Ehrung für Bild-Zeitung Eklat bei Henri Nannen-Preis

Zum wiederholten Male kam es bei der Verleihung des Henri-Nannen-Preises zu einem Eklat. Zwei Journalisten der Bild-Zeitung wurden für ihre investigative Recherche zu den Privatkrediten Christian Wulffs ausgezeichnet. Drei gleichzeitig geehrte Reporter der Süddeutschen Zeitung verweigerten daraufhin die Annahme des Preises.

Der Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr und sein Magazin Stern verleihen seit inzwischen acht Jahren die mit 35 000 Euro dotierten Preise, mit denen die "besten journalistischen Arbeiten in deutscher Sprache" geehrt werden sollen. Namensgeber ist der einstige Stern-Gründer Henri Nannen (ndr.de). Die diesjährige Nominierung der Bild-Redakteure erfuhr bereits im Vorfeld Kritik. Antje Vollmer von den Grünen etwa warnte vor einer möglichen Wahl als „Ritterschlag mit Zugang zur Artus-Runde“.

Geehrt wurden die Bild-Autoren Nikolaus Harbusch und Martin Heidemanns schließlich für den Beitrag „Wirbel um Privatkredit - Hat Wulff das Parlament getäuscht?“. Der Artikel war Ausgangspunkt der Diskussionen um die Glaubwürdigkeit des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, die schließlich zu seinem Rücktritt führten. Der Preis für Hans Leyendecker, Klaus Ott und Nicolas Richter von der Süddeutschen Zeitung wurde direkt im Anschluss vergeben. Sie sollten geehrt werden für die Aufdeckung der so genannten „Formel 1-Affäre“ (spiegel.de) bei der Bayerischen Landesbank. Doch Leyendecker lehnte den Preis stellvertretend ab. Er respektiere die Entscheidung der Jury, wolle aber nicht am selben Tag geehrt werden wie die Reporter der Bild. Er bezeichnete die Auszeichnung als "ein bisschen einen Kulturbruch".

Bereits im Vorjahr kam es bei der Preisverleihung zum Eklat. Einem Spiegel-Redakteur wurde der Preis wieder aberkannt, nachdem er es in einem Porträt über Horst Seehofer mit den Fakten nicht allzu ernst genommen hatte. Er beschrieb den bayerischen Ministerpräsidenten in seinem Modelleisenbahn-Keller, obwohl er persönlich nie dort gewesen war. Die Aberkennung hatte damals teils heftige Kritik (ndr.de) hervorgerufen.


Quelle: Youtube.

Gespaltene Reaktionen auf Leyendeckers Ablehnung

Auch die Preisverleihung am Freitagabend wird kontrovers bewertet. Dabei sind die Reaktionen der Journalisten-Kollegen auf Leyendeckers Eklat gespalten (newsroom.de). Nora Gantenbrink, freie Journalistin, fragt: "Wenn der Kulturbruch so groß ist und die SZ-Redakteure so konsequent, warum haben sie die Preisverleihung dann nicht von Anfang an boykottiert?" Ihre Antwort: "Vielleicht für die Show, für den Auftritt der Verweigerung und die Zuschaustellung ihrer moralischen Überlegenheit." Christian Lindner, Chefredakteur der Rhein-Zeitung kritisiert die Ablehnung des Preises, sie zeuge "von elitärem und damit überheblichem Denken bei der Süddeutschen Zeitung". Auch der NDR-Reporter Christoph Lütgert kritisiert Leyendecker, denn mit der Preisverleihung "würde nicht die Bild als Ganzes, sondern die Arbeit der Reporter im Speziellen geehrt".

Sven Hansen von der taz hingegen meint: "Der ausgezeichnete Bild-Artikel mag für sich allein genommen den Henri verdient haben, doch passt der Preis nicht, wenn Bild zuvor etliche Texte über Herrn Wulff schrieb, die vor allem PR und weniger investigative Recherche waren." Eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung schlägt in die selbe Kerbe. Die Autoren untersuchen die jahrelange Beziehung zwischen Bild und Christian Wulff. Dabei unterscheiden sie eine Jubel-, eine Wechsel und eine Wirbelphase. Über die Jubelphase (2006 bis Dezember 2011) heißt es dort etwa: "Die Nähe zu Wulff und der Jubel über Wulff gehen bei der Inszenierung ineinander über, denn "Bild“ erkauft sich die Nähe mit dem Jubel.“ In der Wechselphase, die mit dem prämierten Artikel eingeläutet wurde, finde eine behutsame Distanzierung statt, die nach dem wütenden Anruf des Bundespräsidenten auf den Anrufbeantworter des Bild-Chefredakteurs in eine Wirbelphase umschlägt. Die Boulevardzeitung habe es geschickt verstanden, sich als Vorkämpfer der Pressefreiheit zu inszenieren und habe davon profitiert, Christian Wulff erst hoch- und schließlich niedergeschrieben zu haben.

Freitag-Herausgeber Jakob Augstein kritisiert im Spiegel diese Sichtweise und konstatiert eine allgemeine Entwicklung im Journalismus, für die der Preis nur ein Symptom sei: So wie die Bild sich den Qualitätszeitungen annähere und mehr auf investigative Recherche setze, bedienten sich diese vermehrt boulevardesker Methoden: "Das berüchtigte Mittel der Personalisierung macht längst nicht mehr nur in bunten Blättern die Geschichten zugänglicher - und oberflächlicher. Und längst kosten auch andere als das "Drecksblatt" ("SZ"-Preisverächter Hans Leyendecker über "Bild") die süße Frucht der Bedeutung und das bittere Gift der Anmaßung, die im Kampagnenjournalismus liegen." 

Der Henri Nannen Preis 2012 wurde verliehen an:

 

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