„Eine nie da gewesene Krisensituation“ Das Coronavirus und die Folgen für den VfB Stuttgart

Auch der VfB Stuttgart wird durch die Corona-Krise wirtschaftlichen Schaden nehmen. Foto: ZVW/Rebecca Büttner

Stuttgart.
Leere Stadien, einsame Trainingsplätze, keine Autogramme, keine Fotos mit Fans: Das Coronavirus nimmt auch dem Fußball seine Normalität. Der Spiel- und Trainingsbetrieb ist ausgesetzt. Es herrscht Unsicherheit, wie und wann es weitergeht. Wirtschaftlich wird die Krise auch den VfB Stuttgart hart treffen. Wie groß sind die zu erwartenden Verluste? Kann der Verein seinen Profis das Gehalt kürzen und wie stehen die Schwaben zum Thema Gehaltsverzicht? Ein Überblick zur aktuellen Lage rund um den Traditionsclub aus Bad Cannstatt.

Wie groß ist der zu erwartende finanzielle Schaden?

Am Montag trafen sich die 36 Proficlubs zu einem Krisentreffen. Im Anschluss an die Tagung in einem Frankfurter Flughafenhotel sagte VfB-Vorstandsboss Thomas Hitzlsperger gegenüber der Stuttgarter Zeitung: „Der VfB befindet sich wie der gesamte nationale und internationale Profisport in einer nie da gewesenen Krisensituation.“ Laut Professor Christoph Breuer, dem Leiter des Instituts für Sportökonomie und Sportmanagement an der Deutschen Sporthochschule Köln, besteht für manche Vereine „eine reale Insolvenzgefahr.“ Dem Spiegel sagte er: „Die Finanzpolster der Klubs sind stark unterschiedlich ausgeprägt. Wenn ein Verein jetzt schon rote Zahlen schreibt, können Spielausfälle schnell zum Genickbruch führen.“ Der VfB steht aktuell wirtschaftlich gut da. Durch die Corona-Krise wird der Verein allerdings viel Geld verlieren:  

  • TV-Gelder: In der 2. Liga erhält der VfB 26 Millionen Euro Fernsehgelder. Finden die noch ausstehenden neun Spieltage nicht statt, fehlen dem Verein 6,5 Millionen Euro.
  • Ticketing: Sollten die letzten vier Heimspiele in der Mercedes-Benz-Arena vor leeren Rängen ausgetragen werden, schlägt sich das mit einem Minus bis zu fünf Millionen Euro nieder.
  • Sponsorenverträge und Business-Seats: Diese Verträge mit diversen Partnern der Stuttgarter wurden für 34 Spieltage konzipiert. Wird die Saison vorzeitig beendet, sinken die Einnahmen um bis zu sieben Millionen Euro.

Wird die Saison zu Ende gespielt?

Um einen kompletten Abbruch der Spielzeit zu verhindern, spielt die Deutsche Fußball Liga (DFL) auf Zeit. „Wir brauchen Zeit, um Erfahrungen zu sammeln und die richtigen Entscheidungen zu treffen“, so DFL-Geschäftsführer Christian Seifert. Die nächste Krisensitzung ist für den 30. März terminiert. Seifert mahnte allerdings bereits an: „Wir sind noch ganz weit davon entfernt, über eine Fortführung der Bundesliga nachdenken zu können.“ Der Spielbetrieb in der 1. und 2. Bundesliga ist vorläufig bis zum 2. April ausgesetzt, Partien vor Ostern sind allein aufgrund behördlicher Verordnungen aber praktisch unmöglich. Allen Zweitligisten fehlen noch neun Spieltage. Der reguläre, wie auch immer zustande gekommene Abschluss der Saison ist für viele Vereine überlebenswichtig - nur dann werden alle vereinbarten Gelder ausgeschüttet. Es geht um mehrere Hundert Millionen Euro.

Die Termin-Rechnung ist grundsätzlich einfach: Wird Ende April, Anfang Mai wieder gespielt, sollte die Spielzeit bis zum Saisonende am 30. Juni geschafft werden können. Auch wenn sich die Fans auf Geisterspiele und fast ausschließlich englische Wochen einstellen müssen. Je weiter der Neustart in den Sommer rückt, desto schwieriger wird es. Zumindest was das geplante Saisonende angeht. Die neue Bundesliga-Saison 2020/21 soll eigentlich an 21. August beginnen, die 2. Liga schon am 31. Juli.

