„Eine schicksalhafte Begegnung“ Seltenes Urteil nach Unfall auf B29 bei Remshalden

Kein schönes Bild bot sich den Rettungskräften nach dem Unfall auf der B 29 bei Geradstetten am Abend des 8. Juli 2017. Foto: Benjamin Beytekin

Schorndorf/Remshalden. Lässt sich Schicksal in gutachterlich-technische und juristische Kategorien fassen? Schwerlich. Das hat jetzt eine Verhandlung vor dem Amtsgericht gezeigt, bei der von Seiten des Gerichts nur ein kaum messbares Maß an Schuld bei einer 40-jährigen Autofahrerin festgestellt wurde. Diese war am 8. Juli 2017 im Bereich der B-29-Ausfahrt Remshalden-Geradstetten auf einen Twingo, der am rechten Fahrstreifen stand, aufgefahren. Die 26-jährige Fahrerin des Kleinwagens ist seither querschnittsgelähmt.

Ganz nüchtern betrachtet, ist an jenem sonnigen Sommer-Samstagabend gegen 20.45 Uhr Folgendes passiert: Die 40-Jährige, die noch zwei Kinder im Auto hatte, die den späteren Unfall leicht verletzt überstanden, war ganz entspannt und nicht übertrieben schnell mit etwa 90 km/h von Waiblingen nach Schorndorf unterwegs und wurde zwischen Weinstadt und Geradstetten von einer 23-Jährigen überholt, die vor ihr wieder einscherte und ihr damit auch die Sicht auf das nahm, was im Bereich der Ausfahrt Geradstetten passiert war.

Der 26-jährigen Twingo-Fahrerin war der Motor ausgegangen

Dort stand nämlich auf der rechten Fahrbahn der Twingo der 26-Jährigen, der während der Fahrt und aus gutachterlich nicht mehr zu klärender Ursache der Motor ausgegangen war. Und während die hinter ihr fahrende 23-Jährige einen Aufprall auf das stehende Fahrzeug noch um Haaresbreite hatte vermeiden können, registrierte die hinter ihr fahrende 40-Jährige den Twingo erst so spät, dass es ihr zum Ausweichen nicht mehr reichte. Sie prallte mit ihrem (größeren) Wagen auf den Kleinwagen der noch in ihrem Auto sitzenden 26-Jährigen, die es ihrerseits nur noch geschafft hatte, die Warnblinkanlage einzuschalten, die aber wohl auch wegen der starken Sonneneinstrahlung nur schlecht zu erkennen war.

Nicht geklärt werden sowohl in den polizeilichen Vernehmungen als auch vor Gericht konnte, warum die 26-Jährige ihr langsamer werdendes Fahrzeug nicht auf die Ausfahrspur gezogen hat, wo vermutlich selbst dann weniger passiert wäre, wenn die nicht ganz frei gewesen wäre. Zwischenzeitlich stand deshalb sogar ein Verfahren wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr im Raum, das aber wegen der Schwere der Unfallfolgen eingestellt wurde.

„Mein Körper besteht nur noch aus Schmerzen“

Dafür erhielt die 40-Jährige einen Strafbefehl über 80 Tagessätze à 40 Euro und zwei Monate Führerscheinentzug, gegen den sie Einspruch eingelegt hatte, weshalb das Unfallgeschehen nun vor dem Amtsgericht noch einmal in aller Ausführlichkeit verhandelt wurde. „So ein Fall ist für alle Beteiligten eine Bürde und fällt auch mir nicht leicht“, sagte gleich zu Beginn Richterin Petra Freier und stutzte gleich einmal den forsch vorpreschenden Nebenklagevertreter zurecht: „Ich mag es gar nicht, wenn in meinen Verhandlungen ein scharfer Ton angeschlagen wird, und schon gar nicht in so einem Fall.“ Ein „Fall“, der das Leben einer jungen Frau, die eine Ausbildung zur Altenpflegerin absolviert hat und die seit 2016 im Besitz eines Führerscheins ist, von einer Sekunde auf die andere grundlegend verändert hat.

Sie habe zwar gleich nach dem Aufprall am ganzen Körper nichts mehr gespürt, aber erst nach der Operation im Krankenhaus – nicht der einzigen in den nächsten Wochen und Monaten – erfahren und registriert, dass sie zeit ihres Lebens querschnittsgelähmt sein würde, sagte die junge Frau vor Gericht. „Mein Körper besteht nur noch aus Schmerzen“, beschrieb die im Rollstuhl sitzende 26-Jährige, die wieder bei ihrer Mutter lebt, und zwar weitgehend isoliert, weil sich, wie sie sagte, ihre früheren Freunde sich allesamt von ihr abgewendet hätten, ihren derzeitigen Gesundheitszustand.

