Ein Tagesvater aus Welzheim erzählt „Vieles habe ich bei meinen eigenen Kindern nicht so gemacht“

Glücklich über ihren beruflichen Neuanfang: Rainer und Jutta Böhnlein aus Welzheim arbeiten als Tagesmutter und -vater. Foto: ZVW/Mathias Ellwanger

Welzheim. Seit zwei Jahren kommen in das Haus der Welzheimer Familie Böhnlein Tageskinder. Insgesamt zehn Jungen und Mädchen verbringen dort ihre Zeit. Dass sie bei Rainer und Jutta Böhnlein gut aufgehoben sind, dafür sorgt auch eine umfangreiche begleitende Qualifizierung. Die beiden finden gut, dass diese nun ausgebaut werden soll.

Rainer Böhnlein war in seinem Berufsleben schon vieles. Er hat einen Handwerksberuf erlernt (Bäcker), sich dann als Betriebswirt weiterqualifiziert zum Logistiker, gearbeitet als Fertigungsleiter, und nicht zuletzt ist er als Dozent am Berufsausbildungswerk tätig. Und immer war da auch die Arbeit mit Kindern. Schon als Jugendlicher hat er sich bei den christlichen Pfadfindern engagiert, hat dort seit vielen Jahren mit jungen Menschen zu tun. „Ich hab' viele aufwachsen gesehen – und mitbekommen, wie aus den größten Chaoten wertvolle Erwachsene wurden“, sagt er. Eine Erfahrung, die ihm in seinem neuen Beruf oft helfe.

Seit zwei Jahren arbeitet der Welzheimer nämlich als Tagesvater. Erst alleine, inzwischen macht auch seine Frau Jutta mit. „Ich konnte gar nicht anders“, sagt sie und lacht, „die Kinder waren ja eh schon da.“ Als Krankenschwester und Mutter fiel ihr die Umstellung auf die neue Tätigkeit allerdings nicht allzu schwer.

"Spielsachen gibt es hier ganz bewusst wenige"

Dass die beiden beruflich noch einmal etwas Neues wagten, daran seien ein Stück weit die eigenen Kinder schuld. Als die nämlich aus dem Haus waren und auch der Großvater nicht mehr lebte, da überlegten sich die Böhnleins, was sie mit dem Haus und dem großen Garten, den sie nun für sich alleine hatten, anfangen könnten. Und kamen dabei auf die Idee, eine Tagespflegestelle daraus zu machen.

Eine, die viel Platz für Kreativität bietet. „Spielsachen gibt es hier bewusst wenige“, sagt Böhnlein. Dafür jede Menge Kartonagen, Paletten, Hölzer. Auch der Maibaum von Breitenfürst liegt, seit er abgebaut wurde, hier im Garten. Daraus soll eine Umrahmung für den Sandkasten werden. Im Moment eignet er sich aber auch ganz wunderbar als Wippe.

Große Ruhe ausstrahlen können – das ist auch ein gutes Stück Arbeit

Während des Gesprächs spielen im Garten Kinder. Ein Junge macht ein Lagerfeuer in einer Schale. Andere turnen auf selbst gebastelten Holzkonstruktionen. Die Stimmung ist entspannt.

Auch Tagesvater und -mutter strahlen eine große Ruhe aus. Doch was so leicht wirkt, ist auch ein gutes Stück Arbeit gewesen, berichten die beiden. „Vieles habe ich bei meinen eigenen Kindern nicht so gemacht“, sagt Böhnlein. „Ich merke, dass die Qualifizierung mein Handeln beeinflusst hat.“ 160 Einheiten muss jeder absolvieren, der Tagesvater oder -mutter sein möchte. Ein umfangreicher Erste-Hilfe-Kurs sowie die ersten 40 Einheiten sind Voraussetzung, um eine Pflegeerlaubnis zu bekommen. Die restlichen Kurse müssen innerhalb von zwei Jahren durchgeführt werden.

Rainer Böhnlein kann dem nur Gutes abgewinnen. In den Kursen ging es für ihn vornehmlich um die Fragen: „Wie gehe ich den Dingen auf den Grund? Wie kann ich helfen? Und wie Probleme lösen?“ Die Qualifizierung habe ihm vor allem eine andere Perspektive gegeben.

