„Ehrlich, glaubwürdig und transparent“ Wie Claus Vogt die Probleme des VfB anpacken will

Claus Vogt möchte beim VfB auch das Thema Klimaschutz anpacken und ist ein Verfechter der 50+1-Regelung. Foto: Pressefoto Baumann

Stuttgart.
Claus Vogt möchte der neue Präsident des VfB Stuttgart werden. Am 15. Dezember tritt der 50-jährige Unternehmer aus Waldenbuch auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung des Vereins gegen den Tübinger Buchhändler Christian Riethmüller (44) an. Im Interview mit unserer Redaktion bezieht Vogt klar Stellung zu den drängendsten Themen und Problemen rund um den größten Sportverein in Baden-Württemberg.

Wie sieht Ihre Vision aus? Was wollen Sie als Präsident mit dem VfB Stuttgart erreichen?

Claus Vogt: „Das Ziel ist es, den VfB wieder zu einer großen Familie zu machen. Man soll wieder mit Freude zum VfB gehen und gerne dazugehören. Dorthin ist es natürlich ein weiter Weg.“

Wo sehen Sie aktuell die größten Probleme des Vereins und wie wollen Sie diese lösen?

Claus Vogt: „Mir scheint, dass es einen großen Spalt zwischen Fans, Mitgliedern und dem Verein gab. Durch die Ausgliederung wurde diese Spaltung zwischen Verein und Kapitalgesellschaft vielleicht noch weiter vorangetrieben. Unter dem Strich überstrahlt der VfB aber alles. Das alles – also Fans, Verein, e.V. und Kapitalgesellschaft – wieder zusammenzuführen, ist jetzt der Hauptjob des neuen Präsidenten.

Wie wollen Sie diese Spaltung im Verein beenden bzw. Mitglieder und Verein wieder näher zusammenbringen?

Claus Vogt: „Man muss wieder schauen, was die Basis, die Fans und die Mitglieder bewegt. Wenn man das nicht macht – und ich glaube, das war ein Problem in der Vergangenheit -, dann gibt es keine Kommunikation mehr zwischen Fans, Mitgliedern und dem Verein. Um das wieder zu kitten, muss man ehrlich, glaubwürdig und transparent sein. Damit die Fans merken, da kommt jemand, nimmt uns ernst und bemüht sich, diese Themen umzusetzen. Und das wiederum wird nicht von heute auf morgen gehen. Egal wer Präsident wird: Die Welt in Stuttgart wird sich nicht von heute auf morgen verändern. Das ist ein Prozess – und der kann am 16. Dezember anfangen.“

Thema Mitgliederentwicklung: Wie sinnvoll ist es das von Ex-Präsident Wolfgang Dietrich ausgegebene Ziel, bis 2023 100 000 Mitglieder zu haben, weiter zu verfolgen?

Claus Vogt: „Ich wünsche mir natürlich, dass bei bei unserem VfB so viele Mitglieder wie nur möglich sind. Ich würde mir eine Million Mitglieder wünschen (lacht). Die Mitglieder sind das Fundament des Vereins – und je größer und breiter diese Basis ist, umso besser.“

Viele Mitglieder sehen sich allerdings durch die ständige Mitgliederwerbung nur noch als „Kunden“ und fühlen sich nicht mehr wertgeschätzt …

Claus Vogt: „… das kann ich verstehen. Ich würde mich dafür einsetzen, dass wir im e.V. nicht nur eine Hockey- und Tischtennis-Abteilung haben, sondern auch eine Fan-Abteilung. Dort haben aktive Fans dann eine Sparte, wo sie ernst genommen werden und Ansprechpartner haben. Das würde unseren aktiven Mitgliedern eine andere Wertschätzung geben. Ein gutes Beispiel dafür ist der 1. FSV Mainz 05. Dort gibt es eine eigene Abteilung, die sich um alle Fanbelange kümmert. Das ist ein gutes Modell.“

Wollen Sie sich generell mehr an anderen Vereinen orientieren, getreu dem Motto: „Lieber gut kopiert als schlecht selbstgemacht“?

Claus Vogt: „Es ist blauäugig zu denken, dass wir alles grundsätzlich besser können. Gerade im Fußball kann ich schauen, was machen die anderen Vereine – und, vor allem, was machen die erfolgreich? Davon können wir lernen. Gerade im Jugendbereich. Unser Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) muss wieder das führende in Baden-Württemberg werden. Damit keiner auf die Idee kommt, nach Freiburg, Hoffenheim oder irgendwo anders hinzugehen. Die Talente müssen wieder zu uns wollen! Ich muss keine Modelle von anderen Klubs kopieren, aber die Bereitschaft haben, auch von anderen zu lernen.“

Spielt dabei auch das Thema Klimaschutz eine Rolle? Die TSG Hoffenheim möchte beispielsweise ein klimaneutraler Verein werden.