Ein weiteres Problem ist der 30. Juni. Der Tag im Hochsommer gilt seit Jahrzehnten als Schlusspunkt der Saison. Die Verträge der Spieler werden fast ausschließlich bis zum 30. Juni ausgehandelt, gleiches gilt für etliche Sponsoren- und TV-Verträge. Deshalb scheint der Termin in Stein gemeißelt. Aber dann kam das Coronavirus. Wenn nötig, werden sich Ligen und Clubs Lösungen einfallen lassen, auch noch den Juli nutzen zu können, der ansonsten (ohne WM oder EM) als Sommerpause dient. „Wir wissen, dass wir den Juni und theoretisch sogar bis in den Juli hinein planen können“, sagte Seifert.

Was machen die Spieler und Mitarbeiter in der Zwangspause?

Aktuell findet in Bad Cannstatt kein Mannschaftstraining statt. Durch eine Verordnung der Stadt Stuttgart ist der gesamte Trainings- und Sportbetrieb in der Landeshauptstadt untersagt. Die VfB-Profis arbeiten seit Samstag zuhause mit individuelle Trainingsplänen. Ein Großteil der rund 250 Vereinsmitarbeiter – unter anderem auch Sportdirektor Sven Mislintat – arbeitet im Home-Office.

Wann wird der Trainingsbetrieb wieder aufgenommen?

Der Liga-Spielbetrieb ist mindestens bis zum 2. April ausgesetzt, das Verbot des gesamten Trainings- und Sportbetriebs in Stuttgart gilt laut der offiziellen Verfügung zunächst „bis auf Widerruf“. Vorerst wird also auch an den Trainingsanlagen an der Mercedesstraße der Ball ruhen. „Wir müssen die Nachrichtenlage abwarten. Ich finde, dass der Fußball genau das zu tun hat, was die Bevölkerung auch tut: nach Hause zu gehen und große Ansammlungen zu vermeiden“, sagt Thomas Hitzlsperger. Mit einer Ausnahmegenehmigung könnten die Stuttgarter den Trainingsbetrieb trotz des allgemeinen Verbots wieder aufnehmen. „Ausnahmen von den Regelungen […] erteilt das Amt für öffentliche Ordnung in begründeten Einzelfällen“, so die Stadt. 

Derweil hat das Sozialministerium Entwarnung gegeben, dass es im Land nicht zu einer kompletten Sport- und Bundesliga-Pause bis Mitte Juni kommen muss. Derzeit gilt eine Verordnung der grün-schwarzen Landesregierung mit konkreten Vorgaben, die grundsätzlich erst einmal bis zum 15. Juni in Kraft sein sollen. Das betrifft auch die Sportanlagen und damit auch Arenen der Bundesligisten 1899 Hoffenheim und SC Freiburg sowie der Zweitligisten aus Stuttgart, Karlsruhe, Sandhausen und Heidenheim. "Wir stellen die Maßnahme jeden Tag aufs Neue auf den Prüfstand. Wir können es jeden Tag aufheben, wenn es verantwortbar ist", sagte Sprecher Markus Jox am Donnerstag. 

Kann der Verein das Gehalt der Spieler kürzen?

Die Fußball-Clubs sind bei Gehaltseinsparungen auf den Goodwill der Spieler angewiesen. "Einseitige Gehaltskürzungen sind nicht möglich", sagte Arbeitsrechtler Lennard Martin Lürwer im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. Auch Gehaltsstundungen oder die Durchsetzung von Kurzarbeit gehen nur über eine "individuelle Vereinbarung mit dem Spieler." Auf die Verbände kommt bei einer Verlängerung der Saison bis in den Juli hinein das Problem zu, dass sie ihre Lizenzordnung ändern müssten. Denn die Spielerverträge laufen in dem "starren Befristungsrahmen" gewöhnlich immer bis zum 30. Juni. Doch auch bei einer Saisonverlängerung können die Clubs nicht einfach auslaufende Verträge einseitig um vier Wochen ausdehnen.

