Die Waiblinger Tafel Altersarmut steigt – auch in Waiblingen

Von links Nanny Severin, Marie Luise Raiser, Ismet Ajdar, Petra Off und Hartmut Lehmann. Foto: Büttner / ZVW

Waiblingen. Weihnachten ist das Fest der Liebe und der Geschenke. Letzteres ist für manche Menschen aber gar nicht so selbstverständlich. 100 liebevoll verpackte Weihnachtspäckchen hat der Stadtseniorenrat an diesem Mittwoch bedürftigen alten Menschen in den Tafelladen gebracht. „Wir vom Stadtseniorenrat können gegen die Altersarmut wenig machen, im Einzelfall aber viel anbieten“, sagte SSR-Vorsitzender Hartmut Lehmann bei der Übergabe.

Ob Wunschstern in der Stadtbücherei oder Wunschbaum im Supermarkt Real: In der Weihnachtszeit gibt es viele Aktionen für bedürftige Kinder – und das ist gut so. Schade fanden es die Helferinnen der Tafel allerdings, dass arme Senioren oft vergessen werden. Sie wandten sich an den Stadtseniorenrat, der die Idee einer Aktion für bedürftige alte Menschen sofort unterstützte. SSR-Mitglied Marie Luise Raiser nahm die Aktion – im wahrsten Sinne des Wortes – in die Hand. Und packte in den vergangenen Tagen liebevoll 100 rote Weihnachtstüten: mit einem edlen Duschgel, Schokolade, einer Weihnachtskarte und zwei Ratgeber-Broschüren des Stadtseniorenrates.

Bei Senioren ist die Scham besonders groß

Am Mittwoch sind diese Weihnachtspräsente nun zur Freude von Ladenleiterin Petra Off und Tafel-Vizevorsitzender Nanny Severin im Tafelladen übergeben worden. Der Erste, der eins der Päckchen bekam, war Stammkunde Ismet Ajdar, der sich sichtbar freute: „Vielen Dank“, sagte er. „Vielen Dank an den Tafelladen, schöne Weihnachten und ein gutes Leben.“

Ismet Ajdar ist einer von vielen Senioren, die in Armut leben. Ihre Zahl steigt. Auch in Waiblingen. „Ein Drittel unserer Kunden ist über 60“, schätzt Petra Off. Wobei die wirkliche Zahl der armen Rentner noch weit darüber liegen müsse: „Viele trauen sich gar nicht her, sind zu bescheiden und brauchen erst mal Begleitung“, weiß sie. Nanny Severin ergänzt: „Bei den Senioren ist die Scham, sich vor den Tafelladen zu stellen, besonders groß.“

Altersarmut ist schon jetzt bittere Realität

Auf die Zeitbombe Altersarmut hat jüngst auch der Paritätische Wohlfahrtsverband verwiesen. „Lange Zeit war das Armutsrisiko älterer Menschen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung unterdurchschnittlich“, so Dr. Joachim Rock, Rentenexperte des Paritätischen Gesamtverbands. Die Menschen konnten darauf hoffen, dass sie im Alter in der Regel einigermaßen abgesichert sind. Dies habe sich in den vergangenen zehn Jahren drastisch verändert: Die Armut von Rentnerinnen und Rentnern sei so stark gestiegen wie bei keiner anderen Bevölkerungsgruppe. „Altersarmut ist kein drohendes Problem am Horizont, sondern heute bereits bittere Realität“, sagt Rock.

Der Wandel der Arbeitswelt lässt Altersarmut in Deutschland steigen: Zu diesem Ergebnis kam jüngst eine Studie der Bertelsmannstiftung. Unbefristete Jobs über lange Jahre beim selben Arbeitgeber sind für viele Deutsche nicht mehr der Normalfall. Stattdessen arbeiten immer mehr Menschen mit befristeten Verträgen, in Mini-Jobs, erleben Phasen der Erwerbslosigkeit und niedrige Löhne. Das deutsche Rentensystem, so das Ergebnis der Studie, sei auf diesen Wandel der Arbeitswelt nicht ausreichend vorbereitet, das Altersarmutsrisiko steigt weiter. Die durchschnittliche Altersrente lag nach Angaben des Statistischen Bundesamts vor zwei Jahren für Männer bei 1056 Euro, für Frauen bei 634 Euro.

Frauen und Migranten sind besonders gefährdet

Kein Wunder, dass Frauen und Migranten besonders gefährdet sind, wie auch der städtische Seniorenreferent Holger Sköries sagt. Manche Migranten, die jetzt in Rente gehen, hätten Probleme, die Rente zu bekommen, die sie in den Heimatländern eingezahlt haben. Dass viele Frauen, deutsche wie ausländische, direkt in die Altersarmut schlittern, belegt auch die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage im Bundestag: Besonders Alleinerziehende seien von Altersarmut bedroht. Diese Frauen arbeiteten oft nur Teilzeit und stellten die berufliche Karriere zurück. Ähnlich ist das allerdings auch bei Müttern, die nach der Geburt ihres Kindes im Schnitt deutlich weniger arbeiten als ihre Partner. Fatal im Falle einer Scheidung.

In Waiblingen will sich der Stadtseniorenrat dem Thema Altersarmut im kommenden Jahr verstärkt widmen: „Wir wissen, Seniorenarmut ist ein Zukunftsproblem“, so Hartmut Lehmann.


Gitterboxen für den Tafelladen

Der Rotary-Club Waiblingen hat zusammen mit der Tafel in sechs Lebensmittelmärkten Gitterboxen aufgestellt, in die die Kunden Lebensmittel einlegen können, die sie im Markt gekauft haben und die sie den Tafel-Läden zur Verfügung stellen.

Der Rotary-Club ist überzeugt davon, dass jede Spende hilft. Lebensmittel seien Mittel zum Leben, wie es der Initiator und Projektverantwortliche des Clubs, Fritz Aupperle, formulierte. Deshalb will der Club weitere fünf Boxen in Lebensmittelmärkten aufstellen.

Zusätzlich sammeln die Mitglieder des Rotary-Clubs Waiblingen Geld bei den „Brezel-Abenden“, an denen sie sich im privaten Bereich treffen, kaufen damit Lebensmittel und spenden sie der Tafel in Waiblingen. Rotary-Club-Präsidentin Gaby Newman und Fritz Aupperle haben der Tafel jüngst 100 Spendentüten gefüllt mit verschiedenen Lebensmitteln im Wert von über 600 Euro übergeben.

In den kommenden Wochen stellen wir in unserer Serie weitere Mitarbeiter, Kunden und Angebote vor. Der Tafelladen in der Fronackerstraße steht Bedürftigen zum Einkaufen zur Verfügung. Öffnungszeiten sind montags, dienstags, mittwochs und freitags von 10 bis 12.30 Uhr, donnerstags von 10 bis 17 Uhr.


Die Waiblinger Tafel

Bisher erschienene Teile der Serie

  • Bewertung
    7
 

7 Kommentare

Kommentieren

  1. (Anschrift und E-Mail sind keine Pflichtangabe, allerdings können Kommentare ohne Angabe der vollständigen Adressdaten in der gedruckten Ausgabe leider nicht berücksichtigt werden. E-Mail, Straße und Nummer werden nicht veröffentlicht.)