Die Landeskriminaler Jeder noch so kleinen Hautschuppe auf der Spur

Schorndorf. Auto- und Autoteilediebstähle sind keine Untaten Gelegenheitskrimineller. Hoch spezialisierte Banden besitzen das Know-how, jede noch so moderne Sicherheitstechnik auszutricksen und Serientaten zu begehen. Niemand weiß das besser als der Schorndorfer Manfred Nordgauer, der als Spurensicherer beim LKA vor allem gestohlene Autos und Tatfahrzeuge untersucht.

Der gebürtige Cannstatter kam 1994 zum LKA und zur Tatortgruppe als Spurensicherer für die Rauschgiftermittlung. Diese war damals noch zentral zuständig im Drogen-Deliktsbereich. Heute hat jedes Präsidium seine eigene Kriminaltechnik und die LKA-Spurensicherer treten nur bei besonderen Fällen auf den Plan oder in speziellen Fachbereichen, etwa wenn Fahrzeuge betroffen sind – als Tatautos oder nach Autodiebstählen. Genau darum geht es in 60 Prozent seiner Fälle.

Mit Kopfschütteln, aber auch mit nostalgischer Heiterkeit denkt Nordgauer an die „Kriminaltechnik“ und Spurensicherung vor 20 Jahren zurück. „Da hat sich bis heute doch enorm viel verändert. Anfang der 1990er kam die DNA-Analyse dazu.“ Davor habe man Handschuhe einfach mehrfach benutzt, heute sei dies undenkbar. „Früher arbeiteten wir noch mit selbst gebastelten Holzkisten mit Glasscheibe, in der wir Gegenstände mit Cyanakrylat (Sekundenkleber) bedampften, um Spuren sichtbar zu machen. Man musste das immer irre schnell machen, um nicht die Dämpfe abzukriegen.“ 1996 schaffte sich das LKA den ersten Bedampfungsschrank an. Heute sind eine ganze Reihe professioneller Laborgerätschaften nicht mehr wegzudenken. „In einem 50-Meter-Schwimmbecken mit acht Bahnen können wir heute einen Tropfen Rauschgift nachweisen. Die Spurensicherung ist immer feiner geworden. Heute geht’s um winzigste Hautschüppchen und Spurenhygiene wird immer wichtiger.“

Wenn Räuber denken, sie seien schlau

2011 überfielen in Schaffhausen Räuber einen Juwelier und nahmen Uhren im Wert von vier Millionen Franken mit. Alles nur zwei Minuten entfernt vom Polizeirevier. Trotz Sofortfahndung keine Spur von den Tätern. Erst abends fand ein unbescholtener Eidgenosse seinen Porsche Cayenne in seiner Garage verändert vor. „Die hatten das Auto geklaut, nach dem Raubüberfall sofort wieder in die Garage gefahren und waren so unerkannt entkommen. Den Cayenne hatten sie großflächig mit Chemikalien bearbeitet, um ihre Spuren zu verwischen.“ Umsonst. Schweizer Polizeikollegen fragten beim LKA Baden-Württemberg um Unterstützung an. Nordgauer fand im Innern des Cayenne DNA-Spuren am manipulierten Wegfahrsperren-Steuerungsgerät. DNA, die auf eine bekannte serbische Bande hinwies. „Zwei der Räuber konnten in Folge festgenommen und verurteilt werden. Der Rest ist noch flüchtig.“

Auch die fünfköpfige Bande aus Litauen, die 2011 im gesamten Rems-Murr-Kreis Dutzende Navigationsgeräte aus Autos ausgebaut hat, half Nordgauer zu überführen, indem er ihre Fingerspuren an den Navis und Autos sicherte. Die Litauer waren auf der Heimfahrt in Ostdeutschland gefasst worden und sitzen seither in Haft.