Claus Vogt: „Natürlich! Ich komme aus dem Umweltschutzbereich. Mein Unternehmen kümmert sich bei vielen Firmen auch um den Klimaschutz. 2001 bin ich in Wien bereits als „Öko-Manager des Jahres“ ausgezeichnet worden Da rennt man bei mir offene Türen ein. Das Thema ist ein ganz wichtiger Bereich und auch hier muss der VfB schauen, was er sich als Ziel setzt. Jeder Konzern hat heutzutage einen eigenen Bereich für Nachhaltigkeit. Beim VfB ist das momentan noch nicht so sehr im Fokus. Das möchte ich gerne ändern.“

Thema Politik: Wie politisch darf/muss ein Verein im Jahr 2019 sein?

Claus Vogt: „Mit unseren rund 72 000 Mitgliedern haben wir einen Querschnitt der Gesellschaft in unserem Verein. Und da darf der Verein keinen politischen Schwerpunkt haben. Der Verein sollte möglichst unpolitisch sein. Wir wollen nicht aufgrund einer politischen Färbung des Vereins, ein Mitglied ausgrenzen“

Eine klare Positionierung gegen die AfD – wie sie 2017 der Präsident von Eintracht Frankfurt äußerte („Es kann niemand bei uns Mitglied sein, der diese Partei wählt“) – wird es also von Ihnen nicht geben?

Claus Vogt: „Ganz klar ist: Ich bin gegen Rechtsradikalismus, gegen Gewalt, gegen Missbrauch. Kurz: Gegen alles, was gegen das Gesetzt verstößt. Da hätten die Mitglieder mit mir einen Präsidenten, der auch ganz klar Flagge bekennt.“

Harter Themenwechsel: Was muss der zweite Investor mitbringen bzw. was geht überhaupt nicht?

Claus Vogt: „Für mich – sollte es mit der Wahl klappen – als oberstem Vertreter der Mitglieder ist wichtigste Ankerinvestor der e.V. und somit die Mitglieder. Daimler ist ein strategischer Investor und jetzt geht es um die zweite Tranche. Ich würde mir wünschen, dass wir es schaffen, eine regionale Mittelstandsbeteiligung hinzubekommen. Es gibt hier in der Region so viele gute Firmen. Jetzt haben wir schon einen Investor aus der Automobil-Branche und diese Mittelstandsbeteiligung könnte man jetzt strategisch aufbauen.“

Wie wird man für diese schwäbischen Mittelständler wieder attraktiv?

Claus Vogt: „Diese Unternehmen sind für den VfB eminent wichtig und das kann man ihnen signalisieren. Unter ihren Mitarbeitern gibt es viele VfB-Fans und viele wären stolz, wenn ihre Firma ein Teil der VfB-Familie wäre. Den Unternehmen in der Region muss man wieder eine andere Wertschätzung geben. Wenn man das nicht macht, muss man sich nicht wundern, wenn sie sich vom Verein abwenden.“

Thema 50+1: Wie stehen Sie zur Regelung?

Claus Vogt: „Ich setze mich schon seit Jahren bundesweit mit dem FC Playfair! für den Erhalt der Regelung ein. Ich bin ein klarer Verfechter von 50+1. Beim VfB haben wir 75+1 und da stehe ich voll dahinter. Die Regel ist momentan unsere rechtliche Grundlage. Sollte die eines Tages geändert werden, dann muss man die Mitglieder befragen.“

Thema Frauenfußball: Braucht der VfB Stuttgart eine Damen-Abteilung?

Claus Vogt: „Als Präsident vertritt man die aktuellen Abteilungen – und ein Ziel von mir wäre es natürlich auch, den Breitensport auszubauen. Es gibt hier in der Region viele Frauen, die Fußball spielen und/oder ins Stadion gehen. Der neue DFB-Präsident Fritz Keller sagt nicht umsonst: Jeder Bundesligist sollte eine Frauen-Abteilung haben. Ich habe diesbezüglich schon mit Vereinen Vorgespräche geführt, bin ein klarer Verfechter und hätte gerne Frauen-Fußball beim VfB. Ich stelle mir aber auch noch andere Abteilungen vor. Warum sollte es zum Beispiel nicht auch noch eine E-Sports-Abteilung für Amateure geben?“

Thema Stadionumbau und Infrastruktur am Neckarpark: Was muss sich hier tun, was sind die drängenden Probleme?

