realschulabschluss. „Davon würde die Gesellschaft im Ganzen profitieren, weil auch Langzeitarbeitlose oder Jugendliche mit Lernbehinderung davon etwas hätten.“

Da sollten die Betriebe offener werden, meint Steinbock, sich bei der Arbeitsagentur beraten lassen und das einfach mal ausprobieren. Man gehe ja kein großes Risiko ein, wenn man mal jemand probearbeiten lasse. Die formalen Hürden für die Einstellung von Flüchtlingen seien mittlerweile sehr niedrig.

Arbeitgeber können ihre Stellenangebote direkt melden an den Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur unter der kostenfreien Hotline 0800/ 4 55 55 20.

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