Eisenbahnromantik Alte Dame unter Volldampf

Die Dampflok Liesele vor dem Kloster Neresheim ist ein beliebtes Fotomotiv. Foto: Cyris

Neresheim - Ein Mann steht unter Dampf. Gierig wie ein Verdurstender zieht Hermann Hafner an seiner Sprudelflasche. Schon der zweiten innerhalb kurzer Zeit. Hermann Hafner hantiert im Führerhaus einer alten Dampflok im schwäbischen Härtsfeld herum. Draußen brütet die Sonne, drinnen die Feuerbüchse. Der Dampflokführer schwitzt aus allen Poren.

In der Feuerbüchse, wie der Verbrennungsraum in der schwarzen Lok offiziell heißt, glüht schwere Steinkohle. Sie erzeugt eine Bullenhitze. Die ist nötig, um den Wasserkessel zu erwärmen. Der zischend heiße Wasserdampf bringt sogar alte Damen auf Trab.

Liesele, so wird die Lok genannt, hat einige Semester auf dem Buckel: Sie ist Baujahr 1913, also 101 Jahre alt. „Sie ist eine gutmütige Lok“, sagt Hermann Hafner. Dabei war Liesele längst aufs Altenteil abgeschoben worden. Auf einen Kinderspielplatz in Heidenheim an der Brenz. Das war nach der Stilllegung der einstigen Härtsfeldbahn im Jahre 1972.

Der Verein stemmt die Arbeit in Eigenleistung und mit Hilfe von Spenden

1986 wurde sie zurück in ihr altes Revier verfrachtet und danach aufwendig restauriert. Acht Jahre lang. Nachdem endlich auch wieder Schienen verlegt worden waren, konnte die Volldampfseniorin zurück auf die Piste. Seit 2001 fährt sie als Museumsbahn ihre alte, angestammte Strecke ab. Zumindest einen Teil davon.

Der ehemals 55,5 Kilometer lange Gleisverlauf der originalen Härtsfeldbahn von Aalen nach Dillingen wurde nach der Stilllegung fast komplett abgebaut. „Nur noch wenige Meter Gleis in den Bahnübergängen blieben übrig“, sagt Jürgen Ranger vom Härtsfeld-Museumsbahn e. V. Der Verein hat alles in Eigenleistung und mit Hilfe von Spenden gestemmt.

Die Museumsbahn erstreckt sich ein paar Kilometer vom Bahnhof Neresheim bis zur Station Sägmühle, mitten im fast unverbauten Egautal. Mit an Bord: Dampflokführer, Zugbegleiter und Schaffner. Besser: Konduktöre. Es handelt sich schließlich um eine echt schwäbische Eisenbahn. Das Personal rekrutiert sich allesamt aus dem Härtsfeld-Museumsbahn-Verein. Zumeist Eisenbahnfreunde, aber auch Heimatverbundene, denen das Härtsfeld am Herzen liegt. Die Hochfläche auf der Ostalb wird von den Touristenströmen eher links liegen gelassen. Die verträumt wirkende Landschaft ist etwas für Ruhesuchende.

Weil die Bahn so rattert, trägt sie den Spitznamen Schättere

Wenn Liesele über die Schienen rattert, ist es für ein paar Minuten aus mit der Stille. Die Härtsfeldbahn trug früher deshalb auch den Spitznamen „Schättere“. Weil sie beim Fahren so ächzt und scheppert. Aber auch, weil das Zügle einst Treffpunkt war. „Ein Ort zom Schwätza, zom Schättere“, wie Jürgen Ranger erklärt. Der Schättere zu Ehren hat eine lokale Brauerei ein besonderes Gebräu aufgelegt: das Schättere-Pils. Es wird an der Endstation Sägmühle verkauft.

Die Stopps an den Stationen dauern mitunter länger als geplant. Vor allem die kleinen Fahrgäste kümmert es wenig, dass auch für Museumsbahnen ein Fahrplan gilt. Wie den fünfjährigen Luca: „Mami, ich muss mal!“, ruft er. Der Schaffner nickt verständnisvoll und gibt Signal zum Warten. Als Luca wieder auf dem Bahnsteig auftaucht, selbstvergessen und trödelnd, ertönt auch für ihn der Befehl: „Alles einsteigen, bitte!“ Der Schaffner stößt in seine Trillerpfeife, um sodann pflichtbewusst die Tickets zu entwerten. Oder besser: die Billetle. Übrigens bestehend aus jenem pappeähnlichen Material, das Reisenden bis in die achtziger Jahre hinein an den Ticketschaltern in die Hand gedrückt wurde.

Solche Spielereien sind möglich, weil die Museumsbahn nicht unter der Aufsicht der Deutschen Bahn steht. Wohl aber unter dem des Eisenbahnbundesamts. Kleinere Verspätungen gehören deshalb zum Freizeitvergnügen. Mit an Bord sind Wanderer und Radfahrer, Eisenbahnfreaks und Hobbyfotografen.

Das Benediktinerkloster ist die Hauptsehenswürdigkeit im Härtsfeld

Egal zu welcher Jahreszeit – wenn Liesele im Bahnhof Neresheim losrollt, vorbei am fotogenen Kloster Neresheim und durchs Egautal, einem Karstgebiet mit Kalksteinterrassen und Bachauen, in denen sich der Biber wohlfühlt, schlagen die Herzen von Fotografen, Natur- und Nostalgiefans höher. Die Motive wirken wie in einer überdimensionalen Modellbahnanlage. Wenn die Züge vor der beeindruckenden Kulisse der mächtigen Abtei Neresheim vorbeiziehen, scheint es so, als wäre die Zeit stehengeblieben. Das Benediktinerkloster ist die Hauptsehenswürdigkeit im Härtsfeld.

Die Passagiere nehmen freiwillig mit der Holzklasse vorlieb. Mehr Komfort gibt es nicht. Das Erlebnis soll ja originalgetreu sein. Dazu gehört neben der Dampflok auch ein etwas moderner Triebwagen: der T33. Er fuhr ab den fünfziger Jahren auf der Härtsfeldbahn. Sein knalliges Rot und das Eierschalenweiß sind Hingucker in der grünen Landschaft.

„Dort, wo es schön ist, können Museumsbahnen existieren“, sagt Jürgen Ranger vom Härtsfeldbahnverein. Deshalb sei Baden-Württemberg auch bundesweit das Museumsbahnland Nummer eins. Niedersachsen habe zwar eine ähnlich hohe Zahl an historischen Zugstrecken. „Doch wenn man zählt, wo es dampft, dann liegt Baden-Württemberg vorne“, sagt Ranger.

In drei bis vier Jahren sollen 2,5 Kilometer Strecke hinzukommen. Dann endet die Härtsfeld-Museumsbahn am Härtsfeldsee, einem Naherholungsgebiet. Momentan ist die Fahrtzeit hin und zurück mit einer halben Stunde ein relativ kurzes Vergnügen.

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