Die Schauspielerin Silke Bodenbender in Stuttgart Mit der Kraft der Frohnatur

Sie spielt in der Qualitätsliga: Silke Bodenbender Foto: Lichtgut

Stuttgart - Sie ist schlank und blond, hat blaue Augen und ein helles Lachen. Ende Januar wird sie in jugendlicher Frische fünfundvierzig, weshalb man nicht viel Fantasie braucht, um sich das Rollenfach vorzustellen, in das sie mit fünfundzwanzig gesteckt werden sollte. „Man wollte mich als nette Blondine in Vorabendserien sehen“, sagt Silke Bodenbender, die seitdem in vielen Filmen und Theatern aufgetreten ist, aber nie als: nette Blondine. Entsprechende Angebote hat sie abgelehnt und stattdessen gegen das Klischee angespielt. Schwierige, traurige, verzweifelte, undurchsichtige Charaktere sind zu ihrer Spezialität geworden – und dabei verschwindet sie so perfekt hinter ihren Problemfrauen, dass am Ende sogar ihr Berliner Hausmeister in Erklärungsnot kam. Seinen Kollegen musste er versichern, dass Frau Bodenbender privat ganz anders sei als im Fernsehen, nämlich ein „freundliches und lustiges Mädchen“, wie sie selbst sagt. Ja, mehr noch: „Ich bin eine rheinische Frohnatur.“

Das stimmt. Unser Gespräch wird immer wieder vom Lachen der unprätentiösen und unkomplizierten, 1974 in Bonn geborenen Schauspielerin unterbrochen. Freundlich ist die Atmosphäre, zugewandt und humorvoll wie auf dem Flur ihres Mietshauses, wo sie mit Mann und zwei Kindern lebt. Und wenn man sie als „lustiges Mädchen“ so völlig unbeschwert im Café des Stadtpalais erlebt, steigert das enorm die Verblüffung über ihr Vermögen, sich als Film- und Theaterschauspielerin ins exakte Gegenteil zu verwandeln, in Frauen, die schwer an ihren Lasten tragen. „Ich liebe Figuren, die weit von mir entfernt sind“, sagt Bodenbender, „sonst müsste ich ja nicht spielen. Und ich will spielen, weil ich dabei über Grenzen gehen kann, die ich mir als Privatmensch setze.“

Wie ihre Verwandlungskunst aussieht, lässt sich am Sonntag, Montag und Dienstag unter der Regie des Intendanten Burkhard Kosminski wieder im Stuttgarter Schauspielhaus beobachten. In Wajdi Mouawads mit Zeit- und Ortssprüngen arbeitender Familientragödie „Vögel“ verkörpert sie Norah, eine deutsche Jüdin in Berlin. Und obwohl sie in diesem klassischen Erzähltheater immer Norah bleibt, muss sich Bodenbender dabei doch in vielen unterschiedlichen Rollen bewähren.

Das etwas andere Mutterglück

Ihre Norah ist Ehefrau, Mutter, Schwiegertochter und – von Beruf – Psychotherapeutin. Sich an einen Schlüsselmoment ihrer DDR-Jugend erinnernd, schlüpft sie zudem in die Rolle der pubertierenden Norah, deren Vater sich über seinen Glauben an den Kommunismus definiert. Als die Heranwachsende aus Versehen erfährt, was sie nicht erfahren soll, dass sie nämlich Jüdin ist, bricht mit der Lebenslüge des Vaters auch eine Welt zusammen – und in die Fassungslosigkeit, Verzweiflung, Wut und Verletzbarkeit des Mädchens wühlt sich Bodenbender mit einer Kraft, als sei auch sie wieder vierzehn und eine Rebellin, die um ihre Identität ringt. Deshalb, um des Selbstbilds willen, heiratet Norah auch David, den Juden aus Jerusalem. Und deshalb stürzt sie beim Pessachfest in New York ihrem Sohn Eitan glückselig in die Arme, nachdem sie erfahren hat, dass dessen palästinensische Freundin nicht schwanger ist: Mutterglück der anderen, identitätsstiftenden Art und eine Pointe, deren Boshaftigkeit durch Bodenbenders präzises Spiel finster aufleuchtet.

