"Eine Busfahrt in den Tod" Film über NS-Opfer aus der Diakonie Stetten

In grauen Bussen wurden Menschen mit Behinderung im Jahr 1940 von der Diakonie Stetten nach Grafeneck auf der Schwäbischen Alb gebracht, wo sie von den Nazis getötet wurden. Foto: Diakonie Stetten

Kernen-Stetten. Hunderte Menschen mit Behinderung aus Stetten haben die Nazis in Grafeneck aus dem Jahr 1940 ermordet. Der mittlerweile elfte Film aus der Reihe „Projekt Dorfgedächtnis“ von Ebbe Kögel, Hans-Martin Fischer und Evy Kunze beschäftigt sich mit diesen Gräueltaten. Zum Gedenktag für die Opfer der NS-Diktatur wurde die Dokumentation in der Diakonie Stetten präsentiert.

Die Filme der Allmende Stetten finden eine immer größere Resonanz. Darüber freut sich der Verein in einem Pressebericht. Demnach konnte Nancy Bullard-Werner, die Pfarrerin der Schlossgemeinde, zum nationalen Gedenktag für die Opfer der NS-Diktatur über 150 Gäste in der Kapelle der Diakonie Stetten begrüßen. Die Filmemacher Ebbe Kögel, Hans-Martin Fischer und Evy Kunze präsentierten den elften Film aus der Reihe „Projekt Dorfgedächtnis“. Die 40-minütige Dokumentation „Stetten.Grafeneck.1940 – Eine Busfahrt in den Tod“ führte das Publikum zurück in die Zeit der NS-Diktatur, als die Anstalt in Stetten zur Zielscheibe der Vernichtungspolitik der Nazis gegen kranke und behinderte Menschen wurde. In der Rassenlehre wurden diese als „unnütze Fresser“ und „Volksschädlinge“ bezeichnet, für die es keinen Platz in der „Volksgemeinschaft“ gebe. Sie sollten beseitigt werden, um staatliche Gelder freizusetzen für die militärische Aufrüstung.

Die Mordprogramme starteten 1940, kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, als die Kriegsbegeisterung der Bevölkerung auf ihrem Höhepunkt war. Die Nazibürokraten, die von der Tiergartenstraße in Berlin aus (Tarnname: „Aktion T 4“) die Massenmorde planten, hatten die durchaus berechtigte Hoffnung, dass sie so weitgehend ungestört ihres Amtes walten konnten.


Ein Denkmal der grauen Busse der "Aktion T4" machte bis August 2017 vor dem ZfP in Winnenden Station.


403 Menschen in Grafeneck vergast

Die ersten Todesopfer aus Stetten waren im Mai 1940 70 Frauen aus der Epilepsieanstalt Kork bei Kehl, die 1939 wegen der Kriegsvorbereitungen für den Frankreichfeldzug nach Stetten evakuiert worden waren. Im Herbst folgten sechs weitere Transporte. Insgesamt 403 Menschen mit Behinderung wurden in der extra geschaffenen Tötungsanstalt Grafeneck auf der Schwäbischen Alb vergast.

In Interviews berichten Zeitzeugen aus dem Dorf, wie sie damals als Kinder die Ankunft der grauen Busse beobachteten und wie die Menschen, zum Teil mit Gewalt, in Fahrzeuge verfrachtet und abtransportiert wurden. Alfred Wörner, Sohn eines Omnibusunternehmers aus der Nachbarschaft, erinnert sich an das markante Geräusch der Zweitaktmotoren der Busse. Günter Lang, dessen Vater ein Kolonialwarengeschäft gegenüber der evangelischen Kirche betrieb, erzählt sichtlich betroffen, dass zwei ihm bekannte Menschen mit Behinderung, die immer zum Einkaufen zu seinem Vater kamen, in ihren Laden flüchteten und dann vom Betreuungspersonal in die wartenden Busse gezerrt wurden. Dem protestierenden Vater wurde beschieden, er käme auch mit, wenn er seine Klappe nicht hielte, es gebe noch freie Plätze. Else Schützinger und Lore Kellner berichten von erfolgreichen Rettungsaktionen.


Zu drei Einzelschicksalen aus dem Rems-Murr-Kreis gibt es noch zum Teil sehr detaillierte Informationen und Dokumente:

Anna Rauch aus der Diakonie Stetten, der wegen ihrer Epilepsie von den Nazis ihr Recht auf Leben abgesprochen wurde.

Paul Wagner aus der Paulinenpflege, der wahrscheinlich wegen seines fast lebenslangen Heimaufenthalts und seiner eher geringen Fähigkeit zur Arbeitsleistung auffiel und kurze Zeit von einem der grauen Busse abgeholt wurde.

Maria Anna Fetzner aus der Heilanstalt Winnental, die kurz nach der Geburt ihres Sohnes eingewiesen wurde und deren sehnlichster, aber nie erfüllter Wunsch war, zu ihm zurückzukehren.


Beeindruckende Gedenkaktion

Der Film erinnert auch an die beeindruckende Gedenkaktion vom November 2010, als zwischen Kirche und Schloss 403 Stühle aufgestellt wurden, mit Stoffüberzügen, auf denen Namen und Lebensdaten der Ermordeten aufgedruckt waren. Die Diskussion nach der Vorführung drehte sich um die Frage der Schuld der damals Verantwortlichen und ob die Nachgeborenen das Recht haben, diejenigen zu verurteilen, die damals – aus unserer heutigen Sicht – nicht ausreichend Widerstand geleistet haben.

Der Film endet mit einem Appell des 2013 verstorbenen Stetteners Fritz Herzog, der betont, welch wichtige Arbeit die Diakonie im Ort leistet. Dem schloss sich der Allmende-Vorsitzende Ebbe Kögel in seinem Abschiedswort an. Menschenrechte gelten auch für Menschen mit Behinderung – es sei wichtig, sich dafür einzusetzen.

Info

Die Filme der Allmende können als DVD käuflich erworben werden, per Mail an info@allmende-stetten.de oder 07151/42866.

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