60 Prozent der komplett gestohlenen Fahrzeuge werden zerlegt, um die Teile in anderen Fahrzeugen zu verbauen, den Diebstahl so zu tarnen. „Es gibt einen bundesweiten Katalog mit Teile-Identifikationsnummern und Serien-Zuordnungen, und wir arbeiten sehr eng mit den großen Herstellern zusammen und wissen, wo in welchem Auto welches Gerät und welches Teil mit welcher Nummer verbaut sein sollte.“ Viele der installierten geklauten Auto-Einzelteile kommen aus Italien. Diebe oder Hehler haben individuelle Merkmale entfernt, etwa die Getriebenummern rausgeschliffen, um die Herkunft des Teils zu verschleiern. „In modernen Fahrzeugen gibt es 80 bis 120 Identifizierungsmöglichkeiten und nicht etwa nur die Fahrgestellnummer oder die Motornummer.“

Moderne Sicherheitstools helfen leider kaum etwas gegen Auto-Diebstahl, da die Tools nach Markteinführung alsbald kopiert oder schwarz verkauft werden. Modernste Analysesoftware für Motoren und Elektronik in Autos ist aber auf dem Markt sowieso frei erhältlich – für den Kfz-Werkstatt-Gebrauch. Auch mit den Sender-Schlüsseln sei das so eine Sache. Entweder Täter warten auf Parkplätzen oder in Parkhäusern mit Störsendern und die Besitzer denken, sie hätten das Fahrzeug verschlossen, haben’s aber nicht. Oder Schlüssel lassen sich mit Software neu anlernen. Auto-Verschluss-Systeme mit Fingerabdruck-Erkennung hält Nordgauer für gefährlich. „Es gibt Fälle, bei denen Täter im Haus einbrechen, um die Autoschlüssel zu kriegen. Das will doch niemand, dass dann auch noch die körperliche Unversehrtheit der Autobesitzer gefährdet ist.“

Gelegenheitsautodiebe gibt’s jedenfalls kaum mehr, sagt Nordgauer. Moderne Autos kurzzuschließen, ist auch gar nicht mehr möglich. Mittlerweile werden Autodiebstähle vor allem von hoch spezialisierten Banden durchgeführt, die auch schon mal in Autohäusern einbrechen und auf deren Gelände ganze Fahrzeugflotten ausschlachten. Nordgauer erinnert einen solchen Fall in Backnang, wo bei einem VW-Händler Innenverkleidungen an mehreren Autos ausgebaut worden waren. Die Teile wurden zur Fahndung ausgeschrieben. Irgendwann kam ein Anruf vom Zoll in Bayern, zwei Slowenen seien festgenommen worden. „Die hatten jedoch die Autos legal gekauft und angeblich nichts von den eingebauten geklauten Innenverkleidungen gewusst. Ihnen war kein illegales Verhalten nachzuweisen. Das ist aber häufig so.“ Deshalb appelliert Nordgauer an die Vernunft der Käufer, bei denen leider zu oft die Gier obsiegt und die sich etwa zu einem Autokauf übers Internet und bei suspekten Verkäufern verleiten lassen. „Dabei kaufen Sie die Katze im Sack. Auch Tacho-Manipulationen sind heutzutage kein Problem mehr.“

Jüngst habe zum Beispiel ein Lehrer aus Baden-Württemberg sechs Alfa Romeo sehr günstig in Spanien angekauft, mit gefälschten Zulassungspapieren. „Die Papiere waren echt, wohl Blankopapiere, die in einer spanischen Zulassungsstelle abhandengekommen sind. Mit diesen wurde den gestohlenen Alfa Romeos eine neue Identität verpasst und sie wurden ganz legal in Deutschland zugelassen, um sie teuer wieder zu verkaufen.“ Was an einem Auto echt, was geklaut und gefälscht ist, vermag ein Laie kaum abzuschätzen, sagt Nordgauer.

Kitschig, aber wahr: Ein Polizist mit Leib und Seele

Manfred Nordgauer ist gebürtiger Cannstatter, wohnte zwischendurch auch mal in Fellbach und ist nun seit der Jahrtausendwende mit seiner Frau und drei Kindern fest in Schorndorf-Unterberken ansässig. Sein Entschluss zur Polizei zu gehen, hat eine Vorgeschichte. „Mein Vater war ein einfacher Arbeiter bei der Bahn, und weil wir fünf Kinder waren, habe ich als Jugendlicher immer nebenher gejobbt, um etwas dazuzuverdienen. An einem Zahltag hatte ich dann ein einschneidendes Erlebnis.“