Ihr Bühnenpartner ist Itay Tiran, der in der viersprachigen, auf Deutsch, Englisch, Hebräisch und Arabisch gegebenen Inszenierung den als Kind nach Berlin gekommenen David spielt. Und so, wie Kosminski den Theaterstar von Tel Aviv nach Stuttgart geholt hat, lockte er auch Silke Bodenbender: mit hartnäckiger Freundlichkeit konnte er sie überzeugen, sich seinem Ensemble anzuschließen, was um so bemerkenswerter ist, als die im Theater großgewordene Bodenbender seit neun Jahren auf keiner Bühne mehr stand. Die Kinder kamen dazwischen, 2010 und 2014, aber da Sohn und Tochter mittlerweile aus dem Gröbsten raus sind, wurde der Weg für ihr Comeback schließlich doch frei.

Dass sie es unter Kosminski feiert, ist kein Zufall: Mit dem Stuttgarter Intendanten verbindet Bodenbender eine lange, fast zwanzig Jahre alte Arbeitsbeziehung, die mit der Uraufführung des „Fests“ im Jahr 2000 in Dortmund begann. Die Inszenierung nach dem Dogma-Film von Thomas Vinterberg trat danach ihren Siegeszug in den Theatern an – und Bodenbender folgte Kosminski nach Düsseldorf und an die Berliner Schaubühne, ins Mannheimer Nationaltheater und jetzt eben ins hiesige Schauspiel. „Burkhard“, sagt sie, „ist meine künstlerische Heimat.“

Emanzipiert von Kindesbeinen an

Was für eine Ansage! Künstlerische Heimat! Aber Bodenbender füllt sie mit Inhalt und spricht vom „gewachsenen Vertrauen“ zwischen ihr und ihrem Regisseur. „Bei Burkhard gehe ich nicht mit einem Flattern in die Probe. Ich muss mich bei ihm nicht beweisen, sondern kann ihm spielerische Haltungen anbieten, die er auch verwerfen darf. Da bleibt nichts zurück“, sagt sie über das angstfreie Arbeiten mit Kosminski – Sätze, in denen das wie angeboren wirkende Selbstbewusstsein aufblitzt, das sie von zu Hause mitbekommen hat. Bodenbender stammt aus einer sozialdemokratischen Familie, ihr Vater arbeitete als Sozialpolitiker für Willy Brandt und legte ihr die Broschüre „Meine Rechte als Kind“ auf den Nachttisch. Das prägt und hat Folgen: „Emanzipation war für mich nie ein Thema. Ich war es einfach.“ Von Kollegen wird sie deshalb oft für eine Ossi-Frau gehalten. Die muntere Unverkrampftheit, mit der sie auftritt, vermuten sie bei Wessis eher nicht.

Vor allem bei Dreharbeiten am Set kommt es zu diesem Ost-West-Missverständnis, weniger im Theater, wo lange Probenzeiten echtes Kennenlernen ermöglichen. Und gedreht hat sie immer, auch während der Babypause, mit Regisseuren wie Nicolette Krebitz und Dominik Graf, mit Kollegen wie Mark Waschke, Christoph Waltz und Matthias Brandt. Fast alle ihre Filme spielen in der Qualitätsliga, zuletzt das ZDF-Drama „Ein Kind wird gesucht“ von Urs Egger, wo sie an der Seite von Heino Ferch eine Mutter spielt, die verzweifelt sein müsste, weil ihr Junge vermisst wird. Ist sie aber nicht. In der auf einer wahren Begebenheit fußenden Geschichte verwandelt sich Bodenbender in eine Kindsmutter, die das Schicksal ihres Mircos in Gottes Händen weiß – und mit ihrem frommen Schwärmen, ihrer religiösen Verzückung verleiht sie der Gottergebenheit etwas leicht Gespenstisches und spielt sie atmosphärisch in die Nähe eines Stephen-King-Romans. Ein Bodenbender-Überraschungsmoment, wie er ja mehrfach auch in den Stuttgarter „Vögeln“ zu bestaunen ist.

Als Psychoanalytikerin berät Norah am Handy ihren Patienten, einen Künstler, der nicht mit Farbe, sondern mit Sperma malt – und die Wärme und Fürsorge, die sie als Ehefrau und Mutter vermissen lässt, fließt jetzt in die mütterliche Betreuung des Ejakulations-Performers. Unbewusst degradiert sie ihn zum Baby – und wenn sie „ganz entspannt in die Emotion geht“, sagt Silke Bodenbender, „dann sitzt die Pointe.“

Sie sitzt. Bisher ist in dieser Szene im Stuttgarter Schauspielhaus noch immer gelacht worden.

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