Claus Vogt: „Bleiben wir dazu noch ganz kurz beim Thema Frauenfußball: Die Vereine, mit denen ich schon Gespräche geführt habe, würden dort, wo sie aktuell trainieren und spielen, auch bleiben. Ganz grundsätzlich muss man sich in Stuttgart Gedanken machen zur Infrastruktur des Sports. Da muss man auch mal mit anderen Vereinen und der Stadt sprechen. Der Platz am Neckarpark ist einfach begrenzt. Stadion und Clubheim sind einfach gesetzt, aber bei den Trainingsanlagen muss man überlegen, ob man auch mal andere Wege geht.“

Thema Aufsichtsrat: Wie wollen Sie mit der streitbaren Personalie Wilfried Porth umgehen? 

Claus Vogt: „Ich kenne Herrn Porth nicht, habe noch nie mit ihm gesprochen, Insofern kann und darf ich mir keine Beurteilung erlauben. Unabhängig von Namen und Personen würde ich mir wünschen, dass einzelne Bereiche – wie zum Beispiel Finanzen oder Marketing – im Aufsichtsratsgremium einen direkten Ansprechpartner haben. Da sollte es eine klare Zuordnung geben. Ich würde mir im Aufsichtsrat noch mehr Sportkompetenz wünschen. Auch strategisch muss man sich überlegen, wie das Gremium künftig aussehen soll. Brauchen wir vielleicht künftig auch einen Bereich Internationalisierung, vielleicht einen Bereich Digitalisierung, vielleicht auch einen Bereich zum Thema Nachhaltigkeit?“

Thema Außendarstellung: Wie schafft es der Verein, wieder mit positiven Meldungen in die Schlagzeilen zu kommen?

Claus Vogt: „Ganz wichtig ist, dass man wieder Ruhe reinbringt, dass Vertrauen aufgebaut wird. Wir müssen die Erwartungshaltung der Fans und Mitglieder managen. Ein Präsident darf nicht sagen: Wir steigen jetzt auf und spielen in ein paar Jahren in der Champions League. In der Außendarstellung würde ich mich zurücknehmen. Wenn ich Präsident werden sollte und man irgendwann auf meine Amtszeit zurückblickt, sollen die Leute sagen: Der VfB stand im Mittelpunkt, nicht der Präsident. Also eher wie ein Rolf Königs in Gladbach - und nicht wie ein Uli Hoeneß in München.“

Zum Abschluss noch eine kurze Schnellfrage-Runde. Im Stadion: Steh- oder Sitzplatz?

Claus Vogt: „Mit dem Sohn in der Kurve, mit Geschäftspartnern im Businessbereich.“

Emotionaler Schreihals oder klassischer Bruddler?

Claus Vogt: „Ganz klar der emotionale Schreihals (lacht)“

Persönliche VfB-Legende?

Claus Vogt: „Asgeir Sigurvinsson. Ein echter Zehner. Einfach ein Traum!“

Ihr erstes Spiel im Stadion?

Claus Vogt: „1980, ein 3:1 im Neckarstadion gegen den 1. FC Köln. Karl Allgöwer hat Toni Schuhmacher bei einem Freistoß die Mütze vom Kopf ins Tor geschossen!“

Ihr schönstes VfB-Spiel?

Claus Vogt: „2001, der 2:1-Heimsieg gegen Manchester United in der Champions League.“

Die traditionelle „Sport-im-Dritten-Frage“: Spätzle oder Maultaschen?

Claus Vogt: „Spätzle mit Soß!“

Wer sollte neuer Bierpartner des VfB werden?

Claus Vogt: „Ich wünsche mir einen regionalen Brauer wie zum Beispiel Dinkelacker“

Wenn sie gewählt werden sollten: Wie und wo wird gefeiert?

Claus Vogt: „Mit den engsten Freunden dort, wo alles begann.“


Anmerkung der Redaktion: Ein ausführliches Interview mit dem zweiten Präsidentschaftskandidaten Christian Riethmüller erscheint voraussichtlich in der Woche nach dem Derby gegen den KSC (24.11.).


Zur Person

  • Name: Claus Günter Vogt
  • Geboren in: Nürtingen am Neckar
  • Geboren am: 12. August 1969
  • Wohnhaft in: Waldenbuch-Glashütte
  • VfB-Mitglied seit: 1984 über den Vater, seit 2005 die Kinder und seit 2015 mit der gesamten Familie
  • Privates/Hobbies: Familie, Freunde, Fußball, Golfen, Skifahren, Reisen, Menschen kennenlernen
  • Aktueller Beruf: Geschäftsführender Gesellschafter
  • Werdegang: Maschinenbau, Umweltschutztechnik Fachrichtung Verfahrenstechnik, Haniel Konzern, METRO Group, Intesia Group Holding
  • Weitere Ehrenämter: VfB-Mitglied im Ausschuss für Vereinsentwicklung, FC PlayFair! Initiator, Gründer und 1. Vorsitzender des Vereins für Integrität im Profifußball e.V.

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