Interessant ist der juristische Fall, sollten Clubs über das Infektionsschutzgesetz Erstattungsansprüche gegenüber den Behörden geltend machen, wenn sich Spieler in Quarantäne befinden. "Für mich scheint es schwer vorstellbar, dass die Behörden für sechs Wochen das volle Gehalt eines Profifußballers zahlen, das - auf das Jahr gesehen - im hohen Millionenbereich liegt. Rein formal betrachtet, müsste es aber so sein", so Lürwer.

Stichwort Gehaltsverzicht: Was können die Profis beitragen?

Bundestrainer Joachim Löw, DFB-Direktor Oliver Bierhoff und BVB-Chef Hans-Joachim Watzke gehen mit gutem Beispiel voran. Gegenüber DFB-Präsident Fritz Keller haben Löw und Bierhoff ihre Bereitschaft angedeutet, auf einen Teil ihres Gehaltes verzichten zu wollen. Watzke hat, so hat es der Kicker aus Dortmunder Vereinskreisen erfahren, eine Reduzierung seines Gehalts von einem Drittel vorgeschlagen - so lange der Ball in der Bundesliga nicht rollt.

Anfang der Woche hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder den Solidaritätsbeitrag der Profis ins Spiel gebracht. Der CSU-Politiker sagte, er fände es in Ordnung, wenn viele derjenigen Spieler, "die ganz große Gehälter bekommen", ihren Arbeitgebern gegenüber nun etwas zurückhaltender wären. In Fußball-Deutschland war schon zuvor eine Diskussion über die Solidarität der Profis entbrannt. Forderungen, wonach hoch bezahlte Stars in den schweren Zeiten der Corona-Pandemie auf Teile ihres Gehalt verzichten sollen, erregen Aufsehen. "Was Markus Söder gesagt hat, ist das, was viele Menschen denken", meint DFL-Chef Christian Seifert. Er wisse "von Clubs, die längst mit ihren Spielern darüber sprechen und vielleicht schon umgesetzt haben. Viele Akteure müssen ihren Beitrag leisten." 

Die Nationalspieler haben die Zeichen der Zeit verstanden. Mehr als zwei Millionen Euro hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft für soziale Zwecke gespendet - und die Fans aufgerufen, sich ebenfalls zu engagieren. "Wir müssen in solchen Zeiten aufeinander schauen - wir haben uns auch unsere Gedanken gemacht und spenden für einen guten Zweck 2,5 Millionen Euro", so Nationalmannschaftskapitän Manuel Neuer. 

Von der Stuttgarter Zeitung auf das Thema Gehaltsverzicht angesprochen sagte VfB-Vorstandsboss Thomas Hitzlsperger am Donnerstag: "Wir werden nichts unversucht lassen, diese Krise gemeinsam zu überstehen." Man wolle die Profis zunächst "ausführlich über die Gesamtsituation, und im besonderen die Lage des VfB, informieren". Er selbst wolle bei diesem Thema "vorangehen".

Welche Hilfsangebote unterstützt der VfB?

Der VfB Stuttgart unterstützt aktiv die von den Ultras vom "Schwabensturm 02" initiierte Hilfsaktion. So hat beispielsweise Präsident Claus Vogt den Fans ein Auto zur Verfügung gestellt, damit diese für Ältere und andere Risikogruppen Einkäufe erledigen können. In den sozialen Netzwerken weist der Verein über seine Kanäle auf andere Hilfsangebote und die Hygiene-Regelungen hin. Zudem bietet der Club seine App "Trickkiste" künftig kostenlos an. Hier bekommen Kinder und Jugendliche von den VfB-Stars Tipps und Tricks gezeigt.   


Neue Podcast-Folge 

Die Corona-Krise und die Folgen für den VfB Stuttgart wurden auch in unserem Podcast "Wir reden über den VfB" diskutiert. Gibt es noch Hoffnung auf eine Fortsetzung der Saison? Und was passiert, wenn der laufende Wettbewerb annulliert wird? Ein weiteres Jahr zweite Bundesliga und Geisterspiele? Müssen die Spieler auf Gehälter verzichten? Darüber spricht Frank Nipkau mit VfB-Reporter Danny Galm. Die neuste Ausgabe finden Sie bei Spotify, Apple-Podcast und auf zvw.de/podcast/vfb.

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