Zum Reagieren blieben nur ein paar wenige Sekunden

Um Sekunden beziehungsweise sogar Sekundenbruchteile ist es den Ausführungen des als Sachverständigen zugezogenen Diplom-Ingenieurs Eckhard Fink unmittelbar vor dem Unfall gegangen. Der Gutachter stellte zunächst einmal fest, dass das Fahrzeug der 26-Jährigen am Beginn der Ausfahrspur ausgegangen sein und dann noch etwa 120 Meter gerollt sein muss, ehe es auf Höhe der Mitte der Ausfahrspur stehen geblieben ist.

Was bedeute, dass auf jeden Fall die Möglichkeit bestanden hätte, den Twingo noch nach rechts zu lenken. Weil das aber nicht passiert ist, hatte die als Erste auf das stehende Fahrzeug zufahrende 23-Jährige nach Einschätzung des Gutachters nur um die fünf Sekunden Zeit, um einen Unfall zu vermeiden, was ihr so knapp gelang, dass sie noch im Rückspiegel sehen konnte, was gleich danach passierte. Und zwar deshalb, weil die hinter der 23-Jährigen fahrende 40-Jährige, als sie des stehenden Fahrzeugs gewahr wurde, noch ein oder zwei Sekunden weniger Zeit hatte, die drohende Gefahr zu erkennen und einen Aufprall zu vermeiden.

"Es war eine schicksalhafte Begegnung"

Um ebenfalls noch rechtzeitig auf das plötzlich in ihr Sichtfeld kommende stehende Objekt reagieren zu können, hätte die 40-Jährige nur um die 50 km/h schnell sein dürfen, meinte der Sachverständige auf Nachfrage von Petra Freier, für die sich schon zu diesem Zeitpunkt die Frage stellte, ob bei diesem geringen Maß an Schuld eine Verurteilung der wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagten 40-Jährigen überhaupt zu vertreten sei.

„Es war eine schicksalhafte Begegnung, bei der noch viel mehr hätte passieren können“, meinte die Richterin nicht zuletzt mit Blick darauf, dass es auch schon vorher zum Zusammenstoß hätte kommen können. Was auch die davon verschont gebliebene 23-Jährige so sah, der ihr knappes Ausweichmanöver so zugesetzt hat, dass sie gleich danach erst einmal rechts rangefahren ist und auf dem Standstreifen angehalten hat.

Ein eher seltener Richterspruch: Verwarnung mit Strafvorbehalt

Nachdem in ihren Plädoyers der Verteidiger der Angeklagten Freispruch gefordert und die Vertreterin der Staatsanwaltschaft sich bereit gezeigt hatte, auf ein Fahrverbot zu verzichten und die Geldstrafe für die gelernte Friseurmeisterin auf 60 Tagessätze à 20 Euro zu reduzieren – auch der Nebenkläger räumte ein, dass die im Strafbefehl genannten Tagessätze nicht passen, wollte aber, dass am Fahrverbot festgehalten wird –, sprach Richterin Petra Freier wegen der formal nicht zu leugnenden fahrlässigen Körperverletzung in drei Fällen (bezogen auch auf die zwei im Auto sitzenden Kinder) ein eher seltenes Urteil.

Sie verzichtete nämlich nicht nur auf die Anordnung eines Fahrverbots, sondern setzte auch die von der Staatsanwaltschaft geforderte Geldstrafe für ein Jahr zur Bewährung aus. „Verwarnung mit Strafvorbehalt“ nennt sich so etwas im Juristendeutsch. Zahlen muss die Angeklagte deshalb zunächst einmal nur eine Geldbuße in Höhe von 800 Euro ans Rote Kreuz. Die wesentliche Frage im Hinblick auf die Strafzumessung sei gewesen, wie hoch bei der Angeklagten das Maß der Schuld zu bewerten sei, sagte Petra Freier in ihrer Urteilsbegründung. Und da sei sie der Meinung, dass sich dieses Maß der Schuld „am untersten Rand“ bewege.

„Sie war weder zu schnell noch betrunken noch übermüdet“, konstatiert die Richterin, für die sich am Ende der Verhandlung bestätigt hatte, was sie von Anfang an vermutet hatte: „Es war ein schicksalhaftes Zusammentreffen.“ Leider für eine der Beteiligten mit fürchterlichen Folgen.


Folgen und Strafe

Einerseits, stellte Richterin Petra Freier in ihrer Urteilsbegründung fest, seien die Unfallfolgen bei der Strafzumessung zu würdigen, weshalb auch eine Einstellung des Verfahrens nicht infrage gekommen sei.

Andererseits dürfe die Schwere der Verletzungen, so furchtbar diese auch seien, keine Rolle spielen, wenn es darum gehe, das einer Angeklagten zuzurechnende Maß der Schuld zu beurteilen.

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