"Bei fremden Kindern hat man oft ganz andere Fragen"

Seine Frau Jutta, die bisher noch nicht alle Einheiten durchhat, ergänzt: „Das bringt neue Denkansätze. Da wird einem plötzlich einiges klar.“ Intuitiv mache man zwar vieles richtig. „Aber bei fremden Kindern hat man oft ganz andere Fragen.“ Wichtig sei ein möglichst entspanntes Herangehen, da sind sich die beiden einig. Sie würden sich manchmal wünschen, das noch mal an den eigenen Kindern ausprobieren zu können.

Was den beiden natürlich besonders hilft, ist die Möglichkeit, gemeinsam über ihre Arbeit sprechen zu können. „Wir tauschen uns häufig gemeinsam auf dem Schaukelstuhl aus“, sagt Böhnlein, der die Zusammenarbeit mit seiner Frau schätzt: „Ich merke die Handschrift von Jutta.“

Auch nach den 160 Einheiten ist die Qualifizierung übrigens noch lange nicht abgeschlossen. Pro Jahr kommen 15 weitere hinzu, der Erste-Hilfe-Kurs muss alle zwei Jahre aufgefrischt werden.

Die Qualifizierung wird in den kommenden Jahren stark ausgebaut

Ab dem Jahr 2021 soll das Qualifizierungsprogramm noch einmal deutlich ausgeweitet werden. Denn auch der Gesetzgeber hält Tagesmütter und -väter für immer wichtiger. Weil der Bedarf an Betreuungsplätzen hoch ist. Und sie sich flexibler an die Bedürfnisse der Familien anpassen können als eine Kita, indem sie etwa auch Randzeiten abdecken.

Auf Bundesebene läuft gerade das Modellprojekt „Pro Kindertagespflege“, an dem auch der Rems-Murr-Kreis teilnimmt. Damit soll die Betreuung auf ein festeres Fundament gestellt werden. Dazu gehört auch eine breitere Qualifizierung.

300 Unterrichtseinheiten sind künftig verpflichtend notwendig. Unter anderem Themen wie Inklusion, Eltern-Coaching, Erziehungspartnerschaft oder der Übergang in die Pubertät sollen dabei zur Sprache kommen.

"Das war die bisher beste Berufsentscheidung meines Lebens"

„Ich finde das gut“, sagt Rainer Böhnlein. Auch wenn es manch einen vielleicht abschrecke, hält er es nicht nur für absolut sinnvoll. Er findet sogar: „Mich beflügelt das.“ Wer einen anderen Beruf erlerne, müsse ja auch drei oder vier Jahre Ausbildungszeit in Kauf nehmen.

Bislang lag ihm der Fokus bei den Kursen etwas zu sehr auf dem Umgang mit den Kleineren. Der Welzheimer freut sich deshalb vor allem darauf, künftig mehr zu erfahren über die Arbeit mit älteren Kindern.

Und eines sei ohnehin sicher: „Das war bisher die beste Berufsentscheidung meines Lebens.“


Wer darf Tagesmutter oder -vater werden?

Eine Erlaubnis für Kindertagespflege vom Jugendamt erhält nur, wer ...
 

  • ... sich als geeignet erweist, das heißt, etwa ausreichende Sprachkenntnisse aufweist und die Tätigkeit aus nachvollziehbaren Gründen ergreifen möchte.
  • ... einen Erste-Hilfe-Kurs für Säuglinge und Kleinkinder absolviert hat, der alle zwei Jahre aufgefrischt werden muss.
  • ... eine ärztliche Unbedenklichkeitsbescheinigung vorweisen kann.
  • ... in seinem erweiterten Führungszeugnis (so wie Erzieherinnen in einer Kita) keine Einträge hat.
  • ... insgesamt 160 (kostenlose) Unterrichtseinheiten absolviert – davon müssen aber noch nicht alle besucht sein, bevor mit der Pflegetätigkeit begonnen wird.
  • ... hierfür die passenden räumlichen Gegebenheiten vorweisen kann. Der Haushalt muss etwa kindgerecht gesichert sein (Putzmittel dürfen nicht in greifbarer Nähe sein, Steckdosen gehören gesichert).

Im Rems-Murr-Kreis gibt es laut Landratsamt rund 370 Tagesmütter und -väter, die rund 1200 Kinder betreuen.

Die Zahl der Tageseltern ist relativ konstant, aber die Zahl der betreuten Kinder, und damit auch der Betreuungsschlüssel, hat in den letzten Jahren zugenommen. Dieser liegt derzeit bei rund 3,4 Kindern pro Tageselternperson.

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