Der junge Nordgauer hatte gerade sein Monatsgehalt bekommen und bar bei sich, wollte in Cannstatt nur mal schnell zum „Zweirad Kurz“ rein, etwas besorgen; ließ sein Moped samt Tasche und Geld aber draußen stehen. „Als ich wieder rauskam, war das Geld gestohlen. Ganze 320 Mark, das war damals viel, viel Geld. Was für eine Ungerechtigkeit! Und es wurde bald klar für mich, ich will zur Polizei, um Dieben und Gaunern das Handwerk zu legen.“

Nach Ausbildung und Bereitschaftspolizei war deshalb der Streifendienst (1988-94) ganz sein Leben. Irgendwann besann sich Nordgauer an ein kurzes Intermezzo beim LKA und bewarb sich. Einen Bürojob wollte er jedoch auf keinen Fall und kam also zur Tatortgruppe.

Moderne Methoden der Spurensicherung

In einem Artikel im internen Mitarbeitermagazin des LKA „Innenansicht“ wird die Arbeit der Spurensicherer beschrieben: Sie „baden Spuren an saugenden Spurenträgern (Papier, Pappe) in einer Ninhydrin- oder Indandionen-Zink-Lösung. Bei diesem Verfahren geht es darum, die Aminosäuren, die im Schweiß enthalten sind, sichtbar zu machen, damit sich anschließend die Daktyloskopen (Fingerabdruck-Analytiker, Anm. d. Red.) auf die Fingerabdrücke stürzen können.“

„Die nicht saugenden Spurenträger (Kunststoff, Keramik, Metall und so weiter) werden mit einem Sekundenkleber bei 130 Grad in einem Spezialschrank bedampft. In diesem Schrank beträgt die Luftfeuchtigkeit 80 Prozent, der Sekundenkleber wird mittels Ventilatoren in dem Schrank verwirbelt und schlägt sich an den durch die hohe Luftfeuchtigkeit angeregten latenten Fingerspuren ab, um dort zu polymerisieren. Dieser Niederschlag ist von gräulich-weißer Farbe, so dass je nach Farbe des Spurenträgers noch nachträglich kontrastiert werden muss. Die Kontrastierung erfolgt durch verschiedene chemische Verfahren, bei denen sich Farbstoffe an dem polymerisierten Klebstoff andocken – oder, im Ausnahmefall auch durch Adhäsionsmittel, wie beispielsweise Rußpulver.“ Die Arbeiten werden unter einem Abzug durchgeführt, die Spurensicherer tragen Schutzausrüstung.

Direkt am Tatort kommt auch das „Luminiszenz-Verfahren“ zur Anwendung, mit dem bereits weggewischte oder stark verdünnte, blutverdächtige Spuren sichtbar gemacht werden können. „Der Tatort wird dabei komplett abgedunkelt und mit einer Chemolumineszenz besprüht. Sind blutverdächtige Substanzen vorhanden, kommt es zu einer chemischen Reaktion mit dem Blutfarbstoff Hämoglobin (...) und die besprühten Bereiche leuchten bläulich auf.“

„Ein weiteres Verfahren ist das sogenannte Super Fume, das ebenfalls vor Ort zum Einsatz kommt. Dabei handelt es sich um mehrere Komponenten, die zum Verdampfen von Cyanacrylat verwendet werden. Ein Luftbefeuchter, zwei Verdampfer und ein Aktivkohlefilter werden dabei in einem oder mehreren Räumen aufgestellt. Dieser Raum wird dann mit seinem kompletten Inhalt bedampft. Alle in diesem Raum auf nicht saugenden Spurenträgern vorhandenen daktyloskopischen Spuren werden dadurch auf einmal sichtbar gemacht“ – auch vorher Unsichtbares. Das gilt zum Beispiel auch für entfernte Seriennummern an Schusswaffen.

Auch beim Untersuchen von Autos bringen Spurensicherer des LKA mitunter das Super-Fume-Verfahren in Garagen oder in einem mobilen Zelt zum Einsatz. Ansonsten bauen sie auch Teile aus den Autos aus, um sie dann im Spezialschrank zu bedampfen. Ein Großteil der Spurensichtung bei gestohlenen Autos erfolgt allerdings über Videoskop und elektronische Anwendungen via Laptop und Fahrzeugdiagnose-Systeme, sagt Nordgauer.

  • Bewertung
    2
Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!