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Die Flüchtlinge - eine Zwischenbilanz LKA-Chef Ralf Michelfelder über Asylbewerber als Täter und Opfer

Ralf Michelfelder ist seit August 2015 Präsident des Landeskriminalamtes. Davor war er Chef der Polizeidirektion Waiblingen und nach der Polizeireform Leiter des Polizeipräsidiums Aalen. Foto: Büttner / ZVW

Waiblingen/Stuttgart. Der Backnanger Ralf Michelfelder ist Chef des Landeskriminalamtes – ein Gespräch mit ihm über Flüchtlinge als Täter und Opfer, über islamistische „Gefährder“ und über die große Aufgabe der Integration.

Herr Michelfelder, wie lautet aus kriminalistischer Sicht Ihr Zwischenfazit zur Flüchtlingsintegration?

Sie ist noch lange nicht gelungen, da bedarf es noch erheblicher Anstrengungen. Wir sehen, dass die Flüchtlinge im vergangenen Jahr im Kriminalitätsgeschehen angekommen sind.

Das heißt?

Wir haben in Baden-Württemberg etwa 167 000 Flüchtlinge bei 10,9 Millionen Einwohnern, also grob 1,5 Prozent Bevölkerungsanteil – ihr Anteil an den Tatverdächtigen lag im Jahr 2016 bei etwa zehn Prozent, wobei ausländerrechtliche Verstöße wie illegaler Aufenthalt bereits aus der Statistik herausgerechnet sind. Das ist die eine Seite der Medaille.

Und die andere?

Asylbewerber sind auch überdurchschnittlich oft Opfer von Straftaten. Wobei ich da nicht von Sachbeschädigung oder einfachem Diebstahl rede, sondern von Raub, Körperverletzung und Tötungsdelikten. Der Anteil von Flüchtlingen an der Gesamtzahl der Opfer liegt bei etwa fünf Prozent. Wir stellen dabei fest, dass Asylbewerber primär nicht Opfer von Gewalt von außen werden, sondern ganz überwiegend von Gewalt durch das eigene Umfeld.

Das hat aber doch mit der Situation in engen Notunterkünften zu tun. Wenn es kaum Intimsphäre gibt, liegen die Nerven blank – dass sich unter diesen Umständen Auseinandersetzungen oder auch Diebstähle häufen, liegt nahe.

Ja, aber wir können das nicht ausblenden und sagen, das geht uns nichts an. Außerdem: 40 Prozent der von Flüchtlingen verübten Körperverletzungen ereigneten sich 2016 im öffentlichen Raum. Zehn Prozent Tatverdächtigenanteil und fünf Prozent Opferanteil – diesen Fakten muss man sich stellen. Was für uns frappierend ist, sind auch die Zunahmen: Die Zahl der tatverdächtigen Flüchtlinge hat sich 2016 gegenüber 2015 beinahe verdoppelt.

Welche Kriminalitätsbereiche sind dabei besonders auffällig?

Wir haben vier Deliktgruppen, in denen Asylbewerber als Täter besonders in Erscheinung treten. Erstens Diebstähle aller Art – Ladendiebstahl, aber auch Wohnungseinbruch. Die steigenden Zahlen beim Wohnungseinbruch sind insofern bedenklich, weil das eine andere Dimension ist, als mal ins Regal zu greifen: vorbereiten, ausspähen, aufbrechen; dabei ist eine andere Hemmschwelle zu überwinden.

Zweitens?

Zweitens Körperverletzungsdelikte. Drittens Rauschgiftdelikte. Und viertens Sexualdelikte – wobei wir hier eine relativ geringe Gesamtzahl haben, aber eine hohe Steigerungsrate gegenüber 2015.

Wie erklären Sie sich all das?

Ich bin kein Soziologe, ich habe dazu nur eine Hypothese. Wir wurden in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg über mehr als 70 Jahre dazu erzogen, dass Gewalt kein Mittel zur Konfliktlösung ist, wir lernen das in Familie, Kindergarten, Schule, das ist ein gesellschaftlicher Konsens. Die Menschen, die zu uns gekommen sind, haben teilweise ganz andere Erfahrungen, lebten in Kriegsgebieten oder zerfallenden Staaten und haben deshalb möglicherweise ein anderes Verhältnis zu Gewalt und hiesigen